Compliance-Richtlinien Deutsche plaudern Betriebsgeheimnisse aus - aus Versehen

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Ob Zuckerhersteller, Brauer oder Matratzenproduzent – Preisabsprachen und Vorteilsnahme haben Konjunktur. Doch nicht nur Manager sind korrupt, auch die Angestellten brechen Regeln - und zwar oft ohne es zu wissen.

Die spektakulärsten Kartellfälle
Verdacht verbotener Preisabsprachen im Großhandel mit Pflanzenschutzmitteln Quelle: dpa
Jemand fährt Fahrrad auf einem gepflasterten Weg Quelle: dpa/dpaweb
Magna Quelle: AP
Anna Kurnikova Quelle: dpa
U-Bahn Quelle: AP
Schriftzug von Villeroy und Boch Quelle: dpa
Bratwürste Quelle: dpa
Logo von Thyssen-Krupp Quelle: dpa
Firmengelände von Dow Chemical Quelle: AP
Jemand hält eine Kartoffel Quelle: dpa
Fahne von Eni Quelle: AP
Hersteller von Kugellagern für die Autoindustrie stehen unter dem Verdacht illegale Preisabsprachen getroffen zu haben Quelle: AP
Jemand kratzt Eis von einer Scheibe Quelle: dpa
Logo von Intel Quelle: dapd
Kaffeetasse Quelle: dpa
Gasflammen Quelle: dpa/dpaweb
Rolltreppen Quelle: ZB
Gemüse Quelle: AP
Leute stoßen mit Bier an Quelle: dpa
Zementsäcke von HeidelbergCement Quelle: dpa/dpaweb

Deutschland ist ein Paradies für Kartelle und Korrupte - zumindest wenn man auf die Zahl der Ermittlungsverfahren des deutschen Kartellamts blickt. Im letzten Jahr hat die Behörde sogar ihren eigenen Bußgeldrekord geknackt. Entsprechend sensibel ist die Öffentlichkeit geworden, was Compliance-Fragen anbelangt. Schließlich zahlten vergangenes Jahr nahezu im Wochentakt große Konzerne Millionenstrafen wegen Preis- oder Zinsabsprachen oder wegen Korruptionsfällen bei der Vergabe von Großaufträgen. Dass Korruption also nicht nur nicht gern gesehen, sondern eine recht teure Straftat ist, hat sich also in den Köpfen festgesetzt. Entsprechend steht das Thema Compliance bei vielen deutschen Unternehmen auf der Agenda. Nur: Die Deutschen handeln leider nicht danach. Eine Umfrage von Recommind, einem Anbieter von E-Discovery-Lösungen und Suchmaschinentechnologie, zeigt, dass Verstöße gegen Compliance-Regeln zum Arbeitsalltag gehören.

Demzufolge verhalten sich mehr als 80 Prozent der über 1000 deutschen Arbeitnehmern wettbewerbswidrig: Sie sprechen mit Freunden oder anderen Arbeitnehmern, die in der gleichen Branche tätig sind, über Preise und Marktverhältnisse. Mehr als jeder Dritte tut dies sogar häufig. Und das gilt als wettbewerbswidriges Verhalten - auch wenn am Stammtisch niemand die Absicht hatte, Preise abzusprechen. Entsprechend sind sich auch nur knapp drei Prozent der Beschäftigten überhaupt bewusst, dass dies eine Straftat darstellen und rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen kann. Die Unternehmen kommen also um eine sorgfältige Aufklärungsarbeit rund um das Thema Compliance nicht herum, wenn sie nicht wollen, dass ihre Mitarbeiter aus Versehen Geheimnisse ausplaudern.

Unternehmens-Knigge

Wie hoch jedoch die Diskrepanz zwischen dem eigenen tatsächlichen Verhalten und Risikoeinschätzung ist, zeigt folgendes Ergebnis der aktuellen Studie: So tauscht sich zwar jeder dritte Arbeitnehmer ohne Führungsverantwortung und sogar 40 Prozent der Führungskräfte regelmäßig mit anderen über Preise und Marktverhältnisse aus, dennoch sehen nur 17 Prozent aller Befragten die Gefahr, dass ihre Kollegen es ihnen gleichtun.

Doch kommen Chefs ihrer Kontrollpflicht nicht nach oder spielen sie selbst eine aktive Rolle bei Compliance-Verstößen, riskieren sie, für Forderungen von Unternehmen, Behörden und Wettbewerbern persönlich zu haften. Und je nach Schwere des Vergehens können Strafzahlungen und Schadensersatzforderungen in die Millionenhöhe gehen. Auch Manager-Haftpflichtversicherungen sind kein Allheilmittel. Denn diese greifen bei wissentlichem Verhalten gar nicht. Darüber hinaus sollten Unternehmen den immensen Reputations- und Vertrauensverlust gegenüber Verbrauchern nicht vergessen, der etwa bei Bekanntmachung von Preisabsprachen entstehen kann. Denn ein geschädigter Ruf kann oft nur mühsam und teuer wieder aufgebaut werden.

Korruptionsgefährdete Branchen

Darüber hinaus hat Recommind abgeklopft, für wie korruptionsgefährdet deutsche Beschäftigte ihren Arbeitgeber halten. Besonders hoch stufen sie das Risiko ein, dass interne und vertrauliche Informationen weitergegeben werden. Dies sagen 28 Prozent. 22 Prozent meinen, die Gefahr sei hoch, dass sich Kollegen durch Geschenke oder Gefälligkeiten bei der Auftragsvergabe beeinflussen lassen. Dies bestätigen auch die Ergebnisse einer weiteren von Recommind in Auftrag gegebenen Arbeitnehmer-Studie aus dem Januar. So würde jeder vierte Beschäftigte völlig bedenkenlos Geschenke von Kunden, Lieferanten oder anderen Geschäftspartnern am Arbeitsplatz annehmen. Immerhin 20 Prozent sahen eine Schmerzgrenze bei einem Geschenkwert von 30 Euro.

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Als besonders korruptionsgefährdet stufen die Befragten vor allem Banken und Versicherungen, gefolgt von der Mineralölbranche und der Rüstungsindustrie ein. Auf den Plätzen vier bis sechs folgen die Pharma-, die Energiebranche und deutsche Behörden. Vertrauen bei den Befragten genießen hingegen vor allem die Hotelbranche, die Metallindustrie sowie der Maschinen- und Anlagenbau.


Wenn es darum geht, Korruption, Betrug und Vorteilsnahme zu bekämpfen, zeigt sich die deutliche Mehrheit aller Befragten allerdings auch kooperationsbereit. Zwar sind deutsche Arbeitnehmer dafür bekannt, mit Argusaugen auf den Datenschutz zu schielen, dennoch ist mehr als jeder zweite einverstanden, seine beruflichen E-Mails durchleuchten zu lassen, wenn auf diese Weise Straftaten vereitelt werden können. Die befragten Führungskräfte zeigen sich sogar noch kooperativer (73 Prozent). Die Hälfte aller Befragten ist zu diesem Schritt jedoch nur bereit, wenn ein konkreter Verdachtsfall vorliegt. Hingegen wollen 37 Prozent aller Beschäftigten laut eigener Aussage nicht unter Generalverdacht stehen und sperren sich gegen eine völlige Transparenz ihres elektronischen Schriftverkehrs.

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