Deutscher Gewerkschaftsbund Jeder Dritte verzichtet auf Urlaub – und arbeitet

Sommerzeit gleich Urlaubszeit? Statt die Seele im Urlaub baumeln zu lassen, arbeiten viele Beschäftigte und lassen freie Tage verfallen. Ob das immer freiwillig geschieht, ist schwer zu sagen.

Reinigungskräfte verzichten laut Untersuchung besonders häufig auf ihren Urlaub. Quelle: dpa

Reinigungskräfte und Bauarbeiter. Sie verzichten laut Deutschem Gewerkschaftsbund besonders oft auf einen Teil ihres Urlaubs und gehen stattdessen arbeiten. Oft seien das Beschäftigte, die den Verlust ihres Arbeitsplatzes fürchten. Ergebnis einer aktuellen Befragung des DGB: Jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland verzichtet auf Urlaubstage. Fachleute und die Politik sind alarmiert.

Egal ob am Meer, in den Bergen oder Zuhause auf Balkonien: Urlaub machen ist wichtig. So sieht es die Vizepräsidentin des Verbands der Betriebs- und Werksärzte, Anette Wahl-Wachendorf. Sie macht klar: „Wenn man auf Dauer keinen Urlaub macht, kommt man in einen Erschöpfungszustand“. Berufstätige seien unkonzentriert, müde und machten Fehler. Mit der Zeit kämen sie in eine chronische Erschöpfung und würden richtig krank, sagt die Medizinerin. Kann das im Interesse von Arbeitgebern sein?

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) reagiert knapp. Die Befragung des DGB zeichne ein „interessensgeleitet verzerrtes Bild“. Es entspreche nicht den tatsächlichen Verhältnissen in der Arbeitswelt und tue allen betrieblichen Akteuren Unrecht. In Deutschland gebe es keinen Arbeitnehmer, dessen gesetzlicher Urlaubsanspruch nicht erfüllt werde.

