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Hartmut Rosa "Die eingesparte Zeit ist im Eimer"

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Das Problem der Coolness

In diesen Ländern sind die Bewohner am glücklichsten
Die glücklichsten Menschen leben vor allem in Lateinamerika, ergab die Umfrage. Auf Platz 1 der Zufriedenen rangierte Panama. In dem kleinen Land im Mittelamerika leben 3,3 Millionen Menschen – so viel wie in Berlin. Quelle: dapd
Auch die Bewohner von Paraguay, El Salvador und Venezuela fühlen sich offenbar pudelwohl in ihrer Heimat. Und das, obwohl die Länder immer wieder mit Problemen zu kämpfen haben, wie etwa den Unwettern in der Asuncion, der Haupstadt von Paraguay im November dieses Jahres. Über 80 Prozent der Befragten antworteten auf die Fragen der Studienmacher mit einem „Ja“. Gefragt wurde unter anderem: "Haben Sie sich gestern ausgeruht gefühlt?", "Wurden Sie gestern den ganzen Tag lang respektvoll behandelt?" und: "Haben Sie gestern viel gelächelt oder gelacht?" Quelle: dpa
Diese Fragen wurden auch von Menschen aus Südostasien positiv beantwortet: So erreichte Thailand Platz sechs unter den Top-Ten der glücklichsten Staaten. Die benachbarten Philippinen finden sich zwei Plätze weiter unten. Quelle: dpa/dpaweb
Deutsche dagegen fühlen sich häufiger unglücklich – trotz wirtschaftlicher Stabilität und flächendeckendem Wohlstand. Gemeinsam mit Frankreich landete das Land auf nur auf Platz 47 der Glücksskala. Kurios: Der arme afrikanische Staat Somaliland steht an selber Stelle. Quelle: dapd
Auch die US-Amerikaner rangierten lediglich im Mittelfeld der Glücklichen dieser Welt auf Platz 33. Quelle: dpa
Die Schlusslichter der Umfrage sind Irak, Armenien und Singapur. So beantworteten nur 50 Prozent der Iraker die Fragen der Studienmacher positiv. Quelle: dpa
Im hoch entwickelten Singapur waren es gerade einmal 46 Prozent. Das Land mit 4,6 Millionen Einwohnern hat eine besonders deregulierte Volkswirtschaft. Warum es mit dem Glück im Lande nicht weit her ist, beschreibt ein Geschäftsmann so: "Wir arbeiten wie Hunde und bekommen nur Peanuts bezahlt. Es gibt kaum Zeit für Urlaub oder sich einfach einmal zu erholen." Quelle: dpa

Sie meinen, wir verinnerlichen die Beschleunigung der Zeit? 

Ja, unser Verständnis von Muße hat sich geändert. Ursprünglich ist Muße ein anderes Wort für die klassische Idee des Feierabends. Ein Zustand der Ruhe, den man genießt, weil das Tagwerk vollbracht ist. Man sitzt am Kamin und liest ein Buch oder spielt Schach. Dieses Mußegefühl tritt heute kaum noch ein, weil man ständig glaubt, man müsste eigentlich noch dies oder das tun, wollte doch endlich wieder mal Joggen gehen, einen Kollegen anrufen oder mit der Mutter im Altersheim telefonieren. Selbst beim Kindergeburtstag wissen Sie, dass Sie zwischendurch noch mal schnell in Ihre Mails schauen könnten.

Trotzdem gibt es Zeiten und Zonen, in denen wir das Gesetz der Beschleunigung explizit außen vor lassen. Ein Unternehmen nimmt mich zeitlich doch ganz anders in Anspruch als etwa die Familie.

Sicher, man könnte auch das Ehrenamt nennen, den Sportverein, die Kirche…

…oder Weihnachten.

Unbedingt. Weihnachten ist ein Anachronismus, der rücksichtslos in das moderne Zeitregime hinein kracht. Und besonders innovativ ist es auch nicht: Seit 2000 Jahren dieselbe Geschichte. Ist das nicht großartig? Da sieht man endlich mal die Differenz zu allem, was wir sonst so treiben. Keine Beschleunigung, nichts…

…wenn da nicht der Stau vor Heilig Abend wäre, wenn alle nochmal schnell einkaufen, was essen, ins Theater gehen…

…und ihre To-do-Listen abarbeiten. Diese Listen verfolgen uns jederzeit, überall – und das bedeutet: Keine Sache hat mehr „seine“ Zeit. Die festen Zeitfenster – Arbeit von sieben bis fünf, Dienstag Chor, Samstag Fußball, Sonntag Kirche – lösen sich auf – und unsere Lebenssphären verschränken sich, nicht zuletzt durch Smartphone, Handy, E-Mail. Nicht nur, dass der Beruf überall eindringt. Es ist auch umgekehrt: Während sie arbeiten, kann die Frau oder Tochter anrufen: Hast Du an die Milch gedacht? Kurzum, früher war für mich immer nur die Sphäre relevant, in der ich gerade unterwegs war. Heute geht