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Feedback für die Führungskraft Wie kritisiere ich meinen Chef?

Kritik am Chef kommt nicht immer gut an. Der Managementberater Bernd Geropp erklärt im Interview, welche Fallstricke der Mitarbeiter beachten sollte – und wie der Vorgesetzte selbst reagieren muss.

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Anschreien ist nie eine gute Methode der Kritik. Besonders dann nicht, wenn man Kritik am Chef üben will. Quelle: Getty Images

Wenn der Chef einen Fehler macht, fällt Kritik als Untergebener nicht immer leicht. Doch auch der Vorgesetzte braucht Feedback. Der Managementberater und Geschäftsführercoach Bernd Geropp beschäftigt sich seit Jahren mit solchen Themen. Im Interview gibt er Tipps, wie ich als Mitarbeiter den Chef angemessen kritisiere, warum manche Vorgesetzten kein Feedback erhalten und wann alle Kritik nichts mehr bringt.

Herr Geropp, wenn es in Unternehmen um Kritik geht, dann kommt sie oft aus einer Richtung: von oben nach unten. Darf ich meinen Chef denn umgekehrt auch kritisieren?
Prinzipiell ja. Es kommt allerdings darauf an, wie ich es mache und ich muss mir überlegen, ob es geschickt ist.

Wann wäre es denn nicht geschickt?
Wenn ich mich nur auskotzen will, sollte ich mir das gut überlegen.

Warum?
Weil ich mir selbst die Frage stellen muss: Wann nehme ich selbst Kritik an? Ich nehme dann Kritik an, wenn ich weiß, dass der andere mein Bestes will. Wenn ich meinen Chef ständig kritisiere und sage: „Chef, da haben Sie schon wieder das und das gemacht“, wird er mir nicht zuhören. Das will er nicht hören, das will ich umgekehrt ja auch nicht hören.

Was muss ich machen, damit er mir zuhört?
Ich muss mich selbst fragen, warum ich ihn kritisieren will und was ich damit erreichen will. Und ich muss ihm klar machen, dass ich ihm helfen will. Das geht nur über Vertrauen.

Ein großes Wort. Können Sie das konkretisieren?
Ich muss mir die Frage stellen: Akzeptiert mich mein Chef? Das beruht meistens auf Gegenseitigkeit. Wenn ich will, dass mein Chef meine Meinung akzeptiert, sollte ich meinen Chef selbst akzeptieren – mit allen seinen Schwächen und Macken. Ich muss nicht alles gutheißen, was er tut, aber ich muss es hinnehmen können. Ich muss ihn als Vorgesetzen akzeptieren. Das ist manchmal nicht einfach, das weiß ich aus eigener Erfahrung (lacht).

Warum ist das so wichtig?
Wenn ich ihm nicht vertraue, bringt es wenig, ihn zu kritisieren. Denn dann vertraut er mir höchstwahrscheinlich auch nicht und wird sich nicht ändern.

Was macht denn ein gutes Feedback aus?
Dass es konstruktiv und konkret ist. Ein Beispiel: Wenn ich meinem Chef sagen: „Sie schreien immer rum“, findet er mit Sicherheit eine Situation, in der er nicht geschrien hat. Und schon funktioniert meine Kritik nicht mehr. Wenn ich aber sage: „Lieber Chef, im letzten Meeting sind Sie aber laut geworden, das ist bei mir so und so angekommen.“ Dann kann er damit eher etwas anfangen.


„Gegen eine Meinung kann der Chef nichts einwenden“

Aber das ist ja nur mein persönlicher Eindruck.
Genau. Und genau so muss es auch ankommen. Ich darf nicht versuchen, meine Meinung so darzustellen, als ob es die Wahrheit wäre oder objektiv. Sondern ich muss immer klar machen: So habe ich die Situation empfunden. Das ist nur mein Blickwinkel.

Warum?
Dagegen kann der andere nichts einwenden, auch der Chef nicht.

