Falsche Berufsvorstellungen Wo Jugendliche über MINT-Jobs irren

Nicht nur Frauen, auch junge Männer wollen mit Naturwissenschaft und Technik nichts zu tun haben. Der Grund: Sie verwechseln MINT-Jobs mit Fließbandarbeit oder Schlimmerem. Das hat fatale Folgen.

Tafel mit Formeln Quelle: Fotolia

"Mathe ist ein Arschloch - und Physik sein kleiner Bruder": Diese Weisheit steht so und in abgeänderter Form auf Schultoiletten, Hausaufgabenheften und sogar T-Shirts. Und sie spiegelt den Schulalltag zahlreicher Jugendlicher wieder. Mathe ist für viele ein Angstfach, Physik unverständlich, Chemie scheint keinen Realitätsbezug zu haben und Informatik findet an den meisten Schulen wenn überhaupt nur als Projektfach statt.

Da braucht man sich eigentlich nicht wundern, dass der deutschen Wirtschaft derzeit rund 360.000 Fachkräfte aus dem MINT-Bereich - also aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik - fehlen, wie vor kurzem der MINT-Herbstreport gezeigt hat. Eines der Resultate der Untersuchung war: Nicht nur Frauen haben keine Lust auf Tech-Jobs, auch Männer werden lieber Arzt, Anwalt oder Einzelhandelskaufmann - nur eben bitte nichts mit Technik.

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Das aktuelle MINT Nachwuchsbarometer von acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, und der Körber-Stiftung ist deshalb der Frage nachgegangen, woher diese Abneigung kommt. Folgende Gründe sprechen aus Sicht der Jugendlichen gegen eine Ausbildung oder ein Studium in einem naturwissenschaftlichen oder technischem Bereich:

Jugendliche haben ein falsches Bild von den Berufen

Wenig Kontakt mit Menschen, ein gefährlicher – und dazu noch kalter – Arbeitsplatz und körperlich anstrengende Aufgaben: So stellen sich viele Schülerinnen und Schüler die Arbeit in MINT-Berufen vor. Eine Studie der Impuls-Stiftung des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) beleuchtet dies näher. Für die Studie wurden Schüler gefragt, welche technischen Berufe sie kennen. Mehr als den Kfz-Mechatroniker konnte jedoch niemand nennen. Was beispielsweise ein Zerspaner macht, konnte sich niemand vorstellen. Jobs in der Industrie werden mit Fließbandarbeit gleichgesetzt, man höre über Industrieberufe "nichts Gutes", so die Befragten.

Eine Befragung der Schweizer Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur unter Schülern im Alter von zwölf bis 21 Jahren zeigt, dass die Mehrheit der Jugendlichen zwischen zwölf und 16 Jahren gar nicht wissen, was beispielsweise ein Bauingenieur macht. Knapp ein Drittel der Befragten ging davon aus, dass man einen Elektroingenieur anruft, wenn eine Deckenlampe angeschlossen werden muss.

Laut Analysen auf Basis der VDMA-Daten befürchten viele Schülerinnen und Schüler, dass es bei der Arbeit in technischen Berufen laut und kalt sei, dass die Aufgaben monoton und die Jobs gesellschaftlich wenig sinnvoll seien und man leicht körperlichen Schaden nehme. 61 Prozent der Schülerinnen und Schüler gehen außerdem davon aus, dass man in technischen Berufen wenig mit Menschen zu tun habe – gerade Mädchen wünschen sich jedoch Berufe, in denen Kommunikation und die Zusammenarbeit mit Menschen eine Rolle spielt. Ein Schüler fasst zusammen, wie er sich technische Berufe vorstellt: "… dass es kraftaufwendig ist, man viele Überstunden leisten muss; dass man sich vielleicht nach drei, vier Jahren nicht mehr richtig bücken kann, wenn man schwere Sachen heben muss; dass man eine größere Verletzungsgefahr hat."

Keine Vorstellung von Verdienstmöglichkeiten

Selbst von den Verdienstmöglichkeiten in technischen Berufen haben die Jugendlichen keine Ahung: Die Schweizer Studie zeigt, dass fast die Hälfte der 12- bis 16-Jährigen keine Vorstellung davon hat, ob ein Ingenieur eher gut oder schlecht verdient. 17- bis 21-Jährigen wissen zwar, dass Ingenieurinnen und Ingenieure gut verdienen - einordnen können sie das Gehalt jedoch nicht.

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Sich für ein vermutlich schlechtes Gehalt in kalten Fabrikhallen am Fließband den Rücken krumm schaffen - das wollen die Jugendlichen verständlicherweise nicht. Nur: Wer ist schuld daran, dass sie dieses Bild von MINT-Berufen haben? Auch auf diese Fragen findet das MINT-Nachwuchsbarometer Antworten.

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