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Elsässers Auslese

Die Berufswahl unserer Kinder – auf Irrwegen?

Markus Elsässer Value Investor

Die Zukunft sieht gut aus. Es wächst eine starke Generation heran. Doch mit der Berufswahl der Schulabgänger sieht es nicht gut aus.

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Abitur Quelle: dpa

Für die Zukunft bin ich optimistisch gestimmt. Die Generation der jungen Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahre macht auf mich einen guten Eindruck. Da wachsen starke Persönlichkeiten mit vielseitigen Talenten heran. Ich sehe da viel Substanz. Die Meinung, dass da alle zu verwöhnt sind, teile ich nicht.

Doch wenn es um die Berufswahl gegen Ende der Schulzeit geht, da wundert mich doch einiges. Es haben sich in den letzten Jahren Unsitten eingeschlichen, die mich nachdenklich stimmen. Schauen wir uns das Ganze mal konkret an. Wie sieht so ein typischer Abitur-Jahrgang in Nordrhein-Westfalen in einer mittelgroßen Kreisstadt aus?

Da beenden so etwa 100 bis 120 Schüler nach acht Gymnasial-Schuljahren ihre Schullaufbahn, bis vor kurzem waren es ja noch neun Gymnasial-Schuljahre. Seit einigen Jahren schaue ich mir bei uns vor Ort das jeweilige Abitur-Jahrgangsbuch genauer an. Dort kann ich nachlesen, was der einzelne Schulabgänger für konkrete Berufswünsche und entsprechende Ausbildungspläne hat.

Die besten Unis nach Fachbereichen
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Quelle: dpa
Beste Universität im Bereich Wirtschaftsinformatik: Technische Universität DarmstadtDie Absolventen dieser Universität konnten im Bereich Wirtschaftsinformatik die meisten Personaler von sich überzeugen (28,7 Prozent). Quelle: Technische Universität Darmstadt / PR Quelle: PR
Beste Universität im Bereich Naturwissenschaften: Technische Universität Berlin22,3 Prozent der befragten Personaler sind von den Absolventen der TU Berlin überzeugt. Quelle: TU-Pressestelle / Dahl Quelle: PR
Beste Universität im Bereich BWL: Universität Mannheim40,2 Prozent der befragten Personaler haben schon gute Erfahrungen mit Absolventen dieser Universität gemacht. Quelle: PR
Innenansicht des Fakultätsgebäudes für Mathematik und Informatik in Garching. "Parabelrutsche" Quelle: CC
Hauptgebäude der LMU München Quelle: CC
Beste Uni in den Bereichen Wirtschaftsingenieurwesen, Informatik und Maschinenbau: RWTH AachenIm Vergleich zu den Vorjahren hat Universum die Befragungs-Methode angepasst. Die Antworten der Personaler wurden gewichtet. Das bedeutet: Ihre Antworten beeinflussen das Ranking stärker oder schwächer, je nachdem, ob ihre Branche in der Umfrage im Vergleich zur deutschen Firmenlandschaft über- oder unterrepräsentiert ist. Daher lassen sich die aktuellen Ergebnisse des WiWo-Hochschulrankings nicht direkt mit Umfrageergebnissen aus den Vorjahren vergleichen. Dennoch: Die RWTH Aachen ist immer unter den Top Ten. In diesem Jahr ist sie sogar die erfolgreichste Universität des Rankings. In drei Fachbereichen hat sie den ersten Platz erreicht. 49,3 Prozent der Personaler sind mit den Absolventen des Bereichs Wirtschaftsingenieurwesen zufrieden. Im Fachbereich Maschinenbau konnten die Aachener 35,1 Prozent der Personaler von sich überzeugen. Auch im Bereich Informatik gaben mit 27,9 Prozent die meisten Personaler den Absolventen der RWTH gute Noten. Dazu kommen zwei dritte Plätze in der Elektrotechnik und den Naturwissenschaften. Quelle: RWTH Aachen / PR - Peter Winandy Quelle: PR

Da zeichnet sich ein erstaunliches Bild ab: Etwa die Hälfte der Schüler wissen zum Zeitpunkt des Abiturballes nicht, was sie für eine Ausbildung angehen wollen. Und ebenso hat die Hälfte keinen wirklichen Berufswunsch, noch nicht mal einen echten „Berufstraum“. Das Fazit lautet: ich weiß noch nicht so recht.

Die schulischen Anforderungen sind immer heftiger geworden. Der Druck auf die Schüler hat sich in den vergangenen Jahren immens erhöht und gleichzeitig lassen es Eltern und Lehrer zu, dass die Jugendlichen nicht auf eine Berufswahlentscheidung konsequent hingeführt werden. Als wenn die Zeit nach dem Gymnasium eine Art „Nirvana“ sei, wird es einfach hingenommen, dass die halbe Mannschaft sich sozusagen erst einmal erholt und die Seelen baumeln lässt.

Entsprechend haben die Deutschen den Weltrekord im „Gap-Year“ errungen. In Neuseeland und Australien allein sind pro Jahr sage und schreibe etwa 20.000 Deutsche Schulabgänger bis zu einem Jahr als Rucksacktouristen unterwegs. Das sind mehr als aus allen anderen europäischen Nationen zusammen.

