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Denkfabrik
Oliver Roßmannek, 30, forscht und lehrt an der Universität Freiburg - derzeit vor allem über internationale strategische Allianzen. Quelle: PR

Wer soll das alles lesen?

Wirtschaftswissenschaftler schreiben zu viel, die Zahl der Veröffentlichungen in Fachzeitschriften steigt rasant. Plädoyer für ein Fach mit Klasse statt Masse.

Was ist die wichtigste Währung in den Wirtschaftswissenschaften? Es sind prestigeträchtige Veröffentlichungen in internationalen Fachzeitschriften. Dort kann es bis zur Publikation eines 20 Seiten langen Artikels mehrere Jahre dauern, da diverse Prüfrunden des Journals, Konferenzpräsentationen und etliche Diskussionsrunden mit Kollegen vorgeschaltet sind.

Bei so viel Arbeitseinsatz und Reifezeit würde man erwarten, dass die Leserschaft riesig ist. Doch das ist nur bei wenigen Artikeln der Fall. So zeigte 2010 eine Studie, dass ein Drittel aller Artikel zum Thema Export von niemandem zitiert wird und daher wohl auch kaum gelesen wird. Und diese Zahl bezieht sich auf Artikel in hoch angesehenen Journals. Würde man auch die zahlreichen Journals mit niedrigerer Qualität einbeziehen, ergäbe sich eine weit geringere Quote, da sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf wenige Top-Journals konzentriert.

Das liegt nicht an der Qualität der Forschung, im Gegenteil. Die Fähigkeiten junger Wissenschaftler sind heute vielerorts hervorragend. Kaum ein Artikel, der vor 30 Jahren in einer Top-Zeitschrift veröffentlicht wurde, hätte heute noch realistische Chancen, angenommen zu werden. Zu hoch sind die Standards beim empirischen Arbeiten geworden.

Doch da sich junge Wissenschaftler aus Karrieregründen immer stärker mit Publikationen beweisen müssen, ist die Entstehungsrate neuer Artikel immer höher. Das ist vordergründig eine positive Entwicklung. Allerdings stellt sich die Frage, wer das alles noch lesen soll. Sucht heute ein Doktorand in den Wirtschaftswissenschaften nach einem Thema für seine Dissertation, dauert es nicht selten ein Jahr, bis er überhaupt eine Forschungslücke findet.

Natürlich sollte es nicht weniger Forschung geben. Jedoch droht uns eine Publikationsinflation, die eher Verwirrung stiftet als Erkenntnisse erzeugt. Da die meisten Forscher ihr Gehalt aus öffentlichen Mitteln beziehen, werden somit Steuergelder in sinnlose Publikationen investiert. Ich bin sicher: Um die Sinnhaftigkeit wissenschaftlichen Arbeitens zu garantieren, muss es Veränderungen geben.

Erstens: Wir brauchen Klasse statt Masse. Vorgesetzte und Kommissionen zur Berufung neuer Professoren müssen mehr auf die Qualität der Arbeiten und weniger auf deren Anzahl achten. Eine große Entdeckung zählt oft mehr als viele kleine. Manche Artikel sind so bedeutend, dass sie für 100 Forscherleben reichen.

Zweitens: Wir brauchen mehr sogenannte Replikationsstudien. In der Psychologie zeigt sich derzeit, dass viele Forschungsergebnisse einer Überprüfung kaum standhalten. Checken Wissenschaftler frühere Studien anhand neuer Daten, zeigt sich oftmals: nichts. Die gefundenen Zusammenhänge aus früheren Studien waren entweder ein Glückstreffer, speziellen Rahmenbedingungen geschuldet oder (un)bewusst so hingebogen. Dieses Phänomen lässt sich auch für die Ökonomie nicht ausschließen. Warum also nicht – statt immer neue Studien zu produzieren und neue Hypothesen aufzustellen – in stärkerem Maße alte Glaubenssätze und empirische Ergebnisse überprüfen? Forschungsförderer wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft sollten spezielle Fördertöpfe für Replikationsstudien einrichten.

Drittens: Wir brauchen eine Aufwertung der Datenrecherche. Reine Datenlieferanten stehen nicht weit oben in der wissenschaftlichen Hierarchie. Erhebt ein Ökonom in mühevoller Kleinarbeit Daten über das Verhalten von Menschen, behält er diese in der Regel zunächst für sich, statt sie mit Kollegen zu teilen. Hierdurch verhindert er, dass andere die Daten vor ihm interpretieren und publizieren. Datenerhebung (auch ohne eigene Interpretation) ist allerdings sehr wohl eine Leistung. Die Veröffentlichung aussagekräftiger Datensätze sollte der Karriere genauso nutzen wie ein Artikel in einem Top-Journal. Die Berufungskommissionen der Hochschulen müssen dies anerkennen und nach außen kommunizieren.

Viertens: Wir brauchen eine Stärkung der Lehre. Volks- und Betriebswirte an Universitäten haben in der Regel Lehrverpflichtungen, besonderes Engagement wird hier jedoch selten belohnt. Neue Publikationen erhöhen dagegen die Reputation und erleichtern das Akquirieren von Forschungsgeldern. Jeder Wissenschaftler ist also gut beraten, so wenig Zeit wie möglich in die Lehre zu investieren. Um diesen Fehlanreiz zu korrigieren, müsste man das Forschungsbudget an die Leistung in der Lehre koppeln.

Fünftens: Wir brauchen mehr Industrie- und Praxisforschung. Diese hat für viele immer noch einen faden Beigeschmack. Wissenschaftler machen sich hier anscheinend zum Büttel von Unternehmen. Ist es aber wirklich besser, unbeachtete Publikationen zu verfassen, anstatt seine Expertise steuerzahlenden Unternehmen zur Verfügung zu stellen? Wohl kaum. Grundlagenforschung ist wichtig. Die Ergebnisse müssen aber auch aktiv in die Praxis übertragen werden. Ein genialer Forscher, der eine Mauer um sich zieht, nützt niemandem.

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