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Gesetz zur Frauenquote Frauen wird der Wille zur Macht abtrainiert

Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht hält nicht viel von der Frauenquote. Dabei bräuchten wir die Quote gar nicht - wenn wir endlich aufhören, Mädchen beizubringen, dass sie lieb sein müssen.

Diese Fehler verbauen Frauen die Karriere
1.  Frauen lassen sich von Stellenanzeigen einschüchternKeine Frage, Bewerber sollten Stellenanzeigen sorgfältig durchlesen. Aber zu viel Sorgfalt schadet eher. Ein Problem, das vor allem Frauen betrifft. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Online-Stellenbörse Jobware. 151 Männer und 79 Frauen lasen darin 150 Stellenanzeigen. Währenddessen wurden ihre Augenbewegungen aufgezeichnet, hinterher bewerteten die Studienleiter ihre Aussagen. Das Ergebnis: Frauen klickten im Schnitt nicht nur auf mehr Jobprofile, die sie auch länger durchlasen. Mehr noch: Sie ließen sich wesentlich stärker von vermeintlich männlichen Stellentiteln und Qualifikationen beeindrucken – und wollten sich gar nicht erst bewerben. Ein Indiz dafür, dass sich Frauen von manchen Anforderungen immer noch zu stark beeindrucken lassen. Ein Problem, das schon früh beginnt... Quelle: Fotolia
2. Schon Mädchen scheuen WettbewerbMatthias Sutter und Daniela Rützler von der Universität Innsbruck untersuchten in einer Studie das Verhalten von mehr als 1000 Kindern im Alter zwischen 3 und 18 Jahren. Sie sollten verschiedene Tests lösen, etwa Wettläufe oder Matheaufgaben. Als Belohnung erhielten sie kleine Geldbeträge. Im Verlauf des Spiels konnten die Kinder dann gegen Gleichaltrige antreten und dabei mehr verdienen. Bei den Jungen entschieden sich 40 Prozent für den Wettkampf unter Gleichaltrigen. Von den Mädchen wollten das nur 19 Prozent wagen. Quelle: Fotolia
3. Frauen unterschätzen ihre LeistungErnesto Reuben von der Columbia Business School gewann für sein Experiment ( .pdf) 134 Studenten. Alle hatten zwei Jahre zuvor verschiedene Aufgaben absolviert, jetzt sollten sie ihre damalige Leistung bewerten. Das Ergebnis: Die Männer überschätzen ihre tatsächliche Leistung um rund 30 Prozent überschätzt, die Frauen hingegen um weniger als 15 Prozent. Im zweiten Schritt teilte Reuben die Teilnehmer in Gruppen. Sie sollten einen Vertreter wählen, der für die Gruppe Geld gewinnen konnte. Das Ergebnis: Weil sie zu ehrlich waren, schafften es weibliche Teilnehmer drei Mal seltener als Männer, die Rolle des Anführers zu übernehmen. Quelle: Fotolia
4. Frauen lassen sich von Klischees beeinflussenMarina Pavlova vom Universitätsklinikum Tübingen reichte für ihre Studie im Jahr 2010 83 Medizinstudenten den Abschnitt eines Intelligenztests. Dabei sollten sie eine Reihe von Bildern in die richtige Reihenfolge zu bringen. Doch vorab gaukelte Pavlova der einen Hälfte der Teilnehmer vor, dass Frauen bei dieser Aufgabe generell besser abschneiden. Die andere Hälfte erfuhr, dass Männer darin bessere Ergebnisse erzielen. Ergebnis: Die Frauen ließen sich von negativen Aussagen viel stärker beeinflussen als Männer. Deren Leistung litt kaum unter der Vorab-Information. Quelle: Fotolia
5. Frauen sind schneller zufriedenDer Soziologe Stefan Liebig von der Universität Bielefeld analysierte für seine Studie ( .pdf) Daten des Sozio-oekonomischen Panels. In dieser Langzeitstudie machen 10.000 Deutsche regelmäßig Angaben zu Ihrem Beruf und Privatleben. Liebig wollte wissen, ob sie ihr aktuelles Einkommen als gerecht empfanden - und falls nein, welches Nettogehalt angemessen wäre. Wenig überraschend: Etwa jeder dritte Befragte fand sein Einkommen ungerecht. Doch das Einkommen, das Frauen als gerecht empfanden, lag noch unter dem tatsächlichen Gehalt von Männern. Egal ob Akademikerin oder Reinigungskräfte: Frauen hatten finanzielle geringere Ansprüche. Quelle: Fotolia
6. Frauen scheuen Jobs mit WettbewerbAndreas Leibbrandt und John List schalten für ihre Untersuchung Stellenanzeigen in neun US-Städten – in zwei verschiedenen Versionen. Die eine Ausschreibung suggerierte, dass das Gehalt nicht verhandelbar sei. Die andere behauptete, dass das Gehalt Verhandlungssache sei. Fazit: Bei letzterer Stelle bewarben sich wesentlich mehr Männer. Offenbar meiden viele Frauen Jobs mit starkem Konkurrenzdenken. Quelle: Fotolia
Ein Mann hält einen Zettel mit der Aufschrift "Job gefällig?" in der Hand Quelle: dpa

Daimlers Betriebsratschef Michael Brecht fordert in einem Brief an Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, das geplante Gesetz zur Frauenquote in Aufsichtsräten zu überarbeiten. In der konkreten Ausgestaltung der Regelung sehe er "erhebliche Probleme", heißt es in einem Schreiben. "Sie ist aus unserer Sicht in ihrer Wirkung nicht durchdacht."