Wenn mein Vorgesetzter in großer Runde einen Fehler macht – darf ich ihn darauf aufmerksam machen?
Auf gar keinen Fall. Ich kann meinem Chef sehr viel sagen, wenn ich ein gutes Vertrauensverhältnis habe – aber nur unter vier Augen. Aber nicht in der Öffentlichkeit. Das gilt generell beim Feedback geben, aber gegenüber dem Chef ist es noch mal doppelt kritisch.

Wieso das?
Der Vorgesetzte muss das Gefühl haben, dass ich ihm gegenüber loyal bin. Und das erste, was Loyalität bedingt: dass ich ihn nie offen kritisiere vor anderen.

Aber wenn er gerade einen Fehler gemacht hat, sollte ich ihn doch schnell darauf hinweisen, oder?
Das stimmt, die  Situation muss noch im Kopf sein. Aber es ist auch ganz entscheidend, dass mein Chef auch offen ist für Feedback. Das ist er nicht wenn andere dabei sind. Auch, wenn er beispielsweise gerade einen großen Auftrag verloren hat und frustriert ist,  wird er kein offenes Ohr für mich haben. Es ist wichtig, eine Balance zu finden: zeitnah ja, aber so, dass der Chef auch mit den Gedanken dabei ist und empfänglich ist, Kritik anzunehmen.

Was ist, wenn er gerade keine Zeit hat?
Das macht eine gute Führungskraft aus: Dass sie auch mal sagt: „Wenn es jetzt nicht ganz wichtig ist, bitte ein anderes Mal. Ich bin jetzt momentan nicht aufnahmefähig.“ Das muss ich respektieren. Sonst werde ich nur als nervig wahrgenommen.

Jetzt kann nicht jede Führungskraft gleich gut mit Kritik umgehen. Was mache ich, wenn mein Chef sehr kritikresistent ist?
Wenn ich jemandem, der sonst nicht sonderlich kritikfähig ist, häufiger mal ein ehrlich gemeintes – kein schleimiges – positives Feedback gebe, dann ist er viel eher gewillt, sich mal unter vier Augen eine Kritik von mir anzuhören.

Aber manche Chefs sind ja dominanter als andere, da fällt so etwas doch schwer.
Das stimmt. Ich nenne solche Führungskräfte gerne Alpha-Alphatiere. Die spielen immer ihre Rolle, das habe ich selbst oft erfahren. Die machen Sie platt, wenn Sie sie auf dem falschen Fuß erwischen oder vor anderen kritisieren. Wenn die Leute aber gut drauf sind, wenn sie Ihnen vertrauen, wenn Sie es ehrlich meinen, können Sie denen erstaunlich viel sagen.


„Wenn ich den Chef für einen Choleriker halte: kündigen!“

Gibt es so etwas wie zu viel Kritik?
Ja, wenn ich meinem Chef täglich sage: „Da haben Sie wieder einen Fehler gemacht“, hört er mir irgendwann nicht mehr zu, dann ist er kritikresistent. Was die meisten häufig auch unterschätzen, ist, dass gerade Chefs, wenn sie denn Feedback kriegen, meist nur negatives bekommen.

Also lieber nicht so häufig, dafür aber alle Kritikpunkte auf den Tisch?
Nein, ich darf nicht zu viele Kritikpunkte auf einmal ansprechen. Wenn, dann sollte ich mich auf eine, maximal zwei Sachen fokussieren.

Nun kann Feedback ja trotzdem mal falsch aufgenommen werden. Und dann entscheidet der Chef über mein Gehalt, über meine Vertragsverlängerung, über meinen Urlaub … Laufe ich nicht in Gefahr, benachteiligt zu werden?
Jetzt kommen wir wieder auf die Sache mit dem Vertrauen, darauf basiert das alles. Wenn ich nur meinen eigenen Vorteil im Sinn habe, dann kommt das auch genauso an. Das rächt sich. Ich muss loyal sein, nur dann bin ich fähig, jemanden zu kritisieren. Und wenn ich das nicht bin, halte ich besser den Mund.

