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Genderdebatte in der VWL „Frauen sollten nicht so schnell aufgeben!“

Ökonomie-Nobelpreis: Dorothea Kübler über Frauen in der VWL Quelle: imago

Die Ökonomin Dorothea Kübler hat eine klare Vorstellung von den Ursachen für den geringen Frauenanteil in Spitzenpositionen der VWL – und einen Vorschlag für den Ökonomie-Nobelpreis.

WirtschaftsWoche: Frau Kübler, am 8. Oktober wird bekanntgegeben, wer 2018 in den Wirtschaftswissenschaften den „Preis der schwedischen Reichsbank zur Erinnerung an Alfred Nobel“ erhält. Wie hoch ist die Chance, dass nach neun Jahren mal wieder eine Frau gewinnt?
Dorothea Kübler: Statistisch gesehen: nicht sehr groß.

Wer wäre für Sie denn eine geeignete Kandidatin für den Preis?
Die Französin Esther Duflo von Massachusetts Institute of Technology. Sie ist eine herausragende Entwicklungsökonomin und hat viele spannende Feldexperimente gemacht.

Mal unabhängig vom Nobelpreis: Glauben Sie, dass Frauen in der VWL generell unterrepräsentiert sind?
In Deutschland liegt der Anteil der Frauen an den Studierenden bei geschätzt 30 Prozent. Auf Postdoktorandenebene sinkt der Anteil deutlich ab - und bei den Professuren mit Lebenszeitstellen sind es dann wohl nur noch 12 bis 15 Prozent. Da fehlen exakte Zahlen. Aber klar ist: Je weiter es nach oben geht, umso mehr Frauen gehen verloren.

Zur Person

Liegt das an einem männlich dominierten Wissenschaftsbetrieb - oder vielleicht auch an den Frauen selbst?
Das Fach ist männlich dominiert. Außerdem ist das Zeitfenster für eine wissenschaftliche Karriere relativ klein. Die entscheidenden Jahre für eine wissenschaftliche Karriere in der VWL sind die fünf bis sechs Jahre nach der Promotion. Das bedeutet: Um in der VWL nach oben zu kommen, muss man im Alter zwischen etwa 25 und 35 Jahren sehr viel forschen und publizieren. Das aber ist genau die Lebensphase, in die bei Akademikerinnen oft auch die Familiengründung fällt. Viele Frauen stellen ihre Karriere dann zurück. Ein Problem ist bisweilen auch die zu geringe Mobilität von Frauen.

Wie meinen Sie das?
Die Mobilitätsanforderungen in der Spitzenwissenschaft sind hoch, da findet man den Job nicht vor der Haustür. Die Erfahrung zeigt: Wenn der Partner nicht mit umziehen will oder kann, verzichten Frauen eher als Männer auf den Job. Viele Fakultäten in Deutschland würden gern Wissenschaftlerinnen einstellen, finden aber schlicht keine geeigneten Bewerberinnen. Ich werde als Diversitätsbeauftragte des Vereins für Socialpolitik immer häufiger von Hochschulvertretern angesprochen, die auf der Suche nach Kandidatinnen sind.

Das heißt: Eine strukturelle Benachteiligung von Ökonominnen im Wissenschaftsbetrieb sehen Sie nicht?
Zum Teil schon. Eine neue empirische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass von einer wissenschaftlichen Arbeit, die ein Mann und eine Frau zusammen erstellen, der Mann später in Bezug auf seine Karriere mehr profitiert. Die ökonomische Community glaubt also unterschwellig, die Frau habe nur zugeliefert.

Sehen Sie gar keine Fortschritte?
Doch. Als ich vor einigen Jahren in den Verein für Socialpolitik eingetreten bin, dachte ich am Anfang, ich wäre im falschen Film: Man traf da fast nur ältere Herren. Das hat sich mittlerweile gewandelt. Im Hochschulbereich gibt es Fortschritte bei den so genannten strukturierten Doktorandenprogrammen, die sich an das angelsächsische PhD-System anlehnen; da sind Männer und Frauen oft in gleicher Zahl vertreten. Mein Wunsch: Frauen in der Ökonomie brauchen einen längeren Atem - und sollten nicht so schnell aufgeben! Und Männer sollten auch mal umziehen wegen des Berufs ihrer Frau.

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