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Beschäftigte im Servicesektor Die Opfer der Homeoffice-Welt

Die Einsamkeit nach dem Ausbruch: New York im März 2020. Quelle: REUTERS

Erstmals zeigt eine Studie anschaulich, wie Remote-Arbeit Städte und Jobs verändert – und wer dabei am meisten verliert.

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Es ist wohl das Bild, das vielen Menschen von der Coronapandemie für den Rest ihres Lebens im Kopf bleiben wird: die gespenstische Leere der Innenstädte. Bellende Hunde in Einkaufsstraßen, spielende Kinder im Kneipenviertel. Inzwischen ist das alte Leben zurückgekehrt, doch das Niveau der Jahre vor der Krise ist längst nicht wieder erreicht. Theater, Sportveranstaltungen, Konzerte finden zwar wieder statt, ausverkauft aber sind sie nur selten. Die Terrassen der Lokale sind voll, aber innen bleibt der große Trubel aus.

Und so sind aus den Fragen über das kurzfristige Überleben in der Krise grundsätzlichere geworden: Was bleibt von den Veränderungen? Wird der Alltag nach der Pandemie wieder der gleiche sein wie zuvor? Oder werden manche Dinge nie wieder zurückkommen? Zumindest für die Arbeitswelt zeichnet sich dabei schon ein relativ deutlicher Trend ab: Viele Jobs, die von zu Hause erledigt werden können, dürften nicht in die Büros zurückkommen.

Und diese Verlagerung ins Homeoffice dürfte nicht nur individuelle Lebensentwürfe, sondern auch lokale Arbeitsmärkte und die Städte insgesamt grundlegend verändern. Wer davon profitiert und wer verliert, das hat jetzt ein Team von Ökonomen der Universitäten Princeton, Georgetown und der Universität von Kalifornien genauer untersucht. „The Geography of Remote Work“ heißt die Studie - und Lukas Althoff, Co-Autor von der Uni Princeton, sagt: „Wir können zeigen, dass sich die Effekte tatsächlich von Stadt zu Stadt, von Wohnviertel zu Wohnviertel unterscheiden.“



Um ihre kleinteilige Analyse umsetzen zu können, werteten die Autoren neben Arbeitsmarktdaten auch Daten von Handynetzbetreibern, Immobilienvermittlern und Kreditkartenunternehmen aus. So konnten sie nachzeichnen, wie sich die Bevölkerung in einzelnen Stadtteilen zusammensetzt, wie sich ihre Bewohner bewegen, wofür sie ihr Geld ausgeben.

Hohe Bevölkerungsdichte, viel Homeoffice

In einem ersten Schritt erhoben die Autoren, wie groß der Anteil von potenziell für die Verlagerung ins Homeoffice geeigneten Jobs in einem Wohnviertel ist, definiert jeweils über die Postleitzahl. Das gilt vor allem für Berufe, die einerseits eine sehr hohe Qualifikation voraussetzen und zugleich im Dienstleistungssektor angesiedelt sind. Also etwa Berufe in der Finanzbranche, im Konzernmanagement oder der IT. Diese Branchen sind vor allem in Städten mit einer besonders hohen Bevölkerungsdichte angesiedelt, in den USA also vor allem in New York, Chicago, San Francisco und Los Angeles. In der Studie zeigt sich nun, dass in diesen besonders verdichteten Städten auch der Anteil von Angestellten, die tatsächlich ins Homeoffice wechselten, besonders hoch war. So gingen in den nach Bevölkerungsdichte oberen zehn Prozent der amerikanischen Städte 50 Prozent aller Angestellten ins Homeoffice, in den unteren zehn Prozent waren es nur 20 Prozent aller Beschäftigten. Anhand der Telefondaten können die Forscher zudem nachweisen, dass aus dieser Arbeitsverlagerung tatsächlich auch eine Veränderung des Aufenthaltsorts folgte. So verloren innerhalb von Metropolregionen die am dichtesten besiedelten Viertel rund zehn Prozent ihrer Bewohner, die am dünnsten besiedelten Viertel gewannen derweil im Durchschnitt fünf Prozent hinzu. Die Entwicklung der Immobilienpreise deutet darauf hin, dass diese Veränderungen nicht nur temporär waren: In den Stadtteilen, in denen vorher besonders viele Menschen mit Homeoffice-geeigneten Jobs lebten, sanken die Mieten besonders stark.

Besonders interessant: Diese Verlagerung hat Folgen, die weit über die eigentliche Abwanderung hinausgehen. Denn die Menschen, die Städte verlassen, verlagern damit auch ihren Konsum. „Der Großteil des Konsums findet in Städten dort statt, wo die Menschen auch leben“, erläutert Ökonom Althoff. So zeigte die Auswertung der Handydaten, dass an den vor-pandemischen Wohnorten der Homeoffice-fähigen Arbeitnehmer die Besucherfrequenz in Geschäften und Lokalen besonders deutlich nachließ. Auch die Kreditkartenumsätze in diesen Vierteln nahmen besonders stark ab. Welch deutliche Auswirkungen dieser Effekt hat, demonstrieren die Autoren anhand des Beispiels New York: In den am stärksten fürs Homeoffice prädestinierten Vierteln in Brooklyn und Manhattan sank die Besucherfrequenz um fast 40 Prozentpunkte mehr als in den weniger betroffenen Vierteln, etwa im Stadtteil Harlem.

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Das hat drastische Folgen für den Arbeitsmarkt: „Die größten Verlierer sind die Bewohner der vorher besonders dynamischen Stadtteile, die dort gering qualifizierte Jobs erledigen“, sagt Althoff. Wer etwa als Kellner in einem Restaurant im Osten Brooklyns arbeitet, der musste in den vergangenen Jahren erleben, dass gutverdienende Kunden in Scharen abwanderten. Wer stattdessen in einem Vorort arbeitete, dürfte zwar eine neue Vorliebe für Lieferservices bemerken, die Gesamtzahl der Kunden aber ist hier relativ stabil geblieben.

Noch ziemlich unsicher ist, welche Rückkoppelungseffekte sich aus dieser Entwicklung ergeben. Je mehr Menschen aus den hippen Vierteln abwandern, desto mehr Restaurants und Bars schließen mit ihnen – und desto mehr von dem, was die Stadtteile einst attraktiv gemacht hat, geht verloren, was wiederum die Attraktivität für Besucher aus anderen Vierteln oder Touristen hat. Es wäre der Beginn einer unheilvollen Spirale, die wieder dort enden würde, wo sie im Frühjahr 2020 anfing: bei gespenstischer Stille. Noch aber ist das nur ein mögliches Szenario.

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