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Fachkräftemangel „Man muss die Leute besser machen, die man hat“

Nur weil die Wirtschaft nicht wächst, müssen Unternehmen keine Mitarbeiter entlassen, sagt Enzo Weber. Quelle: dpa

Arbeitsmarktforscher Enzo Weber erklärt, warum die größte Herausforderung für den Arbeitsmarkt nicht eine kurzfristige Rezession, sondern die Demografie ist und wie Unternehmen damit umgehen können.

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WirtschaftsWoche: Herr Weber, während die meisten Wirtschaftsforschungsinstitute gerade vor einer nahenden Rezession warnen, ist die Zahl der unbesetzten Stellen so groß wie nie. Wie passt das zusammen?
Enzo Weber: Der Arbeitsmarkt ist heute deutlich robuster gegenüber der Konjunktur, das zeigen unsere Berechnungen. Vor 15 Jahren wäre die Beschäftigung bei einer Entwicklung wie der aktuellen eingebrochen. Doch sie steigt noch, wenn auch nicht ganz so schnell wie zuvor.

Warum ist das so?
Die Beschäftigung wächst seit fast 15 Jahren stetig. Die Entlassungsquote ist so niedrig wie seit der Wiedervereinigung nicht. Doch all das ist kein konjunkturelles Phänomen, es gab ja durchaus wirtschaftlich schwierige Zeiten. Daraus schließe ich, dass sich Wachstum und Beschäftigung zunehmend, wenn auch nicht vollständig, entkoppelt haben.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt?
Man kann darüber streiten, ob der große Fachkräftemangel schon da ist oder nicht. In jedem Fall sind Arbeitskräfte deutlich knapper als noch vor 15 Jahren. Das ist nicht unbedingt problematisch, denn das heißt ja auch: Es gibt weniger Arbeitslosigkeit. Aber es hat für die Personalsuche der Unternehmen klare Konsequenzen.

Welche sind das?
Sie brauchen länger und müssen mehr investieren, um Stellen zu besetzen. Immer öfter brechen sie die Personalsuche ohne Einstellung ab. Und in manchen Berufen sehe ich auch jetzt schon gravierende Engpässe.

Wo genau?
Im technischen Bereich und in der IT, das ist in Zeiten der Digitalisierung nicht überraschend. Aber auch in der Elektro- und Automatisierungstechnik, im Bau und im Handwerk. Es sind nicht immer hochspezialisierte Jobs, auch Klempner und Betonbauer sind rar. Und im Gesundheits- und Sozialbereich: Hier fehlen Pflegekräfte und Erzieher.

Wird sich die Situation denn in Zukunft entspannen?
Im Gegenteil. Es wird noch enger und das ist vor allem der Demografie geschuldet. Für die nächsten 20 Jahre ist klar, wer in Rente geht und wer in die Arbeitswelt eintritt. Das können wir kaum beeinflussen, die Altersstruktur ist ja vorgegeben. Also wird die Zahl an Arbeitskräften stark sinken und wir werden noch weniger Stellen besetzen können.

Wie gehen Firmen gerade in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten mit der Knappheit um?
Wenn ich befürchte, eine Stelle im folgenden Aufschwung nicht mehr besetzen zu können, dann vermeide ich Entlassungen. Betriebe sichern sich so die guten Leute. Wenn ihnen in Stuttgart einmal ein Elektriker auf Jobsuche über den Weg läuft, dann greifen sie sich den, egal, ob sie in den nächsten zwei Monaten genug für ihn zu tun haben oder nicht.

Lässt sich die Konjunkturflaute denn abfedern?
Viele Firmen setzen auf die vollen Arbeitszeitkonten, die man in solchen Zeiten abbauen kann oder auch auf Kurzarbeit. Das sind sicher gute Möglichkeiten, die Auftragsdellen ohne Entlassungen zu überstehen. Aber sie sind nur sinnvoll, wenn eine vorübergehende Nachfrageschwäche vorliegt. Der nächste Aufschwung wird irgendwann kommen. Wenn sie strategisch schlecht aufgestellt sind und ein unzureichendes Geschäftsmodell haben, dann helfen auch diese Instrumente nicht.

Was raten Sie Firmen sonst, wenn sie nicht genug zu tun haben für ihre Mitarbeiter?
Unternehmen müssen deutlich mehr tun, um Beschäftigten die nötigen Kompetenzen gerade für den digitalen Wandel zu vermitteln. Weiterbildung ist für die Zukunft ganz entscheidend für weiteres Wachstum.

