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Familienunternehmen Endlich mal abschalten – so gelingt's!

Work-Life-Balance in Familienunternehmen Quelle: imago

Tom Rüsen erforscht am Wittener Institut für Familienunternehmen die deutsche Unternehmerseele. Im Interview spricht er über Termindruck bis in den Kreißsaal – und wie das Abschalten dennoch gelingt.

WirtschaftsWoche: Herr Rüsen, viele Familienunternehmer befinden sich in einer besonderen Situation: Sie führen die Firma gemeinsam mit Eltern, Geschwistern oder Ehepartnern. Ist da eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit utopisch?
Herr Tom Rüsen: Zweifellos fällt ihnen eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Privatleben schwer. Sie sprechen auch in ihrer Freizeit noch häufig über die Belange der Firma und setzen ihre Prioritäten dementsprechend. Ich erinnere mich an einen Unternehmer, der im Kreißsaal den Arzt seiner Frau fragte, wie lange es denn noch dauern würde, er habe noch einen Termin bei der Hausbank.

Das klingt ja furchtbar.
Für viele Familienunternehmer ist die Firma nun mal eng mit der Persönlichkeit verwoben, das zeigt sich vor allem nach einem Verkauf oder in einer Krise. Unternehmer verlieren dadurch nicht nur eine Beschäftigung, sondern einen Teil ihrer Identität. Nicht selten erkranken sie anschließend psychisch oder physisch. Dieses Phänomen beobachten wir aber auch bei Familienmitgliedern, die eigentlich lieber etwas anderes machen würden und nur halbherzig im Unternehmen mitarbeiten. Auch bei ihnen ist die Gefahr auszubrennen viel größer als bei Unternehmern, die zwar viel arbeiten, aber trotzdem glücklich sind.

Warum?
Wenn Unternehmer für ihre Firma buchstäblich brennen, kann daraus enorme Energie entstehen. Vor allem, wenn alle Familienmitglieder auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Dabei entsteht etwas, das man sonst fast nur bei Menschen beobachtet, die für eine gemeinnützige Organisation arbeiten: die beflügelnde Kraft sinnstiftender Arbeit.

Gibt es Führungskonstellationen, in denen die Work-Life-Balance besser klappt?
Ehepaare haben es sicherlich am schwersten. Die arbeiten nicht nur zusammen, sondern wohnen auch unter einem Dach. Dadurch gibt es nahezu keine Distanz mehr zwischen Freizeit und Unternehmen. Aber sie müssen eben auch als Paar funktionieren, nicht nur als Geschäftspartner.

Wie schafft man das?
Indem man künstliche Räume schafft. Ich kenne ein Unternehmer-Ehepaar, das ihr Schlafzimmer zur geschäftsfreien Zone erklärt hat. Sobald die Tür geschlossen wird, ist die Firma tabu. Ich frage die Betroffenen oft: Wo existieren sie nur als Familie, nicht als Unternehmer? Dabei wird meist klar: Gar nicht. Umso wichtiger, dass man sich Rückzugsorte schafft – egal, ob es das Schlafzimmer ist oder eine Hütte am See.

Gilt das auch für Geschwister?
Bei ihnen kommt es sehr darauf an, wie eng ihre Beziehung ist. Manche wohnen in der gleichen Straße und haben trotzdem kein Problem damit, tagsüber auch noch eine Firma gemeinsam zu führen. Andere wünschen sich mehr Abstand. Es muss klare Grenzen geben – und zwar von demjenigen, dessen Bedürfnis nach Distanz größer ist. Wenn die Tochter am Wochenende nicht hören möchte, wenn in der Firma mal eine Maschine ausgesetzt hat, muss der Vater das akzeptieren. Selbst wenn er immer über alles informiert werden möchte.

Auch weil sich die Prioritäten der jüngeren Generationen verändert haben?
In Deutschland war es lange Tradition, dass Kinder ihren Eltern in den Betrieb folgen. Deshalb haben wir überhaupt noch so viele Familienunternehmen. Doch das ändert sich gerade. Wir bemerken inzwischen, dass die Bereitschaft zur Nachfolge nachlässt.

Woran liegt das?
Zum einen leben wir im Zeitalter der Individualisten. Da wollen viele Unternehmerkinder etwas eigenes aufbauen und gründen lieber ein Start-up in Berlin, als den Stanzmaschinenhersteller des Großvaters in Bückeburg zu übernehmen. Die Work-Life-Balance spielt aber auch eine Rolle. Wenn die Kinder miterlebt haben, dass sich die Eltern für ihr Unternehmen aufgeopfert haben, entscheiden sie sich häufiger gegen eine operative Rolle in der Firma. Es kommt immer darauf an, welches Bild die Eltern ihren Kindern vom Unternehmertum vermittelt haben: Erzählen sie am Abendbrottisch, dass sie gerade wieder ein neues Patent angemeldet haben oder schimpfen sie über Kunden, die stets zu spät zahlen?

Gehört zum Unternehmertum nicht beides?
Klar. Aber die entscheidende Frage ist, wie die Eltern damit umgehen. Wie viel Lust, wie viel Last macht das Unternehmen? Und welche Seite haben die Eltern ihren Kindern eher vermittelt? Das entscheidet darüber, ob sich die Kinder eher für eine Karriere als Unternehmer entscheiden oder dagegen.

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