Deutschlands beste Universitäten im Überblick

Das ursprünglich mal für eine kleine Minderheit gedachte „Work and Travel“ Programm, bei dem man zumindest gut Englisch lernen und eine gewisse Berufserfahrung sammeln sollte, hat sich in der Realität zu einem gewaltigen Happening fernab der Heimat entwickelt. Aus „Work and Travel“ ist bei vielfach „Travel and Travel“ geworden. Statt ein Jahr mit Einheimischen zu verbringen, treffen sich ganze deutsche Freundesgruppen im Hinterland von Australien und reisen Deutsch redend fröhlich durch die Gegend. Das Luxus-Phänomen wird typischerweise von vielen Großeltern großzügig finanziert und bezuschusst, damit die „Armen“ es ja nicht so schwer haben.

Sicherlich: Reisen bildet. Ich habe aber viele dieser Gap-Year Reisenden nach ihrer Rückkehr nach Deutschland gesprochen. Unisono bekomme ich zu hören, dass sie genau so klug wie vorher zurückkehren, und keinen blassen Schimmer haben, was sie eigentlich nun – ein Jahr nach dem Abitur – beruflich machen wollen. In puncto Beruf haben sie eben nichts dazugelernt. Im Gegenteil sie haben sich nur weiter vom geregelten Alltag des Lernens und Arbeitens entfernt.

Lehre auf dem absteigenden Ast

Sehenden Auges entlassen Eltern wie Lehrer die jungen Menschen in eine Art Disneyland, ohne ihnen klar zu machen, dass von der Berufswahl die gesamte Existenz später abhängt. Kaum einer macht den Schulabgängern klar, dass es um einen ganz entscheidenden Faktor bei dem Beruf geht: Ein Leben lang, durch eigene Arbeit sich in die Lage zu versetzen, jeden Monat die Miete, das Essen, die Stromrechnung und die Krankenkasse bezahlen zu können.

Wer das nicht schafft, gerät in eine höchst fatale Abhängigkeit und in eine wenig erfreuliche Existenz. In einer verweichlichten Attitüde möchten viele Lehrer und Eltern ihre jungen Zöglinge vor den realen Gegebenheiten des künftigen Lebens außerhalb der Schulwelt „schonen“.

Eine weitere unerquickliche Tendenz stelle ich an den Universitäten fest. Es ist schon unglaublich, was da teilweise für ein Unsinn den Abiturienten vermittelt wird. Neulich habe ich eine Art „Tag der Offenen Tür“ einer renommierten Universität besucht. Es war eine Werbeveranstaltung für den nächsten Studienjahrgang. Da behauptete doch eine Professorin allen Ernstes: „Wer Politologie studiert, der braucht sich keine Sorgen zu machen. Bei Akademikern gibt es so gut wie keine Arbeitslosigkeit (damit nur ja keiner etwa auf die Idee käme, eine Lehre zu absolvieren). Und das Fach Politologie sei ja so breit aufgestellt, dass man danach ja ganz viele Berufsmöglichkeiten habe: Man kann Journalist werden, in einem Ministerium arbeiten, in die Politik gehen und so weiter.“ Das seien großartige Berufsaussichten.

Als Mensch aus dem realen Arbeitsleben mit meinen 40 Jahren Berufserfahrung saß ich wie vom Donner gerührt im Hörsaal. Ich traute meinen Ohren kaum. Es regte sich auch keinerlei Protest im Auditorium. Ich spürte, da waren Hopfen und Malz verloren. Ich war in einer „Nebenwelt“ gelandet.

Gerade Familien, die erstmals ein Familienmitglied auf eine Universität schicken, überblicken in keiner Weise die tatsächlichen späteren Folgen der Studiengänge für das Berufsleben. Mit stolz geschwellter Brust lässt man die Tochter oder den Sohnemann in die Welt der Theorie ziehen, ohne sich über die wirklichen Berufsaussichten ein klares Bild zu machen. Hauptsache: endlich ein Akademiker in der Familie!

Nicht von ungefähr wird das Beste, was Deutschland zu bieten hat, nämlich die klassische Lehre, unter den Abiturienten immer unbeliebter. Im Schnitt entscheiden sich weniger als zehn Prozent der Gymnasialabgänger für eine zwei- oder dreijährige Lehrausbildung. Das ist gelinde gesagt, eine Katastrophe. Diese Tendenz wird von den vielen Privatuniversitäten unterstützt, die in der Lehre eine Konkurrenz zu ihrem dreijährigen Bachelor-Studiengang sehen.

Mein Fazit: Etwas mehr Realitätssinn, Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit gegen Ende der Schulzeit wäre wünschenswert.

Zum Abschluss noch ein Gedanke - apropos 100 bis 120 Schulabgänger in einem Jahrgang: Ich selbst habe im Jahr 1975 Abitur gemacht. Und ich erinnere mich noch sehr genau, wie man uns mitleidig erklärte: „Ihr habt wirklich Pech. Ihr gehört zu den letzten starken Jahrgängen mit vollen Klassen. Nach Euch kommt ja der sogenannte „Pillenknick“, da werden es immer weniger Schüler und die Klassen und die Hörsäle an den Universitäten werden dann viel leerer. Die Familien nach Euch sind weniger kinderreich. Dann wird es mit dem Numerus Clausus als Zulassungsbeschränkung an den Universitäten auch bald besser“.

Ich warte heute noch auf den „Pillenknick“. Was für ein Hohn und Witz. So viel zum Beitrag unserer statistischen Ämter und der Prognosefähigkeit für unser Bildungssystem. Na, denn man tau!

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