Debatte um Wochenstunden Auf der Suche nach dem perfekten Arbeitstag

Ist der Acht-Stunden-Tag in der heutigen Zeit noch angemessen? Ein japanisches Unternehmen macht vor, dass 40 Stunden auch in vier Tagen leistbar sind, dafür der fünfte Tag Freizeit ist. Was Forscher über perfekte Arbeitszeiten wissen.

In Deutschland gilt "9 to 3" statt 60-Stunden-Woche
Eine Hand steckt eine Karte in ein Arbeitszeiterfassungsgerät, eine so genannte Stechuhr. Quelle: dpa
Ein Mann telefoniert am Arbeitsplatz Quelle: dpa
Ein Zusatzschild eines Verkehrsschildes zeigt eine Familie mit Kinderwagen. Quelle: dpa
Eine Frau sitzt am 26.09.2007 mit ihrem Kind vor einem Laptop und telefoniert mit einem Handy. Quelle: dpa
Nachtschicht geht diese VW-Mitarbeiter durch das Tor 17 in das VW-Stammwerk in Wolfsburg. Quelle: dpa
Ein Kunde nimmt in Düsseldorf eine Broschüre zum Thema Kurzarbeit aus dem Regal. Quelle: dpa
Anteil der Zeitarbeiter in DeutschlandDer Anteil von Zeitarbeit in Deutschland ist zwar zurückgegangen, aber immer noch höher als in anderen europäischen Staaten. Der Gesamtanteil liegt bei rund drei Prozent, von den 15- bis 24-Jähringen sind 4,5 Prozent in Zeitarbeit beschäftigt. Nur in Frankreich gibt es noch mehr junge Menschen, die über eine Zeitarbeitsfirma den Einstieg ins Berufsleben versuchen. Quelle: Fotolia
Illustration zu Vorurteilen gegenüber Zeitarbeit Quelle: obs
Ein Fensterputzer reinigt die Fensterscheiben des Paul-Löbe-Hauses in Berlin. Quelle: dpa

Offiziell gilt in Deutschland seit den Achtzigerjahren die 35-Stunden-Woche. Der Durchschnittsdeutsche arbeitet demnach an fünf Tagen jeweils sieben Stunden plus Mittagspause. Die Realität sieht allerdings ein bisschen anders aus: 40,3 Stunden pro Woche sitzen die Deutschen im Büro oder stehen am Fließband. Damit wären wir also bei acht Stunden pro Tag – wie auch 1994 im Arbeitszeitgesetz festgeschrieben - plus Überstunden. Die gehören in Deutschland zur Arbeitswoche nämlich fest dazu. Laut Statistik hat jeder Arbeitnehmer in Deutschland im vergangenen Jahr 27,8 unbezahlte und 21,1 bezahlte Überstunden gemacht - je nach Branche und Position mehr oder weniger.

Erst kürzlich sorgte ein japanisches Modeunternehmen für Aufsehen, weil es die vier-Tage-Woche testet. Allerdings ändert sich für die Mitarbeiter an der reinen Netto-Arbeitszeit nichts. Sie arbeiten 40 Stunden pro Woche – haben allerdings einen Tag mehr Zeit für Familie und Freizeit. Und auch hierzulande führten die jeweiligen Interessensverbände in den vergangenen Wochen die Diskussion, ob die starren Arbeitszeitregelungen nicht ohnehin obsolet sind, bei dauerhafter Erreichbarkeit, Vereinbarung von Familie und Job, Home-Office und sonstigen Flexibilisierungsmaßnahmen.

Welche Arbeitszeitmodelle deutsche Unternehmen Familien anbieten

"Um mehr Spielräume zu schaffen und betriebliche Notwendigkeiten abzubilden, sollte das Arbeitszeitgesetz von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umgestellt werden", forderten die deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Und der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer, forderte sogar eine entsprechende Anpassung des Arbeitszeitgesetzes. Da macht allerdings Arbeitsministerin Andrea Nahles nicht mit. Genauso wie Reinhard Bispinck, Leiter des Tarifarchivs des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Er sagt: "Wir brauchen keine Aufweichung von Schutzregeln, sondern eine kluge Nutzung der bestehenden Gestaltungsspielräume". Und der Gestaltungsspielraum ist groß.

Sowohl die EU-Richtlinie 2003/88/EG als auch das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) sagen: mehr als 48 beziehungsweise 60 Stunden pro Woche sind nicht drin. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts arbeiten 15 Prozent der Männer und sieben Prozent der Frauen mehr als 48 Stunden pro Woche – besonders betroffen sind landwirtschaftliche Fachkräfte, Beschäftigte in der Gastronomie und Selbstständige. Eine ganz andere Diskussion wird seit vergangenem Jahr in Schweden geführt. Dort soll nicht mehr Stunden pro Tag, sondern weniger gearbeitet werden. In Göteborg gehen ausgewählte Angestellte des Stadtrates seit dem April 2014 nach sechs, statt nach acht Stunden nach Hause.

Die Typologie der Arbeitnehmer: Wer wie lange arbeitet und wie viel verdient

Denn „wer kürzer arbeitet, arbeitet besser und effektiver“, wie der Kommunalrat Mats Pilhem, der Urheber des Projekts, sagte. Und auch Bosch sagt: „Sieben Stunden sind sicher entspannter als acht Stunden.“ Die Frage ist nur, ob die gewonnene Zeit dann tatsächlich der Erholung dient. Denn so mancher bleibt lieber länger auf der Arbeit, um vollen Zügen, langen Schlangen an der Supermarktkasse oder dem Elternabend zu entgehen, wie die amerikanische Soziologin Arlie Russel Hochschild vermutet.

Doch was ist eigentlich gut? Ist der Acht-Stunden-Tag das Optimum oder wäre es besser, an drei Tagen zwölf Stunden zu arbeiten und dafür vier Tage frei zu haben? Vielleicht wären sechs Arbeitstage á 5,5 Stunden der Effizienz sowie der Work-Life-Balance zuträglicher – dafür gibt es dann keine Mittagspause. Alternativ könnte man die Arbeitszeit auch an das Lebensalter anpassen. So hatte Nahles beispielsweise schon einmal die staatlich bezuschusste 30-Stunden-Woche für junge Väter und Mütter gefordert. Um der körperlichen Leistungsfähigkeit Rechnung zu tragen, wollte die Gewerkschaft IG BCE für Beschäftigte ab 60 Jahren eine Drei- oder Vier-Tage-Woche einführen. Doch weder das eine noch das andere Modell der verkürzten Arbeitswoche konnte sich durchsetzen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%