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G20-Gipfel in Hamburg "Politiker müssen gleiche Chancen für alle schaffen"

Am Freitag übergibt eine junge Deutsche den G20-Teilnehmern ein Kommuniqué. Das Papier entstand beim Girls20-Summit. Was die Veranstalterin des Gipfels und die deutsche Delegierte erwarten.

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Den G20-Staatenlenkern wird am Freitag das Kommuniqué des Girls20-Summits übergeben Quelle: AP

Vom 16. bis 23. Juni trafen sich 20 junge Frauen zum Girls20-Summit in München: Sie stammen aus Australien, Argentinien, China, Indonesien, Mexiko, Russland - oder Deutschland. Insgesamt 20 Nationen waren bei der Veranstaltung vertreten. Ihr Ziel: Programme entwickeln, die die Erwerbsbeteiligung von Frauen in ihren Heimatländern stärkt.

Entstanden ist daraus ein Kommuniqué, das die deutsche Teilnehmerin Marleen Och am Freitag an Professor Lars-Hendrik Röller, wichtigster wirtschaftspolitischer Berater von Kanzlerin Angela Merkel, übergibt.

Die G20-Staats- und Regierungschefs erhalten damit eine Liste konkreter Empfehlungen, die sich der weiblichen Erwerbsbeteiligung in Energie und Klimawandel, Digitalisierung der Wirtschaft und Migrationsfragen widmen und deren Erhöhung zum Ziel haben. Wir haben mit der deutschen Teilnehmerin sowie mit der Veranstalterin des Summits gesprochen.

Heather Barnabe (links), ist CEO des Girls20-Summit, Marleen Och (rechts) aus Hamburg ist die deutsche Delegierte. Quelle: Presse

WirtschaftsWoche: Eine Woche lang haben 20 junge Frauen aus den G20-Ländern diskutiert, wie sich die Erwerbstätigkeit von Frauen auf der ganzen Welt verbessern lässt. Haben diese Studentinnen überhaupt einen Einfluss auf das, was in ihrer Heimat geschieht?
Heather Barnabe: Die Mädchen gehen nach dieser Woche mit vielen Erfahrungen nach Hause. Sie lernen und trainieren dort Fähigkeiten, die ihnen in der Schule niemand beibringt, die sie aber dringend benötigen, um persönlich voranzukommen und so auch zum Wirtschaftswachstum in ihrer Heimat beitragen. Außerdem bilden die jungen Frauen Netzwerke, von denen wiederum andere Frauen profitieren können. So haben viele Teilnehmerinnen sehr effektive Online-Netzwerke ins Leben gerufen. Eine ehemalige Teilnehmerin setzt sich für Hygienestandards in den ländlichen Gebieten der Türkei ein und so weiter. Da gibt es viele großartige Projekte, die aus dem Girls20-Summit hervorgegangen sind. Nicht zu vergessen der Vorbildeffekt, den die Frauen vom Gipfel mit nach Hause bringen: Sie ermutigen andere, für sich einzustehen.

Frau Och, was nehmen Sie vom Summit mit, wovon andere junge Frauen in Deutschland profitieren können?
Marleen Och: Ich plane, ein Mentoren-Netzwerk zwischen Studentinnen und Schülerinnen aufzubauen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie hilfreich es wäre, einen Ansprechpartner auf Augenhöhe zu haben, der einem bei der Frage nach dem richtigen Studienfach weiterhelfen kann. Vor fünf Jahren, als ich Abitur gemacht habe, wurde man von den Schulen damit ziemlich alleine gelassen. Eine Online-Plattform, über die sich Studentinnen und Schülerinnen vernetzen können, kann deshalb dafür sorgen, mehr Frauen für technische Fächer zu begeistern.

Wissen Sie, welche Projekte die anderen Teilnehmerinnen planen?
Marleen Och: Die meisten Projekte beinhalten Frauenförderung. Die Teilnehmerin aus Südafrika will ein Projekt ins Leben rufen, mit dem mehr Frauen für mathematische Fächer begeistert werden sollen. Sie selbst studiert Rechnungswesen, ist also selbst ein gutes Vorbild. Die Teilnehmerin aus Russland will sich um Frauen in russischen Gefängnissen kümmern: Nicht nur, weil es ihnen dort noch schlechter geht, als den männlichen Gefangenen, es gibt auch kaum Resozialisierungsprogramme. Wenn die Frauen entlassen werden, werden sie deshalb oft wieder straffällig.

Davon abgesehen: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Teilnehmer des G20-Gipfels, der nun in Hamburg beginnt, das Kommuniqué beachten oder tatsächlich auch umsetzen?
Heather Barnabe: Unser Kommuniqué findet durchaus Beachtung bei dem Gipfel. Die G20-Teilnehmer haben verstanden, dass Frauen auf der ganzen Welt sich für Frauen einsetzen, dass die Bildungschancen für Mädchen verbessert werden müssen, Frauen Teil der Wirtschaft sind und sein müssen und dass sie als Politiker ihre Arbeit besser machen müssen, um gleiche Chancen für alle zu schaffen. Die Punkte auf unserer Liste schaffen Anregungen für weitere Diskussionen.

Der Girls 20-Summit

Marleen Och: In der Vergangenheit haben einige Länder Punkte des Girls20-Summits direkt nach dem Gipfel umgesetzt. Das ist ein großartiger Erfolg. Wir werden sehen, was mit unserem Kommuniqué passiert.

Digitale Bildung ist der Schlüssel

In dem Kommuniqué geht es um die weibliche Erwerbsbeteiligung - und um die Chancen, die die Digitalisierung für Frauen mit sich bringt. Welche sind das?
Heather Barnabe: Die Digitalisierung der Wirtschaft ist eine Chance, mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, weil in der digitalen Wirtschaft ganz andere Fähigkeiten gefragt sind. Diese Fähigkeiten des 21. Jahrhunderts sind Erfindergeist, Neugier, Offenheit und Kommunikation und nicht mehr körperliche Stärke. Deshalb ist das eine riesige Chance für Frauen. Natürlich birgt die Digitalisierung auch Risiken, wie man am Cyberbullying oder Cyberangriffen sieht, aber grundsätzlich verändert sich der Arbeitsmarkt für Frauen zum Positiven. Noch sind die Mehrheit der Ingenieure und Programmierer allerdings männlich, da kommt also noch einiges an Arbeit auf uns zu.

Gibt es Länder, die Sie als Vorreiter in Sachen Frauen in der digitalen Wirtschaft definieren können?
Marleen Och: Was ich bei dem Summit ganz deutlich gemerkt habe, ist, wie sich die digitale Bildung in den Ländern unterscheidet. Besonders Europa beziehungsweise Deutschland im Vergleich zu den anderen Ländern. Zu meiner Schulzeit – und das ist erst fünf Jahre her – haben wir noch nicht mal gelernt, wie man Excel bedient. Andere Teilnehmerinnen, die genauso alt sind wie ich, haben in der Schule drei verschiedene Programmiersprachen gelernt. Da hat Deutschland wirklich Nachholbedarf.

Heather Barnabe: Gerade für die Emerging Markets ist das typisch. Anders als die westlichen Nationen gibt es bei ihnen keine traditionelle Industrie, also adaptieren sie neue Trends viel schneller als beispielsweise die Deutschen, die sich auf ihre Tradition als Industriestandort verlassen. In Afrika beispielsweise sind viel mehr junge Leute am Programmieren interessiert – auch Frauen. Frauen haben natürlich ein Interesse an neuen Ideen und Entwicklungen. Nur gibt es in manchen Ländern große Hürden, dies auch umzusetzen. Sowohl im Bildungssystem, als auch in der Gesellschaft. Oft sind Mädchen für den Haushalt und die jüngeren Geschwister zuständig, da bleiben Bildung und Unternehmertum auf der Strecke.

Welche Lösung schlagen Sie für das Problem vor?
Marleen Och: Ich denke, man müsste schon in der Grundschule damit anfangen, technische und naturwissenschaftliche Fächer zu unterrichten. Ein sechsjähriges Mädchen glaubt nämlich nicht, dass sie dümmer oder schlechter in wissenschaftlichen Fächern ist, als ein Junge. Mit 16 glaubt sie es. Dann erst mit Förderprogrammen anzufangen, ist also viel zu spät. Hinzu kommt, dass in vielen Nationen Mädchen früher mit der Schule aufhören als Jungen. Eben weil sie Verpflichtungen in der Familie übernehmen müssen. Da wäre es doch gut, wenn sie in den wenigen Schuljahren auch technisches Verständnis vermittelt bekommen würden.

Heather Barnabe: Vor allem brauchen die jungen Frauen mehr positive Vorbilder. Wir alle stehen doch auf den Schultern der Frauen, die sich in der Vergangenheit für mehr Rechte eingesetzt haben. Deutschland ist da ein großartiges Beispiel. In meiner Heimat Kanada hat es noch nie eine demokratisch gewählte Premierministerin gegeben.

Marleen Och: Wir lernen doch von dem, was wir sehen. Wenn Frauen in meiner Umgebung einen Job haben, gehe ich auch arbeiten. Langfristig sollen Frauen aber nicht nur einen Job haben, sondern wirklich gleichberechtigter Teil des Arbeitsmarktes werden. Zu einer Diskussion darüber soll unser Kommuniqué die G20-Teilnehmer anregen.

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