Das sind die Reisetrends für den Sommer 2016
Kein Urlaubsverzicht Die Wahl des Sommerurlaubsziels mag sich in diesem Jahr zwar verschieben, einen generellen Reiseverzicht hält die Leiterin von Travel & Logistics Germany bei GfK - Dörte Nordbeck -, jedoch aufgrund des guten Konsumklimas, der Beschäftigungslage und der Einkommenszuwächse für höchst unwahrscheinlich. Ihrer Meinung nach unterstreichen die Zuwächse bei mehrtägigen Urlaubsreisen und sonstigen Privatreisen von fast sechs Prozent
Verunsicherte UrlauberTerroranschläge, Kriege im Nahen Osten und die anhaltende Flüchtlingskrise in Europa haben Spuren hinterlassen. In der Tourismusindustrie äußern sich die Krisen in Form von Umsatzeinbrüchen. Viele deutsche Urlauber warten derzeit - wie es scheint - erst einmal ab, wie sich die Sicherheitslage und die anhaltenden Flüchtlingsströme im Mittelmeerraum entwickeln, bevor sie ihre Urlaubsentscheidung treffen. Insbesondere Familien, die mit Kindern verreisen, sind vorsichtig. Im Vergleich zum Vorjahr haben bisher fast eine Million Bundesbürger weniger ihren Sommerurlaub für 2016 gebucht. Besonders betroffen von den Einbußen ist der östliche Mittelmeerraum, wie eine aktuelle GfK-Analyse zum Reiseverhalten der Deutschen offenlegt. Quelle: dpa
Junge Erwachsene und Best Ager besonders reiselustigAuch die demographische Entwicklung spiegelt sich in den Reisetrends wider: Die Altersgruppe ab 50 Jahren steht bei Urlaubsreisen bereits für 55 Prozent der Gesamtausgaben. Besonders zugenommen hat die Reiselust bei jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 34 Jahren. In dieser Referenzgruppe lässt sich eine steigende Reiseintensität von 15 Prozent beobachten. Zudem ist die Zahl Alleinreisender überproportional stark gewachsen (plus 10 Prozent), ebenso die der Kleinfamilie mit einem Kind (plus 12 Prozent). Quelle: obs
Badeurlaub am beliebtestenSpitzenreiter bleibt - in Bezug auf die Urlaubsform - der Badeurlaub am Meer oder See mit einem Umsatzanteil von 35 Prozent. Auf Basis der Ausgaben folgen darauf Pauschalreisen, die knapp die Hälfte aller Urlaubsreisen ausmachen. Sehr gut entwickeln sich Bausteinreisen, bei denen Flug, Hotel und gegebenenfalls weitere Reisebausteine spontan zusammengestellt werden. Sie wachsen mit 18 Prozent überdurchschnittlich. Ebenfalls wachsender Beliebtheit erfreuen sich Rund- und Studienreisen, die einen Anteil von 20 Prozent ausmachen. Urlaub in den Bergen und Wellnessreisen haben dagegen leicht an Bedeutung verloren. Quelle: gms
NahzieleWas die Urlaubsziele betrifft, sind im Sommer 2016 - nicht zuletzt wegen des hohen Anteils bei der Eigenanreise mit dem Auto - Nahziele bei deutschen Urlaubern sehr beliebt: Laut GfK-Studie zum Reiseverhalten der Deutschen machen sogenannte
Kreuzfahrten12 Prozent des Umsatzes von Reisebüros geht auf von Deutschen gebuchte Kreuzfahrten für den Sommer 2016 zurück. Diese Reiseform konnte ein Umsatzplus von vier Prozent verzeichnen. Der Trend lässt vermuten, dass die Deutschen diese Reiseform für sicherer halten als andere. Quelle: obs
FernreisenMit einem Umsatzanteil von 14 Prozent sind Fernreisen neben Urlaub am westlichen und östlichen Mittelmeer in diesem Jahr die drittbeliebteste Reiseform. Allerdings zeichnet sich in Bezug auf die Reiseziele ein sehr durchwachsenes Bild ab: Mit den Trendzielen Kuba (Umsatzplus von 27 Prozent) und Dominikanische Republik erlebt die Karibik einen regelrechten Boom. Auch die afrikanischen Reiseländer – allen voran Südafrika und Namibia – erholen sich nach den Einbrüchen während des Ebola-Ausbruchs zunehmend (plus 12 Prozent). Starke Fernreiseziele wie die USA, die Malediven oder Thailand sind bei den deutschen Urlaubern jedoch weniger nachgefragt als noch vor einem Jahr. Mit Umsatzrückgängen zwischen 11 und 21 Prozent sorgen diese volumenstarken Fernreiseziele dafür, dass die Fernreisen insgesamt zum aktuellen Buchungsstand eine negative Entwicklung von -6 Prozent aufweisen. Quelle: obs

In der Reinigungs- und Baubranche verzichtet der DGB-Studie zufolge nahezu jeder zweite Angestellte auf einen Teil seines Urlaubsanspruchs. Die Zahlen überraschen den Sprecher der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, Ruprecht Hammerschmidt, wenig. Weil viele in der Branche nur befristet beschäftigt seien, hätten Chefs oft ein hohes Erpressungspotenzial. Er vermutet, dass die Angst vor einem Jobverlust gerade in Reinigungsfirmen sehr hoch ist.

Die Linksfraktion im Bundestag reagiert prompt: „Wenn Beschäftigte aus Angst, ihren Job zu verlieren, auf ihren Urlaub verzichten, dann muss die Bundesregierung aktiv werden“, fordert die gewerkschaftspolitische Sprecherin Jutta Krellmann. Die Grünen bezeichnen die Umfrageergebnisse als „völlig inakzeptabel“.

Den gesetzlichen Mindesturlaub gebe es aus gutem Grund, heißt es aus dem Bundesarbeitsministerium. Es sei „gesamtgesellschaftlich“ und „volkswirtschaftlich“ sinnvoll und ratsam, wenn Arbeitnehmer ihre Urlaubstage auch wirklich nehmen.

