WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Epidemie des Schlafentzugs „Die Menschen haben vergessen, wie es sich anfühlt, erholt aufzuwachen“

Guy Meadows ist Schlafphysiologe, Mitgründer der Sleep School in London und dort klinischer Direktor. Als ausgewiesener Experte für Schlaf und Schlaflosigkeit hat der Brite mehrere Bücher veröffentlicht. Quelle: Presse

Die meisten Menschen schlafen zu wenig. Schlaflehrer Guy Meadows spricht von einer modernen Epidemie. Hier verrät er, warum Schlaf Priorität vor Netflix haben sollte und wie jeder Napping Ninja werden kann.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

WirtschaftsWoche: Herr Meadows, wie sollte es sich anfühlen, wenn man genug geschlafen hat und dann morgens aufsteht?
Guy Meadows: Es fühlt sich an, als hätte man Superkräfte, als könnte man die ganze Welt erobern. Du bist fokussiert und aufmerksam. Das ist der Schlüssel: Wenn du dich fokussieren kannst, kannst du etwas lernen, dir Dinge merken, kommunizieren, Probleme lösen und vieles mehr. Und all das mit einer Leichtigkeit. Du fühlst dich voller Energie und voll da. Und, ganz wichtig: Du fühlst dich glücklich, du hast mehr Leidenschaft und Liebe für dich selbst, aber auch für andere. Wenn du gut geschlafen hast, ist alles besser.

Sie sagen aber: Dieses Gefühl kennen viele Menschen gar nicht mehr.
Wir sehen das jeden Tag in den Unternehmen: Die Menschen haben vergessen, wie es sich anfühlt, erholt aufzuwachen. Bei einer Umfrage unter 25.000 jungen Erwachsenen in Großbritannien hat nur ein Prozent angegeben, morgens vollkommen frisch und erholt aufzuwachen. Millionen Menschen wachen müde auf und pfeifen sich deshalb Energydrinks und Kaffee rein. Ein ganzer Markt existiert, um die Rolle des Schlafs zu ersetzen.

Sie konstatieren deshalb eine globale Epidemie des Schlafmangels. Was meinen Sie genau damit?
Der größere Teil der Weltbevölkerung gewährt sich selbst nicht ausreichend Schlaf. Das betrifft nicht nur die westliche Welt. Es gibt dafür einen eigenen Begriff: insufficient sleep syndrome. Die Menschen entscheiden sich aufgrund ihres Lebenswandels und ihrer Gewohnheiten dafür, nicht genug zu schlafen. Das Phänomen des absichtlichen Zuwenigschlafens hat immense Auswirkungen auf die Gesundheit von ganzen Bevölkerungen und die Produktivität ganzer Volkswirtschaften. Das geht bis in die Versicherungswirtschaft hinein, weil zum Beispiel so viele Autounfälle mit Schlafmangel zu tun haben.

Warum tun die Menschen sich diesen selbstgewählten Schlafmangel an?
Sie arbeiten länger, sind gestresster und werden ständig von den digitalen Geräten stimuliert. Mehr Licht und ein 24/7-Lebensstil tun ihr übriges. Manche Dinge können wir nicht beeinflussen, etwa die Arbeits- und Pendelzeiten. Aber sobald wir nach Hause kommen, haben wir die Wahl. Und wir wollen eben noch ein bisschen Leben zu Hause verbringen. Aber dieses Leben ist sehr viel unterhaltungslastiger geworden. Früher kam man nach Hause, es wurde dunkel, dann ging man schlafen. Vor nicht so langer Zeit gab es nur eine Handvoll TV-Sender und das Programm ging auch nicht die ganze Nacht hindurch. Jetzt ist alles unendlich. Die moderne Technologie manipuliert uns sogar aktiv, immer mehr zu wollen. Unsere Smartphones basieren auf einem Belohnungssystem, das die Dopaminausschüttung beeinflusst. Beim Chatten etwa sorgen die drei blinkenden Punkte, wenn der andere eine Antwort tippt, für den größeren Kick, dadurch können wir nicht von dem Gerät lassen. Und der Netflix-Chef sagte schon vor zwei Jahren: „Die größte Herausforderung für unser Geschäft ist das menschliche Bedürfnis nach Schlaf.“ Die Möglichkeit des Schlafens konkurriert heute mit vielen anderen Dingen.

