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Elitenforscher Michael Hartmann „Am wichtigsten ist Souveränität“

Michael Hartmann, 66, ist emeritierter Professor für Soziologie an der TU Darmstadt mit dem Schwerpunkt Elitenforschung. Zuletzt erschienen von ihm bei Campus „Die globale Wirtschaftselite. Eine Legende“ (2016) und „Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden“ (2018). Quelle: Sven Ehlers

Der Darmstädter Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann über die Macht des Habitus und das Ähnlichkeitsprinzip, das Menschen gleicher Herkunft in den Chefetagen zusammenführt.

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WirtschaftsWoche: Herr Professor Hartmann, Sie kommen in Ihren Untersuchungen zur Herkunft der Wirtschaftseliten regelmäßig zu dem Ergebnis, dass gut 80 Prozent der Vorstandsvorsitzenden aus der Oberschicht stammen. Eine Art ehernes Gesetz?
Michael Hartmann: Ja. Seit 1970, also seit fast einem halben Jahrhundert, sind die Zahlen stabil: Die Führungspositionen in der Wirtschaft werden besetzt von Leuten, die aus den oberen drei bis fünf Prozent der Gesellschaft stammen. Für 2018 habe ich mir die 100 größten deutschen Muttergesellschaften noch einmal systematisch angeguckt. Das Ergebnis der Recherchen: Es hat sich unterm Strich so gut wie nichts geändert. Die Wirtschaft ist gleich exklusiv geblieben. Bei den Vorstandschefs sind es knapp 80 Prozent, bei den Aussichtsratschefs sogar mehr als 85 Prozent, die aus dem gehobenen Bürgertum und dem Großbürgertum stammen.

Als Gegenbeispiel werden die Banken genannt.
Ja, da hat sich tatsächlich etwas geändert. Vor allem bei der Deutschen Bank und der Commerzbank gab es im Zuge der Finanzkrise Verschiebungen, von denen die Mittelschicht profitiert hat. Aber erstens sind das Einzelbeispiele, die keine generellen Aussagen über die Besetzung des Topmanagements erlauben, und zweitens signalisiert das schlicht den Bedeutungs- und Prestigeverlust der beiden Großbanken. Innerhalb kürzester Zeit sind Deutsche Bank und Commerzbank regelrecht abgeschmiert. Parallel dazu hat sich das Rekrutierungsmuster deutlich verändert. Wenn man in gutbürgerlichen Kreisen groß wird, meidet man heute die Banken. Die haben ein völlig anderes Image als noch vor 20, 30 Jahren. Der Chef der Deutschen Bank wird heute eher bemitleidet.

 Es gibt also keinen Trend Richtung Öffnung oder Schließung der Wirtschaftseliten?
Nein, es bleibt einfach so, wie es ist. Mit geringen Schwankungen, die davon abhängig sind, wie hoch der Anteil der öffentlichen Unternehmen eines Samples ist und wie viele Unternehmen Sie untersuchen.

Was ist der Grund für diese Konstanz?
Das hat vor allem mit dem Rekrutierungsprinzip zu tun: Es gibt keinen Bereich, wo ein so kleiner Kreis von Personen darüber entscheiden kann, ob jemand dazu gehört oder nicht.

Was sind die Kriterien für Zugehörigkeit? Wenn man mit Top-Managern spricht, heißt es immer, die Leistung sei entscheidend.
Ich würde nie behaupten, dass Topmanager nichts leisten. Das sind Leute, die sich im Studium bewährt haben, die viel arbeiten und in Ihrer Berufskarriere Erfolge vorweisen können. Aber diese Kriterien werden von vielen erfüllt, die am Ende nicht für diese raren Spitzenpositionen in Frage kommen. Entscheidend sind letztlich andere Dinge: Die Persönlichkeitsmerkmale, der Habitus, der ausdrückt: Ich bin so wie Du. Also das Prinzip der Ähnlichkeit.

Man will sich im anderen wiedererkennen? In der Sicherheit seines Auftritts?
Ja, das begegnet einem immer wieder, auf allen Ebenen der Gesellschaft. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Vergangenen Dezember saß ich mit Thomas Middelhoff auf einem Podium zum Streitgespräch. Er ist jetzt auf Büßertour und predigt Demut. Hinterher habe ich lange mit dem ehemaligen Vorstandschef einer großen Druckerei gesprochen, der Middelhoff sowohl als Kunden wie Konkurrenten kannte. Was uns beiden aufgefallen ist: Middelhoff hat zwar von Demut gesprochen, aber der ganze Gestus, wie er geredet hat – das war immer noch Big T. Der Habitus verändert sich nicht so schnell.

Sie sprechen vom Ähnlichkeitsprinzip. Woran erkennt man, dass der neue Kandidat für den Chefposten dazu passt?
An Kleinigkeiten. Ich habe viele Interviews geführt mit Managern und irgendwann angefangen, Wetten mit mir selber darüber abzuschließen, wo die Leute sozial zu verorten sind. An einen Fall kann ich mich besonders gut erinnern: Das war ein Vorstand eines großen öffentlichen Energieversorgers. Er saß hinter seinem Schreibtisch mit nach vorn eingedrückten Schultern, wie auf der Lauer. Das Interview war bemerkenswert kurz: Der Mann versuchte möglichst wenig zu sagen. Am Schluss habe ich ihn gefragt, welchen Beruf sein Vater gehabt habe. Die Antwort: Arbeiter. Die Karriere war über die SPD-Schiene gegangen, der Vater war SPD-Chef einer Großstadt, er selbst bekleidete eine Top-Position – und hatte immer noch Angst, dass ihm was passieren könnte. Großbürgersöhne traten bei meinen Interviews dagegen völlig locker auf. Man merkt eben schon am Tonfall, an der Körpersprache, wie offen jemand ist. Im Grunde läuft es immer darauf hinaus, dass man sich irgendwie wohlfühlt und denkt: Mit dem könntest Du.

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