Essen unter Druck "Viele Menschen leiden an Nasch-Demenz"

Schoko-Riegel sind ein beliebter Stresskompensator am Arbeitsplatz. Zumindest bei den typischen Stressessern. Andere magern ab, wenn es hektisch wird. Ein Fitness- und Ernährungsexperte erklärt das Phänomen.

Ungesunde Ernährung im Arbeitsstress. Quelle: Getty Images

WirtschaftsWoche: Herr Heizmann, Ihr aktuelles Buch heißt "Essen erlaubt"...

Patric Heizmann: Der Titel meines Buches soll kein Aufruf sein, alles willenlos in sich hineinzustopfen. Gerade in Stresssituationen ist es unheimlich wichtig, dass man seine Ernährung reflektiert.

Wenn Arbeitnehmer in Stresssituationen am Arbeitsplatz essen, sollten sie das Problem daher bei den Stressfaktoren suchen anstatt in ihrer Ernährung: Was ist Stress eigentlich? Wo kommt er her? Und was macht er mit dem Mitarbeiter? Doch wenige gehen diesen Fragen nach.

Warum essen wir denn nebenbei am Arbeitsplatz?

Wir starren auf den Bildschirm, haben Termindruck und manchmal sogar psychosozialen Stress, weil am Arbeitsplatz gemobbt wird. Und wir setzen uns heutzutage zunehmend privat unter Druck. Essen wird hier zur Nebensache, manchmal sogar zum lästigen, zeitraubenden Übel.

Zur Person

Was meinen Sie mit privatem Druck?

Es gibt Speed-Dating, Fitnesstracker und Kaffee to go. Wir verzichten auf den Mittagsschlaf und machen stattdessen einen Power-Nap – wenn überhaupt. Wir schreiben uns ständig Mails und checken, was in sozialen Netzwerken wie Facebook passiert. Wir essen Fast Food. Viele kauen kein Obst mehr – sie trinken Smoothies. Durch diese Lebensweise verlieren wir den Blick für das Wesentliche.

Welche Konsequenzen hat das für unseren Körper?

Unter Stress schüttet die Nebennierenrinde im Körper die Stresshormone Adrenalin und Cortisol aus. Cortisol ist der Gegenspieler des Insulins: Wenn der Cortisol-Gehalt im Körper steigt, sinkt der Insulinspiegel – der Idealfall ist ein Gleichgewicht.

Durch Dauerstress verkleinern sich aber die „Zuckerschleusen“ im Gehirn. Dann veranlasst das Gehirn ein schier unkontrollierbares Verlangen nach Süßem, also Energienachschub. Das ist Zucker, der dann in solchen Mengen gegessen oder getrunken wird, dass er vom Gehirn nicht mehr komplett verbraucht werden kann und in den Fettspeichern endgelagert wird. Natürlich steigt durch den hohen Zuckerkonsum auch der Insulinspiegel.
Sobald der Zucker in die Fettzellen entsorgt wurde und der Insulinspiegel wieder niedrig ist und somit dem Gehirn wieder wenig Zucker zur Verfügung steht, schüttet der Körper wieder Stresshormone aus – das Spiel beginnt von vorn.

Wieviel Zucker steckt in...

Und wir nehmen zu.

Genau. Irgendwann fühlt man sich am Arbeitsplatz wie ein Bergsteiger auf 6000 Meter Höhe, der nach Luft japst – beziehungsweise weitere Energielieferanten braucht, um produktiv zu sein. Auf lange Sicht bildet sich so das Viszeralfett. Es liegt locker im Gewebe und daraus kann der Körper schnell Energie gewinnen. Es ist das gefährlichste Fett, weil es die Entzündungswerte erhöht und somit beispielsweise Herzkreislauferkrankungen befeuert.

Werden wir denn durch Stress automatisch dick?

Nein. Manche Menschen nehmen ab, weil sie unter Stress das Hungergefühl verlieren beziehungsweise die Zuckerschleusen im Gehirn sperrangelweit aufstehen. Sie magern ab. Dann erst wird das Gehirn mit zu wenig Energie versorgt. Diese Menschen neigen deshalb dazu, depressiv zu werden.

Diejenigen, die durch Stress zunehmen, sind seelisch wesentlich stabiler, ruhiger und hartnäckiger, wenn sie Ziele verfolgen. Sie brennen nicht so schnell aus, weil sie Energie-Reserven im Viszeralfett haben – was leider aber nicht so schön aussieht.

Also ist es besser, wenn man durch Stress zu- anstatt abnimmt?

Nicht unbedingt. Diese Situation ist vergleichbar mit der Wahl zwischen Pest und Cholera. Zu- und Abnahme haben negative Auswirkungen auf die Gesundheit. Mittelfristig ist es aber besser, etwas dicker zu sein als dürr. Denn Depressionen bringen meist andere Erkrankungen mit sich.

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