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Gehaltsverhandlung Wenn die Kollegen über den Lohn bestimmen

Bei der Digitalberatung Berlin Consulting bestimmt das Kollektiv die Höhe der Gehälter. Quelle: imago images

Bei der Digitalberatung Berlin Consulting bestimmt nicht der Chef sondern das Kollektiv die Höhe der Gehälter. Welche Chancen und Tücken dieses außergewöhnliche Vergütungsmodell mit sich bringt.

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Marco Olavarria ist ein Exot in der sonst so zugeknöpften Beraterbranche. Während einige Consultingfirmen sogar vertraglich festlegen, dass ihre Mitarbeiter über das Gehalt schweigen, läuft es in Olavarrias schickem Altbaubüro in Berlin Zehlendorf ganz anders. Dort ist Offenheit in Bezug aufs eigene Gehalt Einstellungsvoraussetzung. Denn der geschäftsführende Gesellschafter der Digitalberatung Berlin Consulting hat 2018 ein außergewöhnliches Vergütungssystem eingeführt. Alle acht Mitarbeiter wissen nicht nur, was jeder einzelne verdient. Sie bestimmen sogar über die Gehaltserhöhungen ihrer Kollegen.

Olavarria ist ein fröhlicher Mensch, der viel lacht und auch mal salopp formuliert. Er hält Jahresgespräche für „komische Rituale“. Warum sollte man sich über mehr Gehalt unterhalten, „nur weil sich die Erde einmal um die Sonne gedreht hat?“ Deshalb kann bei Berlin Consulting jeder Mitarbeiter zu jeder Zeit nach einem Gehaltsgespräch verlangen. Nicht nur mit Olavarria, sondern auch mit all seinen Kollegen. „Ich glaube nicht, dass ich bessere Entscheidungen als das Team treffe“, begründet Olavarria seinen selbst herbeigeführten Machtverlust. Insgesamt hat er sich von der Rolle des Chefs verabschiedet. Er ist zwar geschäftsführender Gesellschafter, seine Mitarbeiter handeln aber eigenverantwortlich. Nicht nur die Gehälter, sondern auch Umsätze, laufende Kosten und bevorstehende Einnahmen durch zukünftige Projekte sind für jeden einsehbar. „New work braucht auch new pay“, sagt er.

Solch umfassende Transparenz kommt vor allem bei jungen Menschen gut an. Das zeigt auch eine Umfrage der E-Recruitingplattform Softgarden unter mehr als 4000 Bewerbern im vergangenen Jahr: Rund 51 Prozent der Befragten finden eine transparente Gehaltsstruktur gut. Auf der anderen Seite fanden etwa die Ökonomen Zoe Cullen und Ricardo Perez-Truglia in einer Studie heraus, dass Beschäftigte durch transparente Gehälter demotiviert werden, wenn sie weniger als ihre Kollegen verdienen.

Damit das nicht passiert, geht Olavarria noch weiter. Es geht ihm nicht nur um Transparenz sondern auch um Mitbestimmung, Diskussion und unternehmerisches Handeln. 

Mehr für dich bedeutet weniger für mich

Und das läuft bei Berlin Consulting so: Jeder Mitarbeiter erhält sein jährliches Grundgehalt, dass er mit seinen Kollegen verhandeln kann. Was am Ende des Jahres als Gewinn übrig bleibt, wird zum Großteil an die Belegschaft ausgeschüttet. Gewähren die Kollegen also ein Gehaltsplus, schmälern sie damit gleichzeitig ihren eigenen Bonus am Jahresende. „So stellen wir sicher, dass jeder zum Wohle der Firma handelt“, sagt Olavarria. Die Mitarbeiter müssten abwägen zwischen der Motivation der Kollegen und dem eigenen Verdienst, müssten bewerten, wie wichtig der Beitrag des Einzelnen zum großen Ganzen sei. Dabei spielen viele Kriterien eine Rolle, die jeder unterschiedlich bewertet: Erfahrung. Umsätze. Schleppt der Berater selbst neue Mandate an oder arbeitet er die Projekte nur ab? Wie flexibel ist jemand einsetzbar?

Dass dabei Eigen- und Fremdwahrnehmung auseinanderklaffen können, musste Patrick Seydel feststellen. Als der erfahrene Berater Mitte 2019 den Kollegen seine Gehaltsvorstellungen präsentierte, trat im Besprechungsraum von Berlin Consulting „erstauntes Schweigen“ ein, wie er selbst sagt. Für viel zu hoch hielten die meisten seiner Kollegen die Forderung. Während er seine stabilen Umsätze auf hohem Niveau als „sichere Bank“ ansah, bemängelten die anderen, das fehlende Wachstum. „Die Diskussion war sehr emotional“, erinnert sich Seydel. „Manche sahen das als direkten Affront an, gerade weil wir ja sehr dicke miteinander sind.“ Nach zweistündiger Diskussion konnten sich alle Beteiligten auf eine Gehaltserhöhung einigen. 

Den Neidfaktor ausschalten

Trotz dieser unschönen Erfahrung findet Seydel das System sinnvoll. „Getuschel und Neidfaktor sind ausgeschaltet“, sagt er. Niemand kommt so in den Ruf besser bezahlt zu werden, weil er der Liebling vom Chef ist. Außerdem würde durch die Diskussion „das Selbstbild zurecht gerückt“. Auch Olavarria glaubt mit seinem System dem Ziel, dass sich alle mit ihrem Gehalt wohlfühlen sollen, näher zu kommen. Er räumt aber auch ein, dass noch nicht alles perfekt ist. Um solch emotional belastende Situationen zwischen seinen Mitarbeitern künftig zu vermeiden, soll nicht mehr der Bittsteller eine Forderung stellen müssen. Er fragt eher unspezifisch nach einer Gehaltserhöhung und die Kollegen sagen ihm, wie viel mehr sie sich vorstellen könnten. Auf dieser Grundlage soll der Mitarbeiter dann Vorschläge zu seinem neuen Gehalt machen. „Das ist nicht so konfrontativ“, sagt Olavarria.


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Während der Berater glaubt, sein Modell sei beliebig skalierbar und auf Abteilungs- oder Teamebene auch in größeren Unternehmen umzusetzen, halten Vergütungsexperten dagegen. Bei einem solchen System spielten Zu- oder Abneigungen eine zu große Rolle, davon wollten sich Konzerne nicht abhängig machen.

Trotz hitziger Diskussionen stehen die Mitarbeiter von Berlin Consulting hinter ihrem außergewöhnlichen Vergütungssystem. Und wenn Marco Olavarria sich für seine Leistung belohnen möchte, ohne das vorher mit seinen Kollegen auszudiskutieren, geht er einfach ins Erdgeschoss des Bürogebäudes und kauft sich ein Eis in seinem Lieblingscafé.

Sie wollen wissen, wie sich die Coronakrise auf die Gehälter in deutschen Unternehmen auswirkt? In welchen Branchen Sie trotz Rezession mehr fordern können? Und wie Sie dabei am besten vorgehen? Dann sollten Sie den Experten-Talk mit Vergütungsexpertin Christine Seibel (Korn Ferry) und Verhandlungstrainerin Anja Henningsmeyer am Dienstag, den 15. September um 12 Uhr auf keinen Fall verpassen. Die Expertinnen stehen WirtschaftsWoche-Redakteurin Kristin Rau in einer Videokonferenz Ihnen Rede und Antwort zu den drängendsten Fragen rund um das Thema Gehalt.

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