Warum?
Die deutsche Volkswirtschaft ist in den vergangenen Jahren vor allem durch steigenden Einsatz von Arbeitsstunden gewachsen. Die Produktivität pro Stunde ist dabei aber kaum gestiegen. Wachstum über Quantität wird aber schon in naher Zukunft nicht mehr funktionieren. Also muss man über eine höhere Qualität der Arbeit wachsen.

Und das geht nur durch weitere Qualifizierungsmaßnahmen?
Man muss die Leute besser machen, die man hat. Unternehmen können ihre Mitarbeiter produktiver machen, indem sie sie bei Weiterbildungen mit neuem Wissen, neuen Methoden und neuen Fähigkeiten weiterentwickeln. Oder aber indem sie ihre Arbeitsbedingungen flexibler machen. Wenn man selbstbestimmter arbeiten kann, steigt nachgewiesenermaßen die Arbeitszufriedenheit und damit üblicherweise die Leistung.

Man könnte doch auch einfach die guten Mitarbeiter bei der Konkurrenz abwerben, das ginge sicher schneller, als die eigenen langwierig fit zu machen.
Der Wettbewerb um Arbeitskräfte wird härter. Wenn wir die Arbeitsmarktstatistik untersuchen, schauen wir auch darauf, wo die Leute herkommen, die neu eingestellt werden. Während sie früher eher aus der Arbeitslosigkeit kamen, ist es heute anders: Mehr als die Hälfte der Neueinstellungen kommt direkt aus einem bestehenden Beschäftigungsverhältnis. Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass dieser Anteil in ein paar Jahren noch höher liegt, wenn die Konjunktur wieder anspringt. Natürlich handelt es sich hier nicht nur um Abwerbungen, sondern auch um Jobwechsel von den Beschäftigten aus.

Was passiert, wenn die Mangelverwaltung zur Routine wird?
Am Ende stellt sich eine Wirtschaft darauf ein. Wenn wir über die 2020er-Jahre mehrere Millionen Arbeitskräfte in die Rente verlieren, bleibt ja nicht auf alle Ewigkeit ein Mangel bestehen. Die Unternehmen müssten sich in einem schmerzhaften Prozess anpassen. Schließlich wird die Wirtschaft insgesamt kleiner sein als mit einem höheren Arbeitskräftepotenzial.

Wie würde das ablaufen?
Wir haben dafür keine Erfahrungswerte. Seit der Pest im Mittelalter und mit Ausnahme der Weltkriege gab es keinen solchen Einbruch des Beschäftigungspotenzials. Wir müssen deshalb dafür sorgen, diese Entwicklung so gut wie möglich abzufedern.

Was wären Ihre Vorschläge dafür?
Frauen sind heute im Schnitt besser qualifiziert als Männer. Diese Potenziale darf man nicht in der Teilzeitfalle verlieren. Man kann Älteren helfen, möglichst lange gesund bei der Arbeit bleiben. Und man kann es Einwanderern erleichtern, am Arbeitsmarkt teilzuhaben. Ohne die starke Zuwanderung der letzten Jahre, hätte es den Beschäftigungsboom in Deutschland nicht gegeben.

Liegt der Ausweg also in der Förderung von Migration?
Grundsätzlich ja, nur muss man bedenken, dass in den vergangenen Jahren einige Sondereffekte für den verstärkten Zuzug von Arbeitskräften aus dem Ausland gesorgt haben. Zunächst war da die europäische Krise mit hoher Arbeitslosigkeit in vielen Nachbarländern. Außerdem wurden die Freizügigkeitsbeschränkungen für einige EU-Länder aufgehoben. Dann kam die Fluchtbewegung hinzu. Ohne derartige Ereignisse können wir also nicht damit rechnen, diese Migrationszahlen aufrecht zu erhalten.

Wie könnte es trotzdem gelingen?
Was am Ende zählt ist der Migrationssaldo. Wir bräuchten netto 400.000 Zuwanderer im Jahr, um das Fachkräftepotenzial konstant zu halten. Pro Jahr verlassen und allerdings zehn Prozent aller in Deutschland lebenden Ausländer wieder. Das heißt, wir bräuchten immer noch höhere Zuwanderung, um das auszugleichen. Das ist nicht zu realisieren und selbst bei idealer Integration nicht verkraftbar.

Gibt es eine Alternative?
Es geht nicht nur darum, wie man mehr Leute nach Deutschland holen kann, sondern wir müssen sie hier länger halten. Es geht um soziale und wirtschaftliche Integration. Das ist im Wesentlichen eine politische Aufgabe, eine flexible Anerkennung von Abschlüssen und Entwicklung vorhandener Kompetenzen ist zum Beispiel entscheidend. Bei letzterer können auch Unternehmen können etwas tun.

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