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Erschöpfte Gesellschaft Stress gehört auf die politische Agenda

Psychologen und Soziologen schlagen Alarm: Stress und Angst beherrschen die Seelen der Deutschen. Gefragt wäre die Politik. Doch die zeigt selbst Stresssymptome - und rennt kopflos weiter im Hamsterrad.

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Wie geht es den Deutschen? Sie sind im Schnitt reicher und leben länger als je zuvor – in der längsten Friedensperiode ihrer Geschichte. Aber genießen können sie das offenbar nicht.

Wenn man liest, was Psychologen und Soziologen über die deutsche Seele schreiben, dann ähneln sich die Diagnosen stets: Die Deutschen leiden unter Stress, sind erschöpft und haben Angst.

Angst als Dauerthema

Die „Gesellschaft der Angst“, die der Soziologe Heinz Bude in seinem aktuellen Buch präsentiert, die „Ermüdungsgesellschaft“ des Philosophen Byung-Chul Han und die „erschöpfte Gesellschaft“ des Psychologen Stefan Grünewald finden sich auch in den Massenmedien unübersehbar als Dauerbrenner.

Nun sind Stress und Angst zunächst mal etwas sehr persönliches. Jeder Betroffene leidet für sich. Und so sind auch die meisten Artikel und Bücher als persönlicher Ratgeber für das Leid des Einzelnen formuliert.

Wie gehen Sie mit Stress und Ärger um?

Doch Stress und Angst als Seelenzustand sind mehr als eine Summe trauriger Einzelschicksale. Sie sind ein Kollektivschicksal, das die Menschen verbindet. Und sie rufen wie jedes gesellschaftliche Problem nicht nur nach individuellen Antworten - sondern nach politischen. Das Problem ist bloß: Die politische Klasse hat das noch nicht erkannt.     

„Das hält keiner bis zur Rente durch“. Diesen verzweifelten Satz haben wohl schon Millionen Deutsche mehr oder weniger wörtlich von sich gegeben. Um sie geht es im gleichnamigen Buch des Psychologen Hans-Peter Unger und seiner Ko-Autorin Carola Kleinschmidt. Stress und die daraus oft folgenden erschöpfungsbedingten Depressionen sind für seine Zunft derzeit das lohnendste Beschäftigungsfeld.

Arbeit als Stressfaktor

Was die Deutschen stresst, ist eindeutig: Die Arbeit. Ebenso wenig wie die anderen Produktionsfaktoren ist die Arbeitskraft des Menschen begrenzt. Eine Zeitlang kann man sich bei seiner Psyche verschulden: Genau das ist Stress - die dauerhafte Übernutzung psychischer Ressourcen.

Körper und Geist können in außergewöhnlichen Situationen der Belastung oder Bedrohung kurzfristig Außergewöhnliches leisten, indem sie Reserven anzapfen. Doch nach etwa acht Wochen ist Zahltag, wie Studien des Instituts für Arbeit und Technik gezeigt haben. Hält der Dauerstress länger an, verlieren Menschen die Fähigkeit zur Entspannung. Sie beginnen die Arbeit zu hassen und sind irgendwann chronisch erschöpft.

Diesen unglücklichen Zustand hat ein Drittel der Beschäftigten in Deutschland erreicht.  Nach dem Stressreport der Techniker Krankenkasse 2013 fühlen sich 20 bis 30 Prozent der Deutschen. Mit anderen Worten: Bis zu 16 Millionen Menschen hierzulande sind ständig unter Druck und am Ende ihrer Kräfte.

Verzweifelter Ruf nach Gemeinschaft

Und die Angst? Angst ist eine Verwandte des Stress, die ihm stets eng auf den Fersen ist. Das kann man soziologisch-sozialpsychologisch und auch ganz handfest neurologisch erklären. Dauerstress bedeutet, dass die Hirnregion Amygdala („Mandelkern“) dauerhaft aktiviert wird und sich ihre Nervenzellen besonders „gut“ auf diese Beanspruchung durch Anforderungen von außen einstellen.

Auf Autopilot

Damit sind aber negative Emotionen verbunden, die sich verstetigen. Der präfrontale Kortex hingegen, sozusagen das Gegengewicht zum Mandelkern, schafft es nicht mehr, diese Emotionen zu dämpfen. Ergebnis ist die gefürchtete „Endlosschleife“, auch „Autopilot“ genannt, in der der Betroffene in einer ängstlichen Stimmung versinkt, aus der er keinen Ausweg mehr zu sehen vermag.

Man hasst seine Arbeit, sieht sich von Feinden und Bedrohungen umgeben. Oder wie Unger und Kleinschmidt schreiben: „Die Gefühlswelt bleibt in den Bereichen Ärger und Angst hängen.“

Der Soziologe Heinz Bude diagnostiziert Angst als die „Seelenwirklichkeit der mittleren Lagen in unserer Gesellschaft“. Die mittleren Lagen, das sind jene, die etwas zu verlieren haben. Jene, die noch nicht abgehängt sind, aber auch noch nicht selbst den Rest der Gesellschaft abgehängt haben. 

