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Erschöpfte Gesellschaft Stress gehört auf die politische Agenda

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Verzweifelter Ruf nach Gemeinschaft

Und die Angst? Angst ist eine Verwandte des Stress, die ihm stets eng auf den Fersen ist. Das kann man soziologisch-sozialpsychologisch und auch ganz handfest neurologisch erklären. Dauerstress bedeutet, dass die Hirnregion Amygdala („Mandelkern“) dauerhaft aktiviert wird und sich ihre Nervenzellen besonders „gut“ auf diese Beanspruchung durch Anforderungen von außen einstellen.

Auf Autopilot

Damit sind aber negative Emotionen verbunden, die sich verstetigen. Der präfrontale Kortex hingegen, sozusagen das Gegengewicht zum Mandelkern, schafft es nicht mehr, diese Emotionen zu dämpfen. Ergebnis ist die gefürchtete „Endlosschleife“, auch „Autopilot“ genannt, in der der Betroffene in einer ängstlichen Stimmung versinkt, aus der er keinen Ausweg mehr zu sehen vermag.

Man hasst seine Arbeit, sieht sich von Feinden und Bedrohungen umgeben. Oder wie Unger und Kleinschmidt schreiben: „Die Gefühlswelt bleibt in den Bereichen Ärger und Angst hängen.“

Der Soziologe Heinz Bude diagnostiziert Angst als die „Seelenwirklichkeit der mittleren Lagen in unserer Gesellschaft“. Die mittleren Lagen, das sind jene, die etwas zu verlieren haben. Jene, die noch nicht abgehängt sind, aber auch noch nicht selbst den Rest der Gesellschaft abgehängt haben. 

Die stressigsten Jobs der Welt
Taxen Quelle: dpa
Zeitungsjournalisten Quelle: REUTERS
Reporter Quelle: dpa
Vorstandsmitglieder Quelle: Fotolia
Pressesprecher Quelle: dpa
Event-Manager Quelle: dpa
Polizisten Quelle: AP

Bei den Deutschen hat es die Angst, im immer schnelleren Rattenrennen aller gegen alle abgehängt zu werden, möglicherweise besonders leicht. Es ist kein Zufall, dass das deutsche Wort längst auch im Englischen und anderen Sprachen als „German Angst“ angekommen ist.

Eine obskure Befindlichkeit

Die Deutschen sind Meister der Angst. Eines Gefühls, das nicht mit der Furcht vor einer bestimmten, erkennbaren Bedrohung gleichzusetzen ist. Angst ist eine obskure Befindlichkeit, die von der Zukunft nichts Gutes erwarten lässt. Angst ist der Verlust des Lebensmutes aus Gründen, die unsagbar bleiben.

Die Angst der Deutschen hat mit den totalen Brüchen unserer Geschichte zu tun. Die Ahnen der heutigen Deutschen haben die traumatische Erfahrung des totalen Verlustes von Hab und Gut und vor allem geliebter Menschen mehrfach gemacht. Die Erfahrung des hilflosen Ausgeliefertseins an Gewalt, die von außen kommt.

Die Klage über Stress ist daher, schreiben Unger und Kleinschmidt, eine gesellschaftliche Klage. Ein verzweifelter Ruf nach Gemeinschaft angesichts der andauernden Drohung, durch Misserfolg im allgegenwärtigen Wettbewerb ausgeschlossen zu werden. Die über Stress klagen, versichern sich gegenseitig, dass sie immerhin (noch) dazu gehören zur Gemeinschaft der so genannten Leistungsträger. Keinen Stress mehr zu haben, bedeutete schließlich, das alles entscheidende Rennen verloren zu haben, aus dem Raster gefallen zu sein.

Was bei der Arbeit stresst

Mediziner betrachten arbeitsbedingte Seelenleiden gemeinhin als ein mikroökonomisches Problem, das den einzelnen Arbeitnehmer in einem spezifischen Unternehmen beträfe. Sie geben mehr oder weniger kluge Ratschläge an die Gestressten, was sie gegen den Stress tun können, und ermahnen gleichzeitig die Arbeitgeber, psychische Krankheitssymptome ihrer Arbeitnehmer ernst zu nehmen.

Die Gesundheit der Arbeitnehmer, auch die psychische, sei Voraussetzung für deren Leistungsfähigkeit. Als ob man durch ein paar nette Topfblumen, eine „Gefährdungsbeurteilung“ und ein einfühlsames Gespräch alles wieder hinbiegen könne. Um dadurch noch effizienter, produktiver und kreativer weitermachen zu können.

Ein Symptom der Krise

Doch die erschöpfte Gesellschaft der Angst ist eben nicht nur die Summe bedauerlicher, aber reparabler Einzelfälle. Schuld an den Millionen Stressgeplagten sind eben nicht individuelle Fehler Hunderttausender unfähiger Chefs, die einfach ein besseres Coaching nötig hätten.

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