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Familie und Beruf Haltet die Hausarbeit in Ehren!

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Die neue Unterwerfung der Frauen

Wo Frauen ähnlich verdienen wie Männer - und wo nicht
Frauen verdienen noch immer weniger als Männer - das ist keine Überraschung. Insgesamt verdienten Frauen 2010 durchschnittlich 22 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Quelle: Fotolia
Techniker und gleichrangige nichttechnische Berufe Quelle: dpa
Führungskräfte Quelle: Fotolia
Akademische Berufe Quelle: dapd
Handwerks- und verwandte Berufe Quelle: dpa/dpaweb
Handwerks- und verwandte Berufe Quelle: dpa/dpaweb
Fachkräfte in Land- und Forstwirtschaft und Fischerei Quelle: AP

Natürlich ist die Erzählung von der Befreiung der Frauen nicht falsch. Die weitgehend auf die Familie beschränkte Rolle der Frau in der voremanzipierten Gesellschaft war tatsächlich durch ein großes Maß an Unfreiheit gekennzeichnet. Zumal diese Unfreiheit nicht nur durch gesellschaftliche Konventionen und Traditionen, sondern auch durch diskriminierende Gesetze befestigt war. Aber sie ist wie jede politische Erzählung bewusst einseitig.

Denn „gleichberechtigte Teilhabe“ an der Erwerbsarbeit könnte ebenso gut als eine Geschichte der Unterwerfung erzählt werden. Und es wird Zeit, diese Perspektive zu eröffnen.

Der lange Marsch der Frauen in die Fabriken und Büros ist nämlich auch die Geschichte des wachsenden Bedarfs des Arbeitsmarktes – man könnte auch sagen des Kapitals – nach günstiger Arbeitskraft. Die Freiheit von der Familie, die die Frauen gewonnen haben, wird bezahlt durch eine neue Unterwerfung: nämlich unter die Zwänge des Erwerbslebens.  

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    Was im öffentlichen Diskurs kaum vernehmbar ist, obwohl Millionen Menschen es am eigenen Leib spüren: Die Ausbreitung von Markt und Staat auf Kosten der Familien ist auch eine Geschichte des Verlusts von Ordnung und Sicherheit. Die meisten Menschen wünschen sich einen „Herd“, einen Ort des Rückzugs vom öffentlichen, kalten, staats- und marktbeherrschten Arbeitsleben. Einen Ort, an dem man nicht nach den ehernen Gesetzen von Angebot und Nachfrage arbeitet und verdient, sondern aus allzu menschlichen Gründen, die dem Markt unbekannt sind.

    Dieser Ort ist für die meisten Menschen die Familie.

    Die traditionelle Familie mit ihrer auf Liebe, Treue und Verantwortung basierenden Mini-Ökonomie steht den Ansprüchen des Marktes im Wege: Sie enthält den Unternehmen Arbeitskraft und damit Wachstumspotential vor. Außerdem: In einer Volkswirtschaft, die vor allem aus Alleinernährer-Hausfrauen-Familien besteht, müssen Arbeitnehmer so gut bezahlt werden, dass sie allein Familien unterhalten können. In einer aus Zwei-Verdiener-Haushalten bestehenden Gesellschaft steigt die Marktmacht der Arbeitgeber, niedrigere Gehälter durchzusetzen.

    Der Wirtschaftssoziologe Wolfgang Streeck hat diese Perspektive beleuchtet und auf den grundsätzlichen Konflikt hingewiesen, den die Ausbreitung des Marktes auf Kosten der Familien mit sich bringt: „Flexible Märkte verlangen flexible Sozialstrukturen, menschliches Leben aber braucht stabile Ordnungen.“

    Die gegenwärtige Politik bietet als Lösung ihre Anti-Familienpolitik an: Der Sozialstaat muss alles übernehmen, wofür die in Erwerbsarbeit drängenden und gelockten Menschen keine Zeit und keine Nerven mehr haben. Das heißt, der Staat organisiert zum Ersatz der wegfallenden Familienarbeit Kitas und andere Dienstleistungen, die das verhasste „Heimchen am Herd“ (alias die Mutter) ersetzen sollen.

    Das hat den willkommenen Nebeneffekt, dass aus informeller und in keiner volkswirtschaftlichen Statistik verzeichneten Familienarbeit neue Erwerbsarbeit entsteht: Das Gehalt von Erzieherinnen geht ins BIP ein, die Erziehungsleistungen von Müttern und Vätern nicht. Die Frauen arbeiten also außerhalb der Familie, um für die Aufgaben, die ihre Mütter noch selbst übernahmen, familienfremde Dienstleistungen finanzieren zu können.

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