In kleinen Unternehmen fehlen oft Betriebsräte

In der Baubranche hat der Urlaubsverzicht nach Einschätzung von Hammerschmidt auch andere Gründe. Nicht wenige Bauarbeiter ließen sich Urlaubstage ausbezahlen. Sie schuften also, statt frei zu machen. Oftmals hätten Arbeitnehmer aber auch nicht die Lobby, um auf ihre gesetzlichen Ansprüche auf Urlaub aufmerksam zu machen. Baubetriebe hätten durchschnittlich zehn Mitarbeiter, sagt der Gewerkschaftler. Bei Unternehmen dieser Größe seien Betriebsräte oft Mangelware. Eine Studie des Instituts für Arbeitsrecht und Arbeitsbeziehungen in der EU, aus der die gewerkschaftsnahe Boeckler-Stiftung zitiert, besagt: Betriebsräte tragen dazu bei, dass Arbeitnehmer ihre Urlaubsansprüche ausschöpfen.

„Arbeit darf nicht auf die Knochen der Beschäftigten gehen. Der Arbeitgeber hat hier eine Sorgfaltspflicht“, sagt Annelie Buntenbach aus dem DGB-Vorstand. Der Berliner Fachanwalt für Arbeitsrecht, Alexander Bredereck, schränkt aber ein: Arbeitgeber müssten sich keine Sorge um Konsequenzen machen, wenn ihre Mitarbeiter ihren Anspruch auf Urlaub nicht ausschöpfen. Wird der Anspruch auf Urlaub nicht genommen oder ausbezahlt, verfällt er in aller Regel.

Welche Berufe glücklich machen
die glücklichsten Menschen arbeiten in Hamburg Quelle: dpa
Die Jobsuchmaschine Indeed hat sich der Zufriedenheit deutscher Arbeitnehmer angenommen und nachgefragt, wer mit seinem Job besonders zufrieden ist. Die glücklichsten Berufe in Deutschland sind demnach eine bunte Mischung aus allen Ausbildungswegen und Hierarchiestufen. So gehören zu den Top 20 der zufriedensten Berufe viele traditionelle Handwerksberufe wie Maurer, Tischler oder Elektriker. Zufrieden sind allerdings auch - entgegen aller Klischees - Lehrer und Krankenschwestern. An der Spitze der Liste stehen Trainer, studentische Hilfskräfte und, wenig überraschend, Geschäftsführer. Laut dem Meinungsforschungsinstituts YouGov sind allgemein nur sieben Prozent der Deutschen wirklich unzufrieden mit ihrem Job, 75 Prozent der Arbeitnehmer macht ihre Arbeit mehrheitlich Spaß. Damit sie sich im Beruf wohl fühlen, brauchen 27 Prozent der Beschäftigten neue Herausforderungen, für 18 Prozent ist ein abwechslungsreicher Arbeitsalltag wichtig, für 15 Prozent bessere Gehaltsaussichten. Immerhin 14 Prozent wollen „etwas Sinnvolles“ für die Gesellschaft tun. Die folgenden Berufe erfüllen diese Kriterien - und machen glücklich. Quelle: Fotolia
Gärtner und Floristen sind zu 87 Prozent glücklich.
Jemand frisiert einen Puppenkopf Quelle: dpa
Männer arbeiten an Toiletten. Quelle: AP
Die ersten Nicht-Handwerker in der Glücksrangliste sind ausgerechnet Marketing- und PR-Leute (75 Prozent). Die Wahrheit steht offenbar nicht in direktem Zusammenhang mit dem Glück. Quelle: Fotolia
Jemand hält einen Glaskolben mit einer Flüssigkeit darin. Quelle: AP

Wie viele Urlaubstage Arbeitnehmer so verschenken, ist unklar. Das Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) errechnete im Jahr 2011, dass Beschäftigte im Schnitt mehr als drei Urlaubstage pro Jahr verfallen lassen. Nach Einschätzung des DGB dürfte sich an dieser Zahl wenig verändert haben.

Grundsätzlich hat jeder Arbeitnehmer Anspruch auf Urlaub, so steht es im Bundesarbeitsgesetz. Wie viele Tage pro Jahr Mitarbeitern zustehen, hängt von den Arbeitstagen pro Woche ab. Bei einer Fünf-Tage-Woche liegt er bei 20 freien Arbeitstagen, bei einer Sechs-Tage-Woche sind es 24. Viele Tarif- oder Arbeitsverträge sehen jedoch mehr Urlaub vor.

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