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Coworking Spaces Gemeinsam statt einsam

Bürogemeinschaften gelten als Ort für Start-ups und Freie. Auch große Unternehmen entdecken die kreativen Netzwerk-Oasen langsam für sich. Allerdings funktioniert das in der Praxis nicht immer so einfach wie gedacht.

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Das Betahaus in Berlin zählt zu den größten Coworking Spaces in Deutschland.betahaus | Berlin Quelle: Stefano Borghi

Das Büro sollte der Anfang sein, doch es wurde das große Problem. Madeleine Gummer von Mohl und ihre Mitstreiter mieteten sich einen ganz klassischen Raum zum Arbeiten, als sie ein Start-up namens Politikfabrik für Beratungen gründeten. Doch das Arbeitsvolumen schwankte und damit auch die Mitarbeiterzahl. Mal waren vier vor Ort, mal 30 Personen. „Das Büro war immer entweder zu groß oder zu klein“, sagt Gummer von Mohl heute.

Die klassische Bürogemeinschaft funktionierte nicht so, wie sie und ihre Kollegen sich das vorgestellt hatten. Aus der Not machten sie einfach ein neues Start-up und gründeten das Betahaus in Berlin. Dort bieten sie seit 2009 Schreibtische für Gründer und Freie, aber auch für große Unternehmen an. Statt festen Verträgen ab fünf Jahren, wie es in großen Bürogebäuden üblich ist, können Interessenten für nur drei Monate dort einziehen und sich an ihrem Arbeitsplatz entfalten.

Bürogemeinschaften wie das Betahaus – neudeutsch: Coworking Spaces – haben sich längst auch in Deutschland etabliert. Der Trend kommt aus dem Silicon Valley, dem Kreativtal der USA, in dem Google und Facebook ihre weltverändernden Produkte erarbeiten. Die Idee: Offene Räume für offene Gedanken. Kreative und Freie jeder Art sollen eine Arbeitsatmosphäre vorfinden, die ihre Ideen fördert. Möglichst viele Menschen mit unterschiedlichen Berufen sollen in einem Raum zusammenarbeiten. Doch nicht jede Bürogemeinschaft funktioniert in der Praxis so gut wie in der Theorie. Gerade große Unternehmen unterschätzen die Arbeit dahinter.

Die Arbeitswelt verändert sich, und mit ihr auch die Art und Weise, wie und wo wir arbeiten. Das Einzelbüro ist schon lange aus der Mode, mit den Großraumbüros kamen die ersten Vorläufer kreativer Bürogemeinschaften in die Unternehmen. Der Boom kommt auch durch modernere Beschäftigungsformen wie Teilzeitarbeit und 400-Euro-Jobs. Immer mehr Menschen sind zum Beispiel Freiberufler. Waren es 1993 noch 533.000 Selbstständige, stieg die Zahl bis 2013 auf knapp 1,2 Millionen.

Coworking Spaces sind ein vergleichsweise neues Phänomen und deutlich schwieriger zu definieren. „Ein Coworking Space geht über die klassische Bürogemeinschaft hinaus“, erklärt Suntje Schmidt. Die Wissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Verena Brinks die Berliner Lab-Szene untersucht, dazu gehören auch Coworking Spaces. Es gehe nicht nur darum, Arbeitsplätze anzubieten, sondern eine Interaktion zwischen den unterschiedlichen Mietern zu schaffen, erklären die beiden Wissenschaftlerinnen.

Derzeit arbeiten nach einer Schätzung des Magazins „Deskmag“ und den deutschen Ergebnissen der vierten Global Coworking Survey rund 11.000 Menschen in Deutschland in sogenannten Coworking Spaces. Der Trend bleibt ungebrochen: Allein 2013 legte die Zahl der Bürogemeinschaften um etwa 30 Prozent zu.

Zu den etwa 300 Coworking Spaces zählt auch das Berliner Betahaus. Am Anfang mieteten sich die Gründer zwei Mal 50 Quadratmeter. Inzwischen ist das Vorzeigeprojekt auf 2500 Quadratmeter angewachsen und zählt rund 350 Mitglieder. Vor allem Freie, Start-ups und Makers – Menschen, die mit ihren Händen zum Beispiel an neuer Technik arbeiten – mieten sich dort ein. Wichtig ist dabei vor allem eins: das Netzwerk. „Am Anfang kamen die Leute wegen des Arbeitsplatzes“, erzählt Gummer von Mohl. „Inzwischen kommen sie wegen des Netzwerks.“