Die stressigsten Jobs der Welt
Taxen Quelle: dpa
Zeitungsjournalisten Quelle: REUTERS
Reporter Quelle: dpa
Vorstandsmitglieder Quelle: Fotolia
Pressesprecher Quelle: dpa
Event-Manager Quelle: dpa
Polizisten Quelle: AP

Bei den Deutschen hat es die Angst, im immer schnelleren Rattenrennen aller gegen alle abgehängt zu werden, möglicherweise besonders leicht. Es ist kein Zufall, dass das deutsche Wort längst auch im Englischen und anderen Sprachen als „German Angst“ angekommen ist.

Eine obskure Befindlichkeit

Die Deutschen sind Meister der Angst. Eines Gefühls, das nicht mit der Furcht vor einer bestimmten, erkennbaren Bedrohung gleichzusetzen ist. Angst ist eine obskure Befindlichkeit, die von der Zukunft nichts Gutes erwarten lässt. Angst ist der Verlust des Lebensmutes aus Gründen, die unsagbar bleiben.

Die Angst der Deutschen hat mit den totalen Brüchen unserer Geschichte zu tun. Die Ahnen der heutigen Deutschen haben die traumatische Erfahrung des totalen Verlustes von Hab und Gut und vor allem geliebter Menschen mehrfach gemacht. Die Erfahrung des hilflosen Ausgeliefertseins an Gewalt, die von außen kommt.

Die Klage über Stress ist daher, schreiben Unger und Kleinschmidt, eine gesellschaftliche Klage. Ein verzweifelter Ruf nach Gemeinschaft angesichts der andauernden Drohung, durch Misserfolg im allgegenwärtigen Wettbewerb ausgeschlossen zu werden. Die über Stress klagen, versichern sich gegenseitig, dass sie immerhin (noch) dazu gehören zur Gemeinschaft der so genannten Leistungsträger. Keinen Stress mehr zu haben, bedeutete schließlich, das alles entscheidende Rennen verloren zu haben, aus dem Raster gefallen zu sein.

Was bei der Arbeit stresst

Mediziner betrachten arbeitsbedingte Seelenleiden gemeinhin als ein mikroökonomisches Problem, das den einzelnen Arbeitnehmer in einem spezifischen Unternehmen beträfe. Sie geben mehr oder weniger kluge Ratschläge an die Gestressten, was sie gegen den Stress tun können, und ermahnen gleichzeitig die Arbeitgeber, psychische Krankheitssymptome ihrer Arbeitnehmer ernst zu nehmen.

Die Gesundheit der Arbeitnehmer, auch die psychische, sei Voraussetzung für deren Leistungsfähigkeit. Als ob man durch ein paar nette Topfblumen, eine „Gefährdungsbeurteilung“ und ein einfühlsames Gespräch alles wieder hinbiegen könne. Um dadurch noch effizienter, produktiver und kreativer weitermachen zu können.

Ein Symptom der Krise

Doch die erschöpfte Gesellschaft der Angst ist eben nicht nur die Summe bedauerlicher, aber reparabler Einzelfälle. Schuld an den Millionen Stressgeplagten sind eben nicht individuelle Fehler Hunderttausender unfähiger Chefs, die einfach ein besseres Coaching nötig hätten.

Liberale und konservative Bedürfnisse

Die erschöpfte Gesellschaft der Angst ist mehr. Sie ist ein Symptom der Krise unseres Wirtschaftssystems. Das dauernde Gefühl der Überforderung von Millionen von Menschen ist das Produkt des selbst auferlegten Zwanges, nicht nur die Grenzen der Ressourcen der Natur dauerhaft zu überschreiten, sondern auch die Leistungsfähigkeit der Menschen über ihre psychischen Grenzen hinaus immer weiter zu steigern.

Die erschöpfte Gesellschaft der Angst ist daher keine Summe privater Probleme von einzelnen Individuen. Sie ist das Symptom einer Begrenzungskrise – ebenso wie die Verwerfungen an den Finanzmärkten und die Zerstörungen der Umwelt. Sie ist ein politisches Problem.

