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Bildung an Gymnasien Es gibt bereits ein Schulfach Wirtschaft – es heißt Sozialwissenschaften

Im neuen Schuljahr wird Wirtschaft als Pflichtfach in Gymnasien in NRW eingeführt. Quelle: dpa

In wenigen Wochen startet der Unterricht im Fach Wirtschaft an allen Gymnasien in NRW. Was von der Regierung gut gemeint ist, könnte sich am Ende als wenig durchdacht erweisen.

Zum kommenden Schuljahr 2019/20 soll das Fach Wirtschaft an allen Gymnasien in NRW für die Jahrgangsstufen 5 bis 9 verpflichtend unterrichtet werden. Im nachfolgenden Schuljahr wird Wirtschaft auch an allen anderen Schulformen als Pflichtfach eingeführt. Doch ist das überhaupt sinnvoll?

Selbstverständlich sind wirtschaftliche Kenntnisse für den Einstieg ins Berufsleben unverzichtbar. Laut der Landesregierung haben Schüler und Schülerinnen aus NRW große Wissenslücken, wenn es um das Themen Wirtschaft geht. Und das, obwohl Wirtschaft ohnehin schon der größte Bestandteil des Politikunterrichts ist. Bis zu zwei Drittel der Zeit werden, je nach Schulform, in ökonomische Themen investiert.

Ich besuche derzeit die Stufe EF (10. Klasse) des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums in Hilden und habe dort seit der 5. Klasse Unterricht in Politik beziehungsweise seit diesem Jahr in Sozialwissenschaften. Im Unterricht haben wir sowohl soziologische und politische als auch viele wirtschaftliche Themen besprochen. Ökonomische Prinzipien und Modelle, Merkmale und Unterschiede von wirtschaftlichen Theorien, die Funktion der Börsen und Banken. Das mag viele, aber eben nicht alle Themen abdecken, die für die Zeit nach der Schule wichtig sind. Fragen wie: Welche Versicherungen brauche ich? Worauf muss ich beim Abschluss von Verträgen achten? finden im derzeitigen Unterricht kaum Platz.

Allerdings muss man sich auch fragen, was die Schule leisten kann. Schule kann mit Sicherheit einiges zum Bestehen im späteren Berufsalltag beitragen, aber nicht alles. Man kann das beste Schulsystem der Welt haben, doch ab einem gewissen Punkt ist die Eigeninitiative von Schülerinnen und Schülern unerlässlich.

Ist also die Einführung eines Faches Wirtschaft die richtige Entscheidung?

Befürworter argumentieren, ein eigenes Fach Wirtschaft biete eine Plattform, um das Wissen über die verschiedenen Teilbereiche der Wirtschaft – die im späteren Leben eine Rolle spielen – zu vertiefen. Außerdem sei nur so ausreichend Zeit, um die Schüler über den Einstieg ins Berufsleben und die anschließenden Rechte und Pflichten als Arbeitnehmer zu informieren. Auch erste Erkenntnisse über die Funktion von Unternehmen würden so in der Schule gewonnen. Denn gerade in der heutigen Zeit werden immer mehr Start-Ups hauptsächlich von jungen Menschen gegründet. Damit das ohne Probleme gelingt, sind wirtschaftliche Kenntnisse essenziell.

Kritiker des Schulfachs Wirtschaft hingegen bemängeln die schnelle Einführung des neuen Faches, da der Kernlehrplan ohne den Rat von Volks- und Betriebswirten, die die nötige Fachkompetenz besitzen, aufgestellt wurde und die unverzichtbare Fachdidaktik noch nicht ausreichend vorhanden sei.

Ein weiteres Problem ist der Mangel an entsprechend ausgebildeten Lehrern. Was bringt ein neues Fach, wenn es keine Lehrer gibt, die es unterrichten können? Ja, es soll ein neuer Studiengang für Wirtschaft auf Lehramt eingerichtet werden, aber bis die ersten Lehrer unterrichten, dauert es mindestens sechs Jahre. In der Zwischenzeit sollen Lehrer fachfremd unterrichten. Sie müssen zwar eine Fortbildung besucht haben, aber wie auch die Befürworter des neuen Faches betonen: Wirtschaft ist ein sehr komplexes Fach. Da reicht kein Crashkurs aus, um den Schülern einen adäquaten Unterricht zu bieten.

Im Bereich Wirtschaft geht es ja nicht nur darum, dass man Fakten und Ereignisse auswendig lernt. Es geht vielmehr um das Verständnis und die Reflexion wirtschaftlicher Ereignisse. Dazu reicht eine einseitige Sicht aus dem Blickwinkel der Ökonomik nicht aus. Vielmehr müssen auch die Folgewirkungen wirtschaftlicher Entscheidungen für Politik und Gesellschaft sowie deren Reaktionen beachtet werden. Ob das mit einem Fach Wirtschaft gelingt, ist fraglich. Vor allem, wenn die Lehrer nur den einen Bereich, nämlich Wirtschaft, studiert haben.

Wäre es daher nicht sinnvoller, ein Fach zu etablieren, das all diese Teilgebiete miteinander vereint? Die Lösung heißt Sozialwissenschaften. Sozialwissenschaften oder kurz Sowi vereint hauptsächlich Politik, Soziologie und Wirtschaft, umfasst aber auch noch viele weitere Themen aus den Gesellschaftswissenschaften. Die drei Bereiche hängen miteinander zusammen und haben Auswirkungen aufeinander. Wenn die Politik etwas entscheidet, hat es auch Einfluss auf die Gesellschaft und die Wirtschaft. Ein Fach Sozialwissenschaft lässt auf jeden der drei Teilbereiche mehrere Perspektiven zu, die durchaus kritisch gegenüber dem Kapitalismus sein können, und verhindert somit einen einseitigen Unterricht, wie er von vielen beim Fach Wirtschaft befürchtet wird.

Natürlich spielen nicht nur die verschiedenen Perspektiven eine Rolle, sondern auch das Verknüpfen der erlernten Kompetenzen. Das Ziel der Schule ist es, einen mündigen Bürger auszubilden, der durch Fakten und das Verknüpfen von mehreren Perspektiven und Kompetenzen, seine Entscheidungen treffen kann. Sicher, Wirtschaft ist ein wichtiger Pfeiler unserer Gesellschaft, aber Politik und Demokratie sind es ebenfalls. Gerade in Zeiten eines wachsenden Rechtsextremismus sollte die Schule auch die Wertschätzung der Demokratie vermitteln. Oder um es mit den Worten Willy Brandts zu sagen: „Mehr Demokratie wagen!“

Wo, wenn nicht in der Schule, sollte dies vermittelt werden?

Zur Autorin

Eine Kombination der drei Gesellschaftswissenschaften Politik, Soziologie und Wirtschaft fördert dieses Verständnis. Sozialwissenschaften auf Lehramt haben zudem viele Politik- und Sowi-Lehrer studiert, da dieses Fach in der gymnasialen Oberstufe angeboten wird.
Somit würde man den bereits massiven Lehrermangel nicht noch zusätzlich verstärken und den Wirtschaftswissenschaften dennoch einen angemessenen Raum bieten.

Ein isoliertes Fach Wirtschaft mag gut gemeint sein, ist jedoch nicht bis zum Ende durchdacht. Es fehlen Lehrer, es besteht die Gefahr, dass der Unterricht monoperspektivisch wird und die Vermittlung von Demokratieverständnis auf der Strecke bleibt.
In wenigen Wochen wird der Wirtschaftsunterricht an den nordrhein-westfälischen Gymnasien für die Sekundarstufe I beginnen. Dann wird die Praxis zeigen, ob die Landesregierung den Schülern damit einen Gefallen getan hat oder nicht.

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