WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Equal Pay Day "Ungerechte Bezahlung ist kein Frauenproblem"

Seite 2/2

"Das ist kein kein eierlegendes Wollmilchgesetz"

Das Gesetz sorgt nur dafür, dass Frau in Erfahrung bringen kann, wie hoch der Durchschnittslohn in ihrem Team ist. Sonst nichts.
Das Gesetz ändert die Kommunikation. Frauen sitzen nicht mehr vor einer großen BlackBox der Lohnwelt und rätseln über faire oder unfaire Bezahlung, sondern sie haben das Recht beim Betriebsrat nachzufragen. Dadurch treten Frauen nicht als geldgierige Querulantinnen auf, sondern sie fordern anonym und geschützt eine berechtigte Auskunft. Auf diese Weise wird unternehmensintern publik, ob und wie ungerecht bezahlt wird. Betriebsrat, Belegschaft, Geschäftsführung – keiner kann sich mehr rausreden. Das ändert einiges, erst im Betrieb, dann in der Gesellschaft. Der Wandel in den Köpfen hat ja schon längst eingesetzt. Jetzt beginnt er auch auf den Gehaltszetteln.

Das Gesetz ist dennoch sehr umstritten.
Das Gesetz ist natürlich nicht die Lösung, aber es ist Teil der Lösung. Es gibt tausend Gründe, warum Frauen weniger Geld verdienen als Männer. Die alle schafft das Gesetz nicht aus der Welt, es ist eben kein eierlegendes Wollmilchgesetz.

Das Gesetz leistet etwas sehr Wichtiges: Die Arbeitgeber müssen ihre Lohnstrukturen transparenter machen und die Mitarbeiter können sich darüber informieren. Das schafft ein Bewusstsein für Ungerechtigkeit und das bringt Bewegung in die Sache. Es wäre nicht nur zynisch, sondern auch anfechtbar, wenn sich jemand hinstellt und sagt: „Klar, bezahle ich Frauen schlechter, sind ja Frauen!“

Wer feststellt, dass er beziehungsweise sie unfair bezahlt wird, kann versuchen, mehr Geld einzuklagen. Das ermöglicht das Antidiskriminierungsgesetz aber schon seit zehn Jahren.
Anhand der bestehenden Gesetze kann man heute schon klagen, das stimmt. Doch bislang reiben sich einzelne Frauen in jahrelangen Gerichtsprozessen auf. Das ändert sich durch das Gesetz. Weil man nicht erst zum Gericht ziehen muss, um Auskunft zu bekommen. Übrigens sind auch Männer in schlechter bezahlten Berufen zu finden, selbst wenn es weniger sind. Trotzdem wird auch der Krankenpfleger nicht unbedingt fair bezahlt. Und es gibt sogar Berufe, in denen Frauen mehr verdienen als Männer, Physiotherapeuten zum Beispiel. Ist das fair?

Der Equal Pay Day beschäftigt sich also nicht mit Frauen- sondern allgemeiner Diskriminierung?
Auf jeden Fall. Wir sollten den Begriff Frauenquote aus dem Wortschatz streichen; es ist eine Gender- oder eine Diversity-Quote. Und genauso ist es auch mit der Diskriminierung bei der Bezahlung. Im Moment sind Frauen zwar stärker betroffen, aber Equal Pay ist ein Thema, das alle betrifft. Transparenz und Fairness schaffen Vertrauen. Und Vertrauen ist der Kitt unserer Gesellschaft. FairPay ist FairPlay.


Trotzdem wird das Entgeltgleichheitsgesetz so verkauft, als verhelfe es den Frauen zu besseren Löhnen.
Es ändert sich gerade einiges. Es gibt mehr Frauen in Aufsichtsräten; es gibt mehr Väter, die Elternzeit nehmen; es gibt den Mindestlohn – all das geht doch in die richtige Richtung. Wenn diese Effekte greifen und sich die Gesellschaft einen anständigen Ruck gibt und bereit ist, für gute Arbeit auch fair zu bezahlen, dann wird sich die Lücke sehr schnell schließen.


Wenn Sie träumen dürften, wann wäre das?
Die Datensätze, aus denen die Lücke berechnet wird, sind ja immer ein paar Jahre alt. Derzeit greift das Statistische Bundesamt auf die Verdienststrukturerhebung von 2014 zurück. Ich träume, davon den Equal Pay Day 2020 am 1. Januar zu feiern. Aber wenn wir diese Gleichheit erst im Jahr 2022 erreichen, fände ich das auch okay. So viel Geduld würde ich aufbringen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%