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Gewandhausorchester "Zwischen Boston und Leipzig besteht eine Atlantik-Brücke"

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Die Veröffentlichung meines Gehalts ist ein sensibles Thema

Wenn die größten Klangkörper der Welt demnächst im Netz allverfügbar sind, dann verheißt das nicht unbedingt Gutes für die Zukunft der deutschen Orchesterlandschaft. Benötigen wir in Deutschland 130 Ensembles und knapp 10.000 angestellte Musiker? 

Ich verstehe die Finanz- und Argumentationsnöte der Länder und Kommunen. Aber bevor man ein Orchester abschafft, sollte man schon prüfen, ob und was man noch verbessern kann. Natürlich haben die Intendanten dabei auch eine Bringschuld: Hat die Einrichtung das Potenzial, mehr Einnahmen zu generieren? Kann sie mit anderen Einrichtungen der Stadt oder Region kooperieren? Dabei sollte beiden Seiten klar sein: Wenn ein Orchester einmal abgeschafft oder fusioniert ist, wird es nie mehr wiederkommen, dann ist es weg. Was das für ein Verlust ist, merkt man vielleicht nicht heute, vielleicht auch noch nicht morgen, ganz gewiss aber auf längere Sicht. 

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Standort erkennen

    Orchester werden nicht in Berlin oder Leipzig geschlossen, sondern eher in ländlichen Räumen – das heißt: Wir haben es mit einer kulturellen Verödung in der Fläche zu tun. Das ist problematisch. Ein Kulturverlust ist immer auch ein Imageverlust für eine Region. Ein Image kreieren sie nicht nur mit Handel und Industrie. Ein Image kreieren Sie mit Kultur. Denken Sie an Bilbao, Birmingham, Nantes, Lilles – Beispiele zuhauf für die positiven Effekte von Kultur. Oder schauen Sie sich das Ruhrgebiet an. Es ist vor allem durch seine Kulturinvestitionen wieder zu einem attraktiven Standort geworden.

    Zahlen zur "Neuen Musik"

    Sie wollen zum Beispiel sagen: Leipzig wäre nicht Leipzig ohne das Gewandhausorchester? 

    Exakt. Leipzigs Ruf gründet nicht zuletzt auf seiner Musikgeschichte, und die wird vom Gewandhausorchester geprägt. Das Gewandhaus ist der wichtigste Kulturbotschafter der Stadt. Es ist eine bedeutende Bildungseinrichtung und ein wichtiges Identifikationsmedium: Wir in Leipzig sind stolz auf unser Orchester. Nicht zuletzt, weil es den guten Ruf der Stadt symbolisiert und zugleich um die ganze Welt trägt.

    Wenn es wirklich so viele gute Gründe für eine teure Hochkultur gibt – warum sind Sie dann nicht auch selbstbewusst genug, offen über Ihr Gehalt – und über die hohen Gagen Ihrer Chefdirigenten – zu sprechen?

    Ich fände es entschieden besser, wenn wir sagen würden: Das Gewandhaus kostet uns 20 Millionen Euro im Jahr. Chailly verdient so und so viel pro Konzert. Der Intendant wird mit so und so viel im Jahr vergütet. Dann wären wir längst nicht so in die Ecke getrieben. Auch mich ärgert diese Defensivhaltung. Ich bin aber nicht so naiv zu glauben, ich allein könnte sie auflösen.

    Sie allein könnten aber einen Anfang machen.

    Sehen Sie, ich bin Manager eines mittelständischen Non-Profit-Unternehmens mit 275 Mitarbeitern und knapp 41 Millionen Euro Umsatz. Dafür beziehe ich ein angemessenes Gehalt.

    Im Internet steht es längst: 250 000 Euro. Nicht schlecht.

    Die Veröffentlichung meines Gehalts ist ein sehr sensibles Thema. Ich war nicht glücklich darüber. Nur so viel: Im Vergleich mit den Gehältern von Kollegen liege ich im Mittelfeld.

    Zehn Hauptwerke der Neuen Musik

    Was ist mit den Dirigenten? Sie streichen 30.000, 40.000 Euro pro einstudiertem Abend ein, manche sogar mehr. 

    Noch einmal: Wenn wir musikalische Spitzenleistungen generieren und Klassik-Stars in Leipzig haben wollen, müssen wir akzeptieren, dass das seinen Preis hat.

    Umso wichtiger wäre, die Kosten transparent zu machen. Sie müssen das Publikum mit dem Preis – und dem Wert! – von Kunst konfrontieren, sonst kommen Sie nie mehr aus dem Rechtfertigungsmodus heraus.

    Richtig. Gerade weil eine Bewertung dessen, was im Bereich der Kultur an Wert geschaffen wird, schwieriger ist als bei einem Wirtschaftsunternehmen, müssten wir noch offener mit Zahlen umgehen als diese. Die Voraussetzung dafür wäre allerdings der allseitige Wille, die Kosten und den Nutzen einer kulturellen Einrichtung in ein angemessenes Verhältnis zu setzen. Gibt es diesen Willen noch? Ich habe meine Zweifel. Die Diskussionen über „die Kultur“ werden zunehmend unsachlich geführt. Ich fürchte, dass wir den Punkt für eine ehrliche Debatte vielleicht vor zehn, vielleicht auch schon vor zwanzig Jahren verpasst haben.

    Beruf



    Insofern macht Claus Peymann doch alles richtig. Der schämt sich nicht für das Steuergeld, das er bekommt, sondern fordert mehr. Der sagt: Kanzler kann jeder. Aber Intendant des Berliner Ensembles, das kann nur einer…

    Oper, Theater, Museen, Musik – Kultur insgesamt hat sich viel zu lange in die Ecke der haushälterischen Rechengröße und kalkulierbaren Nützlichkeit treiben lassen. Aus dieser Ecke kommt sie nun kaum noch heraus.

    Hat Andris Nelsons auch eine Klausel in seinem Vertrag, dass seine Gagen geheim bleiben müssen?

    Das haben alle Spitzendirigenten hierzulande. Keiner lässt sich in die Karten gucken.

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