Welche Berufe am wenigsten krank machen
MedienschaffendeInsgesamt wurden Daten von 4,1 Millionen bei der TK Versicherten ausgewertet. Extrem wenig krankheitsbedingte Ausfälle finden sich in medialen Berufen. Hier melden sich Angestellte durchschnittlich nur 11,8 Tage im Jahr krank . Doch die Medienmacher sind noch nicht die Spitzenreiter bei den geringsten Fehlzeiten. Quelle: dpa
AgrarberufeBerufstätige im Agrarbereich kommen durchschnittlich auf 17,2 Fehltage im Jahr. Damit liegen sie etwas über dem Durchschnitt. Erklären lässt sich dieses Ergebnis mit der oft körperlich anstrengenden Arbeit. Zu beachten ist allerdings auch der sogenannte „Healthy Worker Effect“. Körperlich überdurchschnittlich gesunde Personen werden gezielt für besonders schwere Tätigkeiten angestellt. So können je nach Berufsgruppe trotz hoher Belastung relativ geringe Erkrankungsraten resultieren. Übrigens: Während Männer häufiger an Verletzungen der Gelenke leiden, erkranken Frauen öfter an den Atemwegen. Quelle: dpa
Bau- und HolzberufeIn den Bau- und Holzberufen fehlen die Angestellten mit am häufigsten. Sie melden sich im Schnitt rund 21,5 Tage im Jahr krank. Das lässt sich zum Teil dadurch erklären, dass ein Handwerker grundsätzlich einem höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt ist, als zum Beispiel ein Versicherungsangestellter. Quelle: dpa
ElektroberufeWie Turner auf einem Strommast erscheinen die Arbeiter im Bild. Auch wenn das scheinbare Risiko der Situation es nahe legen mag: Elektro-Angestellte sind nicht allzu oft krankgeschrieben. Männer bringen es nur auf 15,4 Fehltage im Jahr. Frauen fehlen dafür in dieser Berufssparte besonders oft: 20,1 Tage im Jahr. Frauen lassen sich allerdings auch insgesamt öfter krankschreiben als Männer. Sie fehlen durchschnittlich drei Tage im Jahr länger als ihre männlichen Kollegen. Quelle: dapd
Ordnungs- und SicherheitsberufeDie Ordnungs- und Sicherheitsbeauftragten fehlen im Vergleich etwas öfter als der Durchschnitt. Während Männer 16,4 Tage im Jahr fehlen, lassen sich Frauen durchschnittlich 18,3 Tage im Jahr krankschreiben. Quelle: dpa
Friseure / Gästebetreuer / Hauswirtschafter / ReinigerFriseure, Gästebetreuer, Hauswirtschafter und Reiniger fehlen erstaunlich häufig. Im Schnitt ist diese Berufsgruppe rund 19,6 Tage im Jahr krankgemeldet. Quelle: dpa
Sozial- und Erziehungsberufe, SeelsorgerBei den Sozial- und Erziehungsberufen fällt eines besonders auf: Männer fehlen mit 11,3 Tagen im Jahr sehr selten, Frauen im Vergleich mit 17,8 Tagen eher häufig. Gründe für Krankmeldungen sind nicht immer körperlichen Ursprungs. Oft spielt auch psychischer Druck eine große Rolle. Quelle: dpa

Doch Stress und Angst als dominierende Seelenzustände der Deutschen finden bisher so gut wie keinen Widerhall in der Politik. Denn dort trift sie auf das schiere Unverständnis des sozialdemokratischen Fortschrittsglaubens, der alle Parteien erfasst hat. Der parteipolitische Betrieb scheint genauso im endlosen Autopilotenstatus der scheinbaren Ausweglosigkeit wie das gestresste Volk.

Und Angela Merkel vermittelt das einlullende Gefühl, dass es irgendwie immer so weitergeht, wenn alle fleißig weiterstrampeln. „Unter Dauerstress mutieren wir vom klar denkenden Menschen zum kopflos rennenden Hamster“, schreiben Unger und Kleinschmidt. Der gestresste Mitarbeiter reagiert auf alle Belastungen mit noch mehr Arbeit, bevor er zusammenbricht. Genauso sucht die Politik das Heil im Vorwärts - wo auch immer das hinführt. Hauptsache, nicht stehenbleiben.

Ansprüchen des ökonomischen Wettbewerbs

Doch Stress endet erst, wenn man innehält; wenn man sich seiner Freiheit bewusst wird und sie sich nimmt. Allerdings ist die Freiheit vor den übergriffigen Ansprüchen des ökonomischen Wettbewerbs derzeit nicht im politischen Angebot. Die Aufgabe künftiger Liberaler könnte sein, nicht nur die Freiheit zur Wirtschaft, sondern auch ein gewisses Maß an Freiheit des Individuums vor der Wirtschaft einzufordern.

Kollektive Ängste sind nicht einfach zu vertreiben. Aber sie sind leichter zu bewältigen, wenn man weiß, wo man steht und wo man herkommt. Überlieferte Traditionen und bewährte gesellschaftliche Einrichtungen geben Menschen stets Halt. In der zunehmend als haltlos empfundenen, zusammengeschrumpften und durcheinandergewirbelten Welt muss konservative Politik die psychischen Ressourcen der Menschen ebenso zu verteidigen wie die der Natur.     

Beruf



Dass man im aktuellen Bundestag keine echten Liberalen und kaum noch bekennende Konservative antrifft, heißt nicht, dass es keine liberalen und konservativen Bedürfnisse mehr gibt. Stress und Angst als Seelenzustände weiter Teile der Bevölkerung rufen nach im Wortsinne liberaler und konservativer Politik, die aber nicht im Angebot ist. Noch nicht.  

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