Entzauberte Mythen

Ablenkung macht produktiv

Wer sich konzentriert und die Bürotür schließt, kommt besser voran? Stimmt nicht, weiß die Forschung.

Ob Geräusche im Büro stören hängt von der eigenen Aufgabe ab Quelle: Fotolia

Schauen Sie kurz auf, bevor Sie weiterlesen: Was passiert gerade um Sie herum? Vorbeilaufende Menschen, die sich unterhalten? Straßenlärm? Vibrierende Smartphones, die um Ihre Aufmerksamkeit buhlen? Egal, wo Sie sich befinden, immer sind Sie Ablenkungen ausgesetzt, die es schwer machen, sich auf eine Aufgabe zu fokussieren.

Wie schön wäre es da, wenn man diese Störungen einfach ausschalten könnte – Tür zu, Konzentration an. Und wie seltsam mutet da die Renaissance einer totgeglaubten Büroidee an – des Großraumbüros, des Sinnbilds für schallendes Durcheinander im hektischen Arbeitsalltag. Warum entschließen sich dennoch selbst kreative IT-Unternehmen wie Facebook dazu, Mitarbeiter in Großraumbüros arbeiten zu lassen? Hier weiß die Hirnforschung Antworten. Denn Ablenkung ist für das Gehirn nicht immer etwas Negatives.

Die Arbeit bestimmt, ob etwas ablenkt oder nicht

Ob uns etwas ablenkt oder nicht, hängt nämlich davon ab, wie viel wir generell zu tun haben. Je komplizierter und unübersichtlicher eine Aufgabe, desto stärker blendet das Gehirn mögliche Störungen aktiv aus und konzentriert sich dadurch umso mehr auf das Problem. Arbeit macht blind, das ist sogar im Gehirn messbar: Störende Gesichter, Bilder oder Geräusche werden gar nicht mehr verarbeitet, solange man genug mit der eigentlichen Aufgabe beschäftigt ist. Nur wer wenig (oder Unkompliziertes) zu tun hat, wird überhaupt erst abgelenkt.

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Logischer Umkehrschluss: Wer schwierige Aufgaben zu bearbeiten hat, für den sind ein paar Hintergrundgeräusche nicht lästig. Vielmehr geben sie dem Gehirn einen guten Grund, sich noch mehr zu konzentrieren. Nur bei lästigen Fleißarbeiten sollte man sich aus dem Trubel zurückziehen.

So arbeiten Sie effektiver
Den Blick nach draußen schweifen lassen Quelle: dpa
Ziele definieren Quelle: Fotolia
To-do-Liste Quelle: Fotolia
Selbstgespräche führenDiese Situation kennt vermutlich fast jeder. Statt konzentriert zu arbeiten, schweifen die Gedanken ab. Kleine Nebentätigkeiten wie Selbstgespräche oder Kritzeleien, helfen uns dabei, Ablenkungen auszublenden und so klare Gedanken zu fassen. Quelle: Fotolia
Pausen einlegen Quelle: Fotolia
Schlaf Quelle: Fotolia
Blickkontakt suchen Quelle: dpa Picture-Alliance

Geräusche im Großraumbüro können leistungsstärker machen

Darüber hinaus müssen Ablenkungen nicht immer stören. Stattdessen kommt es darauf an, ob sich eine solche Störung auch ändert. Ein ständig klingelndes Telefon blendet das Gehirn bald aus. Nervig wird es erst, wenn Sie rangehen (je nachdem, wer am anderen Ende ist). In der permanenten Geschäftigkeit eines Großraumbüros ist das Gehirn also genauso leistungsfähig wie in einem ruhigen Einzelzimmer. Mehr noch: Je komplexer eine Aufgabe ist und je mehr Leute daran beteiligt sind, desto besser ist es, wenn das Gehirn bei der Lösungssuche in einem lebhaften Umfeld arbeitet. Dann machen Ablenkungen nämlich kreativ.

Nun ist nicht jede aufpoppende E-Mail gleich ein Quell neuer Ideen. Doch es gibt einen Grund, weshalb viele kreative Wissensarbeiter ein betriebsames Café oder Hintergrundmusik zum Arbeiten brauchen: In dem Moment, in dem sich das Gehirn in eine wirklich wichtige Aufgabe vertieft hat, verwandelt es eintreffende Ablenkungen in mögliche Ideengeber. Unterbewusst wird vorsortiert. Dann mutiert eine nützliche Ablenkung zur möglichen Inspiration, unnütze Störungen werden rausgefiltert.

Fazit: Ob Ablenkungen lästig sind, entscheidet Ihr Gehirn. Je komplizierter die Arbeit, desto weniger lässt es sich stören – und je kreativer die Aufgabe, desto besser ist ein geschäftiges Umfeld.

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