Und was, wenn mein Chef ein Choleriker und Kritik wirklich unmöglich ist?
Wenn ich meinen Chef als Choleriker oder Psychopathen empfinde und damit nicht umgehen kann oder will, bringt alles nicht: Dann muss ich die Konsequenzen ziehen und kündigen.

Kann ich nicht vorher noch den Chef des Chefs zu Rate ziehen?
Nein, das ist ein absolutes No-Go. Egal, wie schlimm mein Chef ist: Ich darf nie zum Chef des Chefs gehen. Das ist das schlimmste, was ich tun kann. Das ist Verrat.

Bei meinem alten Chef habe ich das Vertrauen vielleicht gehabt. Aber was ist, wenn ein neuer Chef kommt und ich ihm direkt am Anfang auf einen Fehler aufmerksam machen will?
Da muss ich mich vorsichtig herantasten. Wenn ich denjenigen nicht kenne, kann ich fragen: „Herr Sowieso, ich hab da eine Sache, würde es Ihnen momentan passen, darf ich Ihnen da ein Feedback geben?“ Und wenn er diese Frage bejaht, kann ich ihn vorsichtig fragen: „Ist das so von Ihnen beabsichtigt?“ Wenn jemand neu ist, kann ich das ja nicht wissen.


Was mache ich als Chef, wenn ich Feedback will?

Manchmal wünscht sich ja auch der Chef ein Feedback, aber die Mitarbeiter trauen sich nicht. Wie bekomme ich als Chef meinen Mitarbeiter dazu, seine ehrliche Meinung zu äußern?
Das ist die andere Seite. Jetzt müssen wir umgekehrt denken. Gerade die Alphatiere wollen oft eine Rückmeldung haben und bekommen sie nicht oder sie bekommen nur positives Feedback. Warum? Sie haben das Vertrauen, ob absichtlich oder nicht, gar nicht erst aufgebaut oder sogar zerstört.

Wie kann das passieren?
Zerstören können sie das Vertrauen ganz einfach: Wenn der Mitarbeiter den Chef einmal kritisiert hat und der darüber einfach hinweggegangen ist oder sogar abweisend darauf reagiert hat. Wie der Chef in der Vergangenheit auf Feedback reagiert hat, ist der Knackpunkt.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Der Mitarbeiter sagt: „Chef, Sie haben das und das da gemacht.“ Und der Chef geht direkt in die Verteidigung über: „Ja, das habe ich gemacht, weil.“ Wenn er sich direkt rechtfertigt und ohnehin schon sehr autoritär herüberkommt, dann macht er seine Mitarbeiter platt. Und dann bekommt er auch keine Rückmeldung mehr.

Was wäre denn der richtige Weg?
Zuhören, nicht unterbrechen und die Kritik nicht bewerten. Stellen Sie Verständnisfragen: „Aha, das ist also so bei Ihnen angekommen? Habe ich mich schon mal so verhalten? Welchen Eindruck hatten Sie damals?“ Und dann bedanken Sie sich: „Darüber muss ich mal nachdenken, vielen Dank für Ihr Feedback.“ Nicht mehr sagen, und vor allem sich nicht rechtfertigen, denn es ist ein Vertrauensbeweis, dass der Mitarbeiter auf Sie zugekommen ist.

Aber so ganz ohne Rückmeldung weiß der Mitarbeiter dann doch auch nicht, woran er ist.
Deswegen muss ich als Chef hingehen und wirklich über die Kritik nachdenken. Und nach ein paar Tagen kann ich sagen: „Herr Meier, Sie hatten mir da die Rückmeldung gegeben bezüglich der Sache, ich habe darüber nachgedacht. Sie haben Recht, da habe ich ein bisschen zu hart reagiert.“

Macht sich der Chef damit nicht angreifbar?
Viele Chefs glauben: „Wenn ich das mache, nehmen mich meine Mitarbeiter nicht mehr für voll.“ Aber genau das umgekehrte ist der Fall: Der Respekt wächst.

Herr Geropp, vielen Dank für das Gespräch.

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