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Fachkräftemangel Abiturienten sollten in die Lehre gehen

Der Fachkräftemangel könnte Deutschland womöglich weniger hart treffen als befürchtet. Dafür müssten vor allem mehr Gymnasiasten eine Ausbildung beginnen, so eine Studie.

Malerutensilien Quelle: dpa

Könnte der Fachkräftemangel ausbleiben? Aus Sicht der Unternehmen könnte die Lage im Jahr 2030 entspannt sein, auf allen Berufsfeldern sei das Angebot an Arbeit groß genug. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in ihrem heute veröffentlichten Report.

Für die Studie hatten die Forscher untersucht, wie sich Arbeitsangebot und Arbeitszeit auf den Fachkräftebedarf auswirken. Demnach würden die zur Verfügung stehenden Fachkräfte in den meisten Branchen rein rechnerisch ausreichen. Allerdings nur rein rechnerisch.  

Gerechnet hatten die Forscher so: Nimmt man beispielsweise alle Personen zusammen, die gerne als Bäcker arbeiten möchten, ergibt sich das Arbeitsangebot einer Gruppe. Wem etwa ein höheres Gehalt wichtig ist, könnte bereit sein, dafür jeden Tag eine Stunde länger Brot zu backen. Liegt die gewünschte Arbeitszeit eines Bäckers über seiner tatsächlichen, könnte der Arbeitgeber theoretisch auf mehr Arbeitsstunden zurückgreifen. Dieses Potenzial reiche den Arbeitsmarktforschern zufolge aus, um 2030 den Arbeitsbedarf in allen untersuchten Branchen zu decken.

Das bedeutet jedoch keineswegs, dass es deswegen zukünftig in Deutschland stets genügend Fachkräfte für alle Jobs geben werde. "In einzelnen Regionen und Berufen kann es sehr wohl zu Engpässen kommen", sagt Friedrich Hubert Esser, Präsident des Instituts. Gerade in Jobs im Gastrogewerbe, in denen viele Beschäftigte Teilzeit arbeiten, könnte es knapp werden. Hier sehen die Forscher aber auch das größte Potenzial. 

Daneben wachse den Wissenschaftlern zufolge auf mittlerer Qualifikationsebene die Diskrepanz zwischen Bedarf und Angebot. Immer mehr Arbeitskräfte verfügten zwar über einen akademischen Abschluss, allerdings fehle Nachwuchs in den klassischen Ausbildungsberufen. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, verfügt Deutschland im Jahr 2030 über drei Millionen weniger Fachkräfte in diesen Berufen. Institutspräsident Esser fordert daher, die Attraktivität der Berufsausbildung vor allem bei Abiturienten zu steigern: "Es muss klar werden, dass eine duale Ausbildung nicht das Ende der Karriereleiter darstellt." Stattdessen würde sie viele Karrierepfade eröffnen – etwa die, selbst einmal ein Unternehmen zu gründen oder einen Betrieb zu führen.

Geisteswissenschaftler wechseln oft in andere Branchen

Das Institut prognostiziert auf Grundlage der heutigen Daten einen künftigen Engpass in vier Berufsfeldern: Im Gesundheitswesen werden rund 100.000 Arbeitskräfte fehlen, einige Tausend sind es auch in Gastronomie und Reinigung, sowie im Verkehrs- und Sicherheitssektor. Überraschend kündigt sich auch ein Mangel bei Arbeitnehmern in den sozialwissenschaftlichen und künstlerischen Berufen an. Der Grund ist vor allem das Gehalt.

In Arbeit
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Mit einem geisteswissenschaftlichen Beruf lässt sich in der Regel deutlich weniger Geld verdienen als beispielsweise im Wirtschaftssektor. Da Geisteswissenschaftler als Generalisten ausgebildet werden und sich gut in andere Bereiche einarbeiten können, wechseln viele nach der Ausbildung in Berufszweige mit höheren Löhnen. Die Berechnungen des BIBB zeigen: 2030 werden nur noch gut 40 Prozent aller gelernten Medien- und Sozialwissenschaftler auch in diesem Berufsfeld arbeiten. In keinem anderen Sektor ist die Quote so gering. 

Die Lage auf dem Markt für Lehrer hingegen ist komplett gegensätzlich: Fast 80 Prozent von ihnen bleiben der Branche auch nach ihrer Ausbildung erhalten – ein Resultat beispielsweise des sehr spezifischen Lehramtsstudiums und der relativ großen Jobsicherheit. Die hohe Verbleibsquote führt jedoch mit dazu, dass mehr Lehrer als nötig in den Beruf strömen. Für 2030 erwarten die Forscher einen Überhang von 300.000 Menschen in lehrenden Berufen.

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