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Berufsunfähigkeit Immer mehr Deutsche leiden an Berufskrankheiten

Die Deutschen haben immer häufiger Berufskrankheiten. Dazu gehören Vergiftungen durch Asbest, aber nicht Erkrankungen wie Depressionen und Burnout. Wie kommt es zu dieser Zunahme?

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Die Liste der Berufskrankheiten ist gewachsen - die Zahl der Betroffenen gestiegen. Quelle: dpa

Wenn ein junger Mensch sich für einen Beruf entscheidet, sollte man ihm vielleicht die Liste der Berufskrankheiten zeigen, die er theoretisch bekommen könnte.

Chemikanten, Garten- und Landschaftsbauer, Schädlingsbekämpfer, Metallbauer & Co.? Da winken sämtliche Vergiftungen durch Metalle und Metalloide wie Blei, Quecksilber oder Phosphor, die Hornhaut im Auge kann beschädigt werden, auch Krebs ist möglich.

Wer täglich an der Rüttelplatte steht, mit Druckluft hantiert oder immer schwer tragen muss, kann sich die Sehnenscheiden ruinieren, den Meniskus kaputt machen, Nerven, Wirbeln und Bandscheiben können leiden.
Entsprechend sind unter den gefährlichsten Berufen Deutschlands, also all denen, bei denen die Mehrheit nicht bis zur Rente durchhält, keine Bürojobs.

Diese Berufe machen krank

Trauriger Spitzenreiter sind die Gerüstbauer: 52,18 Prozent von ihnen scheiden vor dem eigentlichen Renteneintrittsalter aus dem Berufsleben aus und bekommen eine Berufsunfähigkeits- oder Erwerbsminderungsrente. Auch 50 Prozent der Bergleute und 38 Prozent der Maurer müssen vorher aufhören.

Meist, weil sie sich eine Berufskrankheit zugelegt haben: der Rücken ist krumm, die Atemwege versaut. Psychische Erschöpfungszustände wie Burnout, psychische Störungen oder psychiatrische Erkrankungen zählen dafür nicht zu den Berufskrankheiten – obwohl sie jedes Jahr zu den häufigsten Erkrankungen bei Arbeitnehmern zählen: Wer zu Hause bleibt, tut das in der Regel wegen Schnupfen, Rückenschmerzen – oder Seele.

Burnout, das betrifft häufiger Menschen, die mit dem Kopf arbeiten, als mit den Händen.

Wer praktisch arbeitet, tut sich dagegen eher körperlich weh. Geht man davon aus, dass Jobs in der Industrie zunehmend automatisiert werden, Maschinen körperlich anstrengende Arbeiten übernehmen, dass der Arbeitsschutz und das betriebliche Gesundheitsmanagement immer besser werden, müsste die Zahl derer, die sich eine typische Berufskrankheit zuziehen, eigentlich sinken.

Kosten und Fallzahlen steigen

Dem ist aber nicht so, wie das Bundessozialministerium auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag mitteilte. Demnach erkannten die gesetzlichen Unfallversicherungen beziehungsweise Berufsgenossenschaften im vergangenen Jahr in 20.539 Fällen eine Berufskrankheit an. Zum Vergleich: Im Jahr 2002 waren es 17.722 Fälle. Entsprechend steigen auch die jährlichen Ausgaben der gesetzlichen Unfallversicherung, die im Falle einer Berufskrankheit zahlen muss. In den vergangenen 15 Jahren seien die Kosten von 1,25 Milliarden Euro (2002) auf 1,57 Milliarden Euro (2016) gestiegen.

In acht Schritten zum Burn-Out


Die Bundesregierung sieht als Grund für den Anstieg der Betroffenen unter anderem die Erweiterung der Liste der Berufskrankheiten, hieß es. Seit dem August dieses Jahres gehören zur Liste der Berufskrankheiten auch
- Leukämie durch 1,3-Butadien, wie sie in der Kunstkautschuk- und Gummiindustrie vorkommen
- Harnblasen- und Kehlkopfkrebs, der durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe verursacht wurde, die oft in der Aluminium- und Gießereiindustrie oder an Hochöfen vorkommen
- Fokale Dystonie bei Orchestermusikern oder Musiklehrern
- Eierstockkrebs bei Frauen, die früher in asbestverarbeitenden Betrieben tätig waren.

Vielfach fällt den Angestellten, den Versicherern und letztlich auch den Unternehmen also heute auf die Füße, dass der Arbeitsschutz früher ein anderer war. So reagierten Unternehmen und Arbeitsmediziner erst flächendeckend 1972 auf die Gefahren für ihre Mitarbeiter durch Asbest. Ende 2012 waren trotzdem immer noch fast 89.000 Beschäftigte in Deutschland mit Asbestprodukten in Kontakt, wie es in einem Bericht der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zum Thema Asbest heißt. Wenn man davon ausgeht, dass die Latenzzeit zwischen erhöhter Asbestbelastung und einer Krebserkrankung durchschnittlich mehr als 30 Jahre beträgt, wird die deutsche Wirtschaft berufsbedingte Krebserkrankungen so schnell wohl nicht los.

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