Haben wir verlernt, nichts zu tun?
Definitiv. Es fängt mit dem Unterhaltungsangebot nach Feierabend an, wo wir keine Chance mehr haben, uns zu langweilen. Wir sollten auch während des Tages Pausen machen, in denen wir nichts tun. Das heißt in erster Linie: digital detox. Ein paar Abschnitte am Tag, wo man nicht auf sein Smartphone schaut, am besten, weil es nicht da ist. Das schärft die Sinne, sorgt für eine andere Wahrnehmung. Erste Maßnahme: Wenn Sie rausgehen, um zu Mittag zu essen, nehmen Sie es nicht mit. Sie brauchen es nicht!

Was kann der Einzelne tun, um sich mehr Schlaf zu gönnen?
Jeder kann die Kontrolle über seinen Schlaf zurückerobern und seiner Nachtruhe einen höheren Stellenwert geben. Jeder kann abends versuchen, die eigenen Bedürfnisse zu erspüren, runterzukommen, und ja, dazu vielleicht auch mal einen guten Wein trinken (aber nicht jeden Abend!). Es fängt schon am Tag an: Man sollte Zeit im Tageslicht verbringen, etwas Bewegung in den Alltag einbauen und auf den Koffeinkonsum achten. Was auch Wunder wirkt: Ein kurzer Powernap am Mittag. Den kann jeder lernen.

Das müssen Sie kurz erklären.
Idealerweise sollte der Kurzschlaf zwischen 12 und 15 Uhr passieren und zwischen 10 und 15 Minuten dauern, nicht später und nicht länger. Viele sagen: „Ich kann kein Nickerchen machen, also tue ich es nicht.“ Was man dazu wissen muss: Es geht nur um einen leichten Schlaf. Da ist es völlig normal, dass man sich gar nicht sicher ist, ob man geschlafen hat oder nicht. 60 Prozent von Testpersonen waren nach einem Kurzschlaf der Meinung, sie hätten gar nicht geschlafen. Hatten sie aber. Der Trick ist, dass man nicht Schlaf als Ziel haben darf, sondern Ausruhen. Dann ist die Hürde viel niedriger. Einfach die Augen schließen, achtsam sein – und es passieren lassen. Es dauert drei Monate zwischen „ich kann keinen Kurzschlaf“ bis zur Stufe „ich bin ein guter Kurzschläfer“. Nach sechs Monaten ist eigentlich jeder ein Napping Ninja, kann innerhalb einer Minute einschlafen und von selbst wieder aufwachen.

Was können Unternehmen tun, um ihre Mitarbeiter beim Projekt mehr Schlaf zu unterstützen?
Wo wir gerade beim Thema sind: die Voraussetzungen für Powernap schaffen. Es geht aber um mehr. Unternehmen können viel tun, um die Arbeitsumgebung schlaffreundlich zu machen. Wie geht das? Mehr Licht, mehr Fenster sind ein guter Anfang. Oder wenigstens den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, mal rauszugehen, walking meetings abhalten, mehr Flexibilität gewähren. Unternehmen können ihre Mitarbeiter auch aufklären, wie diese besseren Schlaf bekommen und, ganz grundsätzlich, wie sie besser mit Stress umgehen können.

Und manchmal hilft reden. Wenn ein Chef zum Beispiel eine Eule ist und oft spätabends E-Mails schreibt und andere denken, sie müssten darauf antworten, geht das immer so weiter. Wenn sich aber klären lässt, dass er um die Zeit einfach gerne arbeitet, gibt es kein Problem mehr. Manche ausgeprägte Spätarbeiter haben in ihrer Mail-Signatur einen Hinweis wie: „Ich arbeite gerne nachts, erwarte aber keine Antworten – außer Sie sind genauso verrückt wie ich“. Insgesamt sind flexible Arbeitszeiten ganz wichtig, damit Menschen ihren Bedürfnissen entsprechend ein Zeitspektrum haben, auch Arbeit von zu Hause erledigen oder mal später oder früher kommen können. Wenn jemand einen sehr langen Anfahrtsweg hat, kann man ihm das Leben erleichtern, indem er tageweise von zu Hause arbeiten kann.

Wie kann man denn als Unternehmen sicherstellen, dass all dieses Entgegenkommen nicht doch wieder in Freizeitstress gesteckt wird, statt in Erholung?
Das geht nur mit Vertrauen.

Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%