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Goldman Sachs Unfreiwillig am Mythos gestrickt

Der Abschiedsbrief eines Managers könnte dem Mythos der Investmentbank Goldman Sachs weiter mehren. Als Arbeitgeber hat das Geldhaus wohlmöglich schon dazu gewonnen.

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Der Chef von Goldman Sachs, Lloyd C. Blankfein, kann sich als glücklich am Pranger schätzen. Quelle: dpa

Der 14. März war ein Wendepunkt im Leben von Greg Smith. Bis dahin war er ein unbekannter Investmentbanker, seitdem ist er ein berühmter Arbeitsloser. Der Grund: Smith kündigte nicht nur bei Goldman Sachs, der mächtigsten Investmentbank der Welt, sondern veröffentlichte seine Motive in einem Artikel in der „New York Times“. Kein schlechtes Medium, um sich beruflich neu zu orientieren.

„Warum ich Goldman Sachs verlasse“. Die Überschrift des Artikels ist betont unspektakulär, was sich vom Rest des Textes nicht behaupten lässt. Smith rechnet darin mit der Bank und ihrem Chef Lloyd Blankfein ab. Nicht mit Schaum vor dem Mund, sondern der sprichwörtlichen Träne im Auge.

Zwölf Jahre habe Smith bei Goldman verbracht und unter anderem zwei der weltgrößten Hedgefonds beraten. Die verwaltete Summe seiner Kunden: umgerechnet etwa 800 Milliarden Euro. Immer sei er stolz auf seinen Arbeitgeber gewesen, doch damit sei es nun vorbei: „Ich kann nicht mehr mit gutem Gewissen sagen, dass ich mich mit Goldman identifiziere.“

Goldman Sachs: eine „gigantische Vampirkrake“

Ob Smith nur sein schlechtes Gewissen zum Schritt an die Öffentlichkeit trieb? Unklar. In Finanzkreisen heißt es, dass er seine Position in der Bank zumindest übertrieben habe. Außerdem habe er vergeblich auf eine Beförderung gehofft. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass die Vorwürfe falsch sind. Im Gegenteil.

Seit Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 wurde vor allem über Goldmans zweifelhafte Geschäftspraktiken diskutiert. 2009 nannte das US-Magazin „Rolling Stone“ die Bank eine „gigantische Vampirkrake“, die ihre Tentakel nach allem ausstrecke, was entfernt nach Geld rieche. Im Frühjahr 2010 waren es eigene Angestellte, die Goldman Sachs ins Zwielicht rückten. Die US-Börsenaufsicht SEC verklagte die Bank, weil sie bei Geschäften mit komplexen Kreditpapieren angeblich Kunden hintergangen hatte. Dabei veröffentlichte die SEC interne E-Mails des Goldman-Mitarbeiters Fabrice Tourre. In einer bejubelte der „fabelhafte Fab“, wie er sich selbst nannte, einen eher fragwürdigen Geschäftsabschluss. Er habe Produkte „an Witwen und Waisen“ verkauft, die er „am Flughafen getroffen“ habe.

So abenteuerlich diese Enthüllungen sein mögen – geschadet haben sie Goldman keineswegs. Die Bank hat seit 2007 weder Kunden verloren noch Boden gegenüber Konkurrenten. Manchmal, so heißt es bei denen, würden Aufträge schlicht aus Angst an die Bank vergeben – weil man Goldman „nicht gegen sich haben will“. Und auch der Artikel von Ex-Manager Smith wird dem Image der Vampirkrake langfristig keineswegs schaden. Im Gegenteil: Er strickt unfreiwillig am Mythos.

Das Wunsch nach Wachrütteln bleibt unerfüllt

Der Abschiedsbrief hat auf dem heiß umkämpften Bewerbermarkt das Profil von Goldman Sachs gestärkt. Quelle: REUTERS

Es gebe vor allem drei Wege, um in der Bank schnell Karriere zu machen, schreibt Smith: Entweder überrede man die Kunden, in Produkte zu investieren, die die Bank ohnehin loswerden wolle; oder man jage „Elefanten“, indem man die Kunden dazu bringe, die profitabelsten Produkte zu handeln – egal, ob das für die gut oder schlecht sei. Dritte Möglichkeit: irgendein undurchsichtiges Produkt mit einem Drei-Buchstaben-Akronym verkaufen. „Es macht mich krank, wie herzlos meine Kollegen darüber reden, wie sie ihre Kunden am besten abzocken können“, so Smith. Alternativ bezeichnen sie die milliardenschweren Klienten gerne auch mal als „Muppets“, in Anlehnung an die amerikanischen Puppenfiguren.

Das wollte Smith nicht länger ertragen, und deshalb reichte er seine Kündigung ein – nicht ohne letzten Appell. Er wolle die Vorstandsetage wachrütteln. Die solle die „moralisch bankrotten“ Mitarbeiter feuern – egal, wie viel Geld sie dem Konzern einbringen. Es scheint so, als bliebe dieser Wunsch unerfüllt.

Das Image wird den neuen PR-Chef beschäftigen

Die „New York Times“ zitierte am selben Tag eine E-Mail von Bankchef Blankfein an die Mitarbeiter. Die „Behauptungen dieses Individuums“ spiegelten die Firmenkultur nicht wider. Ein klares Dementi klingt anders.

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Nelly Riggenbach, Geschäftsführerin der Beratung Universum Communications für Deutschland, Österreich und die Schweiz, überrascht das nicht. Ihr Unternehmen beschäftigt sich vor allem mit Employer Branding, also dem gezielten Aufbau einer Arbeitgebermarke. Riggenbach: „Es klingt völlig absurd, aber der Artikel kann Goldman Sachs sogar helfen.“ Damit schärfe die Bank letztlich ihr Arbeitgeberimage. Der Effekt: Wer nicht in das gesuchte Profil passt, bewirbt sich gar nicht erst. „Aber die Absolventen, die sich davon angezogen fühlen, bewerben sich umso eher“, sagt Riggenbach.

Damit wird sich nun ein Mann beschäftigen, für den der 14. März ebenfalls ein Wendepunkt war. Bis dahin war Richard Siewert junior ein Arbeitsloser, der zuvor den US-Finanzminister Timothy Geithner beraten hatte. An dem Tag wurde bekannt, dass Siewert einen neuen Job hat: Er wird neuer PR-Chef von Goldman Sachs.

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