BKK Gesundheitsatlas 2015 Depression und Burnout sind Trenddiagnosen

Neue Zahlen über Depressionen warnen vor einer bundesweiten Über-Diagnostik. Je mehr Ärzte in der Nähe, desto mehr Menschen gelten als psychisch krank. Die Rede ist hier von 43-fachen Schwankungsbreiten.

Ein Mann mit einem Regenschirm Quelle: dpa

Die Deutschen haben psychische Probleme: Rund 15 Prozent aller Krankentage mit ärztlichem Attest entfallen auf psychische Erkrankungen. Die durchschnittliche Krankheitsdauer liegt bei 40 Tagen. Antriebs- und Stimmungsstörungen, zu denen auch Depressionen zählen, machen einen Großteil davon aus und verursachen im Schnitt sogar 58 dokumentierte Ausfalltage pro Erkranktem. Die Krankentage wegen seelischer Leiden haben sich seit 2003 mehr als verdoppelt, die Falldauer stieg in zehn Jahren um 25 Prozent. Das ist das Ergebnis des „Gesundheitsatlas 2015 – Blickpunkt Psyche“ der Betriebskrankenkassen (BKK).

Rund 4,3 Millionen Menschen sind in Deutschland in einer BKK versichert. Die Datengrundlage gilt damit als statistisch relevant. Doch bei näherer Analyse der veröffentlichten Zahlen stellt sich die Frage nach dem Ei und dem Huhn.

Die Fakten zum BKK-Gesundheitsreport 2015
Zettel Depression Quelle: dpa
Eine Frau an einem See Quelle: dpa
Eine Frau Quelle: dpa
Schild mit der Aufschrift Arzt Quelle: dpa
Ein Mann ist überfordert Quelle: dpa
Rentenbescheid Quelle: dpa

Große regionale Unterschiede

Laut den BKK-Abrechnungsdaten werden Depressionen insbesondere in Bayern und Baden-Württemberg  häufiger diagnostiziert als im Norden oder Osten Deutschlands. In Großstädten wie Berlin, Hamburg, München leiden mehr Menschen daran als in ländlichen Gegenden. Das ließe sich noch mit städtischem Stress und Anonymität erklären, aber nicht die Detailanalysen von Depressionen und des Burn-out-Syndroms.

Bei den Diagnoseraten, Krankschreibungen sowie Antidepressiva-Verordnungen werden Schwankungsbreiten bis zum 43-fachen des höchsten Werts gegenüber dem niedrigsten berichtet. So bekamen nur 0,3 Prozent der BKK Versicherten im Saale-Orla-Kreis (Thüringen) eine Burn-out-Diagnose, während dieser Anteil im Kreis Ansbach (Bayern) bei 3,4 Prozent liegt. Gleiches gilt für die Verordnung von Antidepressiva: Im Kreis Meißen (Sachsen) liegt der Anteil der BKK Versicherten, die ein Antidepressivum erhalten, bei 4,4 Prozent. Im Kreis Straubing (Bayern) ist der Wert mit 11,5 Prozent mehr als doppelt so hoch.

Der Zusammenhang mit Regionalindikatoren wie der Ärztedichte (Nervenarzt, Hausarzt, Psychiater, Psychotherapeut) ist statistisch nachweisbar.

Symptome einer Depression

Zugleich aber zeigen andere empirische Studien, anders als die Krankschreibungen, keine wesentliche Zunahme psychischer Störungen. Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbandes, sagt: „Eine der Erklärungen für die häufigeren Krankschreibungen ist, dass die Menschen ihr psychisches Leiden heute eher akzeptieren und Hilfe suchen.“ Zudem seien die Hausärzte heute besser darin geschult, psychische Leiden auch als solche zu erkennen, statt unspezifische körperliche Beschwerden zu attestieren.   

Das würde zu den epidemiologischen Daten auf Bevölkerungsebene passen, die keine generelle Zunahme psychischer Störungen seit Ende der 1990er Jahre ausweisen.

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Frank Jacobi, Professor an der  Psychologischen Hochschule Berlin: „Möglicherweise haben wir es auch mit einer Überdiagnostizierung zu tun. Eine Diagnose wird häufig unspezifiziert oder bei nur leicht beeinträchtigten Personen gestellt, um überhaupt eine Unterstützung anbieten zu können.“ Der Mediziner warnt: Der Trend zu Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme könnte aber auch dazu führen, dass sich Menschen zu schnell als behandlungsbedürftig erleben und auch bei normalen, vorübergehenden psychischen Belastungen das Hilfesystem aufsuchen.“

Das dürften viele Ärzte anders sehen: Besser ein Erkrankter kommt im Zustand einer beginnenden Erschöpfungsdepression zum Arzt, als er wartet heldenhaft bis zum Burn-Out. Viele Kranke fürchten zudem immer noch die Stigmatisierung auf Grund einer psychischen Krankheit und reden lieber von Rückenproblemen oder anderen gesellschaftlich angeseheneren Diagnosen.

Womöglich zu recht. Denn dank der fortschreitenden Digitalisierung der Patientendaten verbleibt die Diagnose zudem in den Akten von Ärzten, Kliniken, Krankenkassen oder Rentenversicherern. „Wer einmal die Diagnose Angsterkrankung, Depression oder Persönlichkeitsstörung erhalten hat“, warnt Jacobi, „den wird diese Diagnose auch bei späteren Erkrankungen ganz anderer Art verfolgen“.

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