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Burnout-Erkrankungen  „Der Druck ist heute viel höher als vor 30 Jahren“

Burnout-Erkrankungen: Ein Facharzt für Psychiatrie erklärt, was Burnout von Depressionen unterscheidet, wieso Stress allein kein Problem ist und warum ein optimiertes Zeitmanagement nicht hilft. Quelle: imago images

Burnout-Erkrankungen haben zahlreiche Ursachen. Ein Facharzt für Psychiatrie erklärt, was Burnout von Depressionen unterscheidet, wieso Stress allein kein Problem ist und warum ein optimiertes Zeitmanagement nicht hilft.

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Herr Wahl-Kordon, in Ihre Kliniken kommen Manager, Start-up-Gründer, Banker. Allesamt Personen, auf die zutrifft, was man gern über Burnout-Patienten sagt: Wer ausgebrannt ist, hat zumindest mal für etwas gebrannt. Werden Burnout-Erkrankungen heroisch verklärt?
Ja, das ist in der Tat so. Das ist ein großes Problem, denn da schwingt mit: Nur wer entsprechende Leistung gebracht hat, darf krank sein. Das stellt im Prinzip eine sekundäre Stigmatisierung dar.

Wer nicht bis zur totalen Erschöpfung gearbeitet hat, verdient es nicht, krank zu werden und sich behandeln zu lassen?
Genau. Zumal es ja so ist, dass wir Burnout-Erkrankungen vor allem mit Managern und andern sogenannten Leistungsträgern verbinden. Geprägt hat den Begriff in den Siebzigerjahren der Psychiater Herbert Freudenberger aber in einem ganz anderen Kontext. Er beobachtete Sozialarbeiter, die mit psychisch kranken und suchtkranken Menschen arbeiteten. Diese Sozialarbeiter engagierten sich über die Maße für ihre Klienten, hatten aber oft keine Festanstellung und verspürten entsprechend viel Unsicherheit in ihrem eigenen Leben. Diese doppelte Belastung ließ viele von ihnen ausbrennen. Heute fallen pflegende Angehörige oder Call-Center-Mitarbeiter Im Zusammenhang mit Burnout aus der öffentlichen Wahrnehmung völlig heraus – obwohl sie in der Regel größerem Stress ausgesetzt sind als Manager und entsprechend auch stärker gefährdet sind, auszubrennen. 

Was ist denn überhaupt eine Burnout-Erkrankung? Der Begriff ist ja hoch umstritten. Viele Psychiater sprechen bis heute lieber von Depressionen.
Es gibt Dutzende unterschiedliche Definitionen, die nicht einheitlich verwendet werden. Wir betrachten Burnout als eine Risikokonstellation für psychische und körperliche Belastungen im Zusammenhang mit arbeitsbedingtem Stress. Als eigenständige Krankheit wird es noch nicht anerkannt, allerdings nimmt die Weltgesundheitsorganisation Burnout 2022 in ihre überarbeitete Klassifikation von Erkrankungen auf, was zu einer klareren Definition und einer Abgrenzung von der Depression führen dürfte, mit der Burnout bis heute verwechselt wird.

Andreas Wahl-Kordon ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit Oktober 2014 ist er Ärztlicher Direktor der Oberbergklinik Schwarzwald. Quelle: Presse

Was unterscheidet einen Burnout von einer Depression?
Es gibt zahlreiche Überschneidungen, was die Symptome anbetrifft: Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, ständige Erschöpfung. Allerdings kann sich ein Burnout auch in Angststörungen ausdrücken, was bei Depressionen nicht der Fall ist. Ausgebrannte Menschen sind ständig gereizt, depressive in der Regel nicht. Suizidgedanken und ein vermindertes Selbstwertgefühl wiederum sind typisch für depressive, nicht aber für ausgebrannte Menschen. Die Risikokonstellation, die der Burnout darstellt, kann in Richtung einer Depression gehen, aber auch in Richtung von Angststörungen oder Abhängigkeitserkrankungen. Burnout mit Depression gleichzusetzen, greift deshalb zu kurz. 

Woran erkennt jemand, dass er ausgebrannt ist?
Drei Symptome sind typisch: Seelische und körperliche Erschöpfung, ein reduziertes Leistungsvermögen, egal ob faktisch oder nur wahrgenommen, und ein immer zynischeres Verhältnis gegenüber der beruflichen Tätigkeit, die man selbst nicht mehr als sinnstiftend erlebt.

Erschöpft fühlt sich jeder Arbeitnehmer mal, deswegen ist er ja noch nicht gleich krank.
Das stimmt. Ein guter Indikator für eine Erkrankung ist der Jahresurlaub. Wenn wir zwei, drei Wochen frei haben und uns erholen, fühlen wir uns in der Regel wieder gut. Wenn diese Erholung im Urlaub nicht mehr möglich ist, ist das ein Alarmsignal. Wenn Sie das Gefühl der Erschöpfung nicht mehr loswerden, sollten Sie dringend mit Ihrem Hausarzt reden. Das muss nicht gleich in einen Klinikaufenthalt münden. Für den Anfang reicht es, sich für eine oder zwei Wochen krankschreiben zu lassen und die eigenen Ressourcen wieder aufzufüllen. Intensivieren sich die Symptome in dieser Zeit, sollte man gemeinsam mit seinem Arzt über ambulante Behandlungsmöglichkeiten nachdenken oder eine Kurzzeit-Psychotherapie. Erst wenn auch das nicht fruchtet, ist eine stationäre Behandlung angebracht.

„Fernseher und PC sind regelrechte Entspannungs-Killer“

Kommen die Menschen eher aus eigenem Antrieb oder auf Anraten ihrer Familien oder Arbeitgeber in Ihre Kliniken?
Viele Patienten merken selbst, dass es so nicht mehr weitergeht und kommen aus eigenem Antrieb in unsere Oberbergkliniken. Oft werden sie dabei durch ihre Familie unterstützt. Dass Arbeitgeber aktiv werden, ist bis dato die Ausnahme. Das passiert noch viel zu selten.

Dafür scheinen Yoga-Kurse und Zeitmanagement-Schulungen bei Arbeitgebern aktuell hoch im Kurs zu sein. Was halten Sie davon?
Da bin ich zwiegespalten. Solche Maßnahmen helfen einerseits, die eigene Widerstandsfähigkeit in belastenden Zeiten zu steigern. Gerade Yoga- und Meditationsübungen können zur Entspannung beitragen. Bewegung, eine gesunde Ernährung und regelmäßige Entspannung sind sehr wichtig, um die eigene Resilienz zu steigern. Andererseits hat das auch immer einen Aspekt von Selbstoptimierung, den ich sehr kritisch sehe. Das Optimieren des eigenen Zeitmanagements wird in seiner Wirksamkeit sehr überschätzt. Es sollte nicht darum gehen, mehr zu leisten oder mehr Druck auszuhalten. Es geht darum, in der Lage zu sein, zu hinterfragen, ob ich mich selbst gerade ausbeute oder in Gefahr bringe. Viele Menschen glauben, sie können alles erreichen, wenn sie sich nur genug anstrengen. Das mündet in einer permanenten Selbstausbeutung. Wer schon überlastet ist, und glaubt, mehr leisten zu können, indem er seinen Tag effizienter einteilt, fährt vor die Wand.

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Wie sieht aus Ihrer Sicht eine angemessene Entspannung aus?
Regelrechte Entspannungskiller sind Bildschirmmedien wie der Fernseher oder der PC, da verfallen wir in eine passive Haltung. Diese Passivität führt zu einem Aufrechterhalten des Stresserlebens. Lesen Sie einen Roman, gehen Sie im Wald spazieren, treffen Sie Freunde oder Verwandte. All das hilft uns, Stress zu verarbeiten.

Kann Stress allein einen Burnout verursachen?
Nein, nicht direkt. Akuter Stress macht uns erst einmal leistungsfähiger. Er ist nicht gesundheitsgefährdend, sondern im Gegenteil eine gute Sache. Akuter Stress treibt uns an und steigert unsere Leistungsfähigkeit, wenn es um die Lösung eines Problems geht. Ist das Problem gelöst, ebbt das Stressempfinden wieder ab. Problematisch ist dauerhafter, chronischer Stress, der auch zu körperlichen Folgeerkrankungen führt: Übergewicht, kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes. Dieser Stress entsteht vor allem in prekären Arbeitssituationen. Darunter leiden die Mitarbeiter im mittleren Management eher als der CEO. Wer eine Mittlerfunktion hat, hat wenig Freiraum bei der Gestaltung seiner Arbeit, dafür ständig das Gefühl, nicht genug leisten zu können. Dann bleiben noch Anerkennung und Wertschätzung aus, es gibt Ärger daheim – und schon beginnt eine Abwärtsspirale.

Wie ist Ihr Eindruck, hat die Zahl der Burnout-Erkrankungen in den vergangenen Jahren zugenommen – oder wird die Erkrankung nur häufiger diagnostiziert?
Da wir noch keine einheitlichen Kriterien für die Erfassung einer Burnout-Erkrankung anwenden, ist das schwer zu sagen. Fakt ist, dass mehr und mehr Krankenkassen die Diagnose Burnout als Grund für eine Arbeitsunfähigkeit akzeptieren – was zumindest darauf hinweist, dass die Erkrankung ernster genommen wird. Ich vermute auch, dass Burnout-Erkrankungen heute häufiger vorkommen. Mehr und mehr Menschen bis weit in die Mittelschicht hinein erleben zunehmende Unsicherheit. Der Druck ist heute weitaus höher als noch vor 30 Jahren. Viele gut ausgebildete Menschen können sich heute noch so sehr anstrengen, sie werden kein Geld für ein Eigenheim haben und leben in der ständigen Angst, ihren Job zu verlieren. Diese Verunsicherung führt zu Dauerstress, der sich physiologisch und psychologisch auswirkt – und auch die Resilienz am Arbeitsplatz unterminiert.  

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