Dabei scheint der Abwärtstrend zumindest vorerst gestoppt, meldet das DIW Berlin. Nachdem der Frauenanteil in den Vorständen der DAX-30-Unternehmen seit Ende 2012 durchgehend von 7,8 Prozent auf 5,5 Prozent im Juli dieses Jahres gesunken war, liege er nun bei sieben Prozent. Immerhin drei Vorständinnen seien in den vergangenen Monaten berufen worden. "Es besteht Hoffnung, dass die Talsohle beim Frauenanteil in den Vorständen der DAX-30-Unternehmen durchschritten ist", sagt Elke Holst, Forschungsdirektorin für Gender Studies am DIW Berlin. "Ob die Entwicklung nachhaltig ist, muss sich allerdings erst noch zeigen."

So kann man es natürlich auch ausdrücken. Denn das Problem ist: Woher sollen die vielen Frauen kommen? Gerade in typischen Männerbranchen sind Frauen Mangelware, das fängt schon im Studium an. Die Anteile von Frauen bei Ingenieursberufen steigen seit Jahren nur sehr langsam.

Aus einem Bericht der Agentur für Arbeit aus diesem Jahr geht hervor, dass etwa 7,3 Millionen Fachleute im Bereich der MINT-Berufe beschäftigt sind. 14 Prozent von ihnen sind Frauen, macht 1,02 Millionen. Und diese 14 Prozent sollen jetzt 30 Prozent der Aufsichtsräte stellen.

"Es wäre kein Dienst an der Mitbestimmung, wenn aufgrund der pauschalen 30-Prozent-Quote Frauen in den Aufsichtsrat einziehen würden, die diesen Rückhalt in der Belegschaft nicht haben", schreibt Brecht dementsprechend. Denn auch bei Daimler beträgt der Frauenanteil an der Belegschaft derzeit nur 20 Prozent.

Autos sind eben irgendwie doch ein Thema für Jungs. Brecht hat auch schon einen Vorschlag, wie man da Abhilfe schaffen könnte: "Wir müssen Frauenförderung da betreiben, wo sie wirklich ankommt." Deshalb schlägt er vor, mehr Frauen für gewerblich-technische Berufe zu begeistern.

Nur ist es dann schon zu spät. Bis dahin hat die potenzielle Führungsfrau nämlich 16 bis 20 Jahre lang gelernt, wie wichtig Harmonie, ein angepasstes Verhalten und fleißiges Arbeiten sind. "Das geht schon im Kindergarten los: Während es bei Kai heißt, er sei aufgeweckt und führt die Gruppe an, heißt es bei Lisa beim gleichen Verhalten oft, sie sei verhaltensauffällig", sagt Angelika Huber-Straßer, Bereichsvorstand Corporates bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. "Mädchen sollen immer nett und brav sein, Jungen wollen immer der Anführer sein. Und an der Erwartung ändert sich auch später nichts: Männer müssen normalerweise erfolgreich sein, von Frauen wird es in der Regel nicht erwartet."

Hinterfragen Sie sich selbst: Stimmen diese Klischees über Frauen und Männer im Job?

Wer 50 Prozent der Bevölkerung zu niedlichen Prinzessinnen erzieht, braucht sich nicht wundern, wenn die als Erwachsene keine Lust haben, die Ärmel hochzukrempeln und Motoren zu bauen oder Physik zu studieren. Anders formuliert: Es liegt nicht daran, dass Frauen die Durchsetzungskraft, die Energie oder der Intellekt fehlt, um sich in MINT-Fächern durchzusetzen oder einen Konzern zu lenken. "Vielen Frauen fehlt nicht der Biss, ihnen wird im Laufe ihres Lebens die Lust zur Macht abtrainiert", sagt Huber-Straßer.

Schon alleine der Begriff Macht im Zusammenhang mit Frauen sei negativ besetzt, ebenso wie der Begriff Karrierefrau. Immerhin hat sich auf dem normalen Arbeitsmarkt vieles getan. Eine Frau kann völlig problemlos Ärztin, Polizistin, Anwältin oder Professorin werden - nur eben nicht Chefin eines Dax-Konzerns.

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"Im normalen Berufsleben und mittlerem Management haben Frauen viel erreicht, aber bei den Top-Positionen im Vorstand hat sich kaum etwas verändert", sagt auch Huber-Straßer. Da sei die gläserne Decke immer noch da - dem tradierten Rollenverständnis
sei Dank.

"Wenn man mit Frauen spricht, die Karriere gemacht haben, heißt es ganz oft, dass sich diese Kultur erst ändern wird, wenn in den Führungsetagen eine kritische Masse erreicht ist", so Huber-Straßer. Insofern kann die Frauenquote vielleicht doch ganz hilfreich sein.

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