Das „Du“ ist normal

So gelingt das Zusammenleben im Großraumbüro
Nach Funktionen zusammen sitzenMenschen sollten im Großraumbüro nach Funktionen zusammen sitzen. So können sie sich gut austauschen und werden weniger durch die Arbeit der anderen abgelenkt – schließlich arbeiten ohnehin alle gleich. Quelle: ZB
Handys lautlos schaltenJe mehr Smartphones im Großraumbüro singen, piepsen und brummen, desto nerviger wird die Zusammenarbeit. Daher sollte jeder sein Handy lautlos stellen. Quelle: AP
Gegenseitige AkzeptanzMuss man sich im klassischen Einzelbüro den Raum - wenn überhaupt - mit einer Person teilen, sitzen Menschen in Großraumbüro zu zehnt oder mehr zusammen. Verschiedene Charaktere mit verschiedenen Einstellungen, Erwartungen und Marotten treffen hier aufeinander. Das kann zu Konfliktpotenzial führen. Also gilt es, sich gegenseitig zu akzeptieren.   Quelle: dpa
Offene AussprachenWenn jemanden etwas stört, dann sollte er das auch kundtun. Sein Ärgernis über das laute Tippen des Sitznachbarn oder die ewig schlechten Witze des Hintermanns runterzuschlucken, führt nur zu mehr Verärgerung – und verschlechtert das Betriebsklima. Also gilt es, sich einfach locker, freundlich und unvermittelt auszusprechen: „Kannst du bitte ein wenig leiser tippen?“ oder „Kannst du etwas leiser sprechen?“ wirken mehr als, wenn irgendwann die angestaute Wut motzend aus einem herausbricht. Quelle: Fotolia
Distanz haltenJeder Mensch hat eine Intimzone von etwa 50 Zentimetern. Und die sollten Kollegen einhalten, auch wenn es im Großraumbüro schnell eng werden kann. Was für den einen eine angenehme Nähe ist, kann dem anderen schließlich schon zu nah sein. Quelle: Fotolia
Auf die Worte achtenAußer vielen Kollegen finden sich in Großraumbüros auch immer doppelt so viele Ohren. Und nicht jedes Ohr muss gleich jede Intimität oder Privatsache mitbekommen. Daher sollte man auf seine Worte achten und private Gespräche lieber draußen abhalten. Quelle: dpa
Riechendes Essen verbannenEin Großraumbüro, viele Geschmäcker. Wenn Chinabox, Dönertasche und Pizza mit Knofi aufeinander treffen, sorgt das für eine Atmosphäre, in der sich niemand wohlfühlt. Um Gerüche, die sich in Möbeln und Kleidern festsetzen, zu vermeiden – sowie die  Konflikte die dadurch entstehen, weil manche Kollegen gewisse Düfte nicht ertragen können oder wollen, sollten Chefs geruchsintensive Gerichte im Großraumbüro verbieten. Quelle: dpa

Das hat auch Tim Kirchner in das Betahaus gelockt. Gemeinsam mit drei Freunden entwickelt er ein Stativ, das wackelfreie Filmaufnahmen bei jeglicher Art von Bewegung verspricht. Bei einer Veranstaltung im Betahaus, einem weiteren Geschäftsbereich des Unternehmens, stellten Kirchner und seine Kollegen ihr Projekt „LUUV“ vor. Aus einem Abend wurde ein Jahr. Die vier Freunde schätzen das einfache Netzwerken im Betahaus – gerade für Start-ups ein wichtiger Punkt.

Ein Beispiel: In der Kaffeeküche lernte das LUUV-Team Stefanie Dietze kennen, die ebenfalls im Betahaus arbeitet. Beim Plausch stellte sich heraus, dass Dietze gleichzeitig zweimalige Einrad-Weltmeisterin im Paar Freestyle ist – und somit den perfekten Sport ausübt, um den Zweck des Stativs „LUUV“ zu zeigen. Das Video, das Dietze mit ihnen drehte, nutzen die vier inzwischen zu Werbezwecken.

Der Kontakt ist ohnehin sehr direkt. Im Betahaus ist zum Beispiel das „Du“ normal. Das Clusterhaus in Köln zählt sich selbst nicht zu den klassischen Coworking Spaces, weil es Büros statt Arbeitsplätze vermietet. Das Klientel – Programmierer, Grafiker oder auch Webdesigner – ähnelt sich aber. Und auch die Kölner setzen auf Interaktion. „Die Mieter tauschen sich neben fachlichen, beispielsweise in rechtlichen und steuerlichen, Fragen aus und vermitteln sich gegenseitig nützliche Kontakte“, erzählt Eva Sundkvist, die Leiterin des Clusterhaus. Treffen können sich die Nutzer im Garten, im hauseigenen Café, an der Tischtennisplatte oder auch an einem Kicker.

Und der Austausch hilft, findet Alexander Peiniger. Er hat sich mit seinem Unternehmen Quintly im Clusterhaus eingemietet. Peinigers Unternehmen erstellt beispielsweise Social-Media-Statistiken, der Kundenkontakt ist gering, weil die Statistiken nun mal am PC und nicht per Handschlag entstehen. Im Clusterhaus ist der Kontakt ein anderer. „Wir haben mit vielen anderen Unternehmen aus allen möglichen Branchen zu tun“, erklärt er. „Man ist nicht so isoliert.“

Auch die Hilfsbereitschaft ist einfacher. Wer zum Beispiel ein Verlängerungskabel braucht, kann das in die hauseigene Facebook-Gruppe schreiben. „Nach fünf Minuten hat man meistens eine Antwort und kann schnell bei den Kollegen vorbeigehen“, sagt Peiniger.

Doch wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenarbeiten, birgt das Konflikte. Lautstärke ist einer dieser Punkte: Wenn ein stiller Programmierer neben einem laut telefonierendem Kollegen sitzt, kann das zu Problemen führen. „Das ist schon eine große Herausforderung“, sagt Betahaus-Mitgründerin Gummer von Mohl. Die Lösung: Telefonboxen und Meetingräume, die sich die Mieter reservieren können.

Allerdings lässt sich nicht jedes Problem so einfach aus der Arbeitswelt räumen. Nicht unbedingt im Büro selbst, aber in der Struktur der Häuser. Eine Schwierigkeit ist zum Beispiel das Geschäftsmodell. Viele Mietverträge für Büroräume haben eine Mindestlaufzeit, üblich sind zwischen zwei und fünf Jahren. Die Modelle von Coworking Spaces beruhen aber auf kurzen Mietzeiten. Wenn die Arbeitsplätze nicht ausgelastet sind, kann das die Betreiber schnell in finanzielle Schwierigkeiten bringen.

Auch große Unternehmen wollen coworken

Auch das Betahaus ist keine reine Erfolgsgeschichte. In Köln musste der Ableger 2013 nach nur zwei Jahren schließen. Die damalige Mitgründerin Anu-Cathrin Beck schrieb in einer Mitteilung, dass ein Grund dafür sei, dass „gut bezahlte Events“ gefehlt hätten.

Gummer von Mohl will die Kölner Erfahrung trotzdem nicht als schlecht abstempeln. „Wir haben daraus sehr viel gelernt“, sagt sie. Von der Pleite muss sie sich auch nicht entmutigen lassen. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass sich viele große Unternehmen im Betahaus einmieten. Ein Logistikunternehmen etwa schickt seine Mitarbeiter dorthin, um neue Ideen zu erhalten; ein Telekommunikationsdienstleister hat zwischenzeitlich seine Mitarbeiter untergebracht; ein Reisedienstleister wollte gleich sein eigenes Coworking Space im eigenen Haus haben. Alle wollen kreativ sein, alle wollen mit der Zeit gehen.

Der Knigge fürs Großraumbüro
"Fenster zu!" Dem einen ist es zu kalt und zugig, dem anderen zu warm und stickig. Einer der Hauptstreitpunkte in Großraumbüros ist die Raumtemperatur. Das bestätigte auch eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Gut ein Viertel der Befragten gab an, dass es um die Temperatur im Büro immer wieder Diskussionen gibt. Da hilft nur, Frostbeulen und Kollegen mit Dauerhitzewallungen in getrennten Räumen unterzubringen. Quelle: dpa
Ein Mann und eine Frau reden in einem Büro Quelle: Rofeld Hempelmann
Meeting Quelle: Kzenon-Fotolia.com
Eine Frau telefoniert Quelle: Hanik - Fotolia.com
Ein Mann mit zugeklebtem Mund Quelle: Mirko Raatz - Fotolia
Eine Frau schreit aus einem Computer heraus Quelle: SnappyStock
Mann an einem Kopierer Quelle: Arne Pastoor - Fotolia

Nur ist das eben nicht so einfach. Der Reiseanbieter ließ sich zwar den Raum vom Betahaus einrichten, doch wollte zunächst keine Ratschläge, wie Coworking funktionieren kann. Nach kurzer Zeit musste er sich eingestehen, dass er doch Hilfe brauchte: Der richtige Raum ändert nicht die Arbeitsweise der Mitarbeiter und fördert noch lange keine Zusammenarbeit.

Im Clusterhaus in Köln interagieren die unterschiedlichen Start-ups auch außerhalb der Arbeitszeit miteinander. Zwar hat es eigentlich eher wenig mit Sport zu tun, doch zur Fußball-WM herrscht im Garten des Hauses Hochbetrieb. Grafiker, Social-Media-Forscher und Spieleentwickler treffen sich dann zum gemeinsamen Anfeuern. Aber nicht unbedingt wegen des Fußballs. Es geht vor allem um das gute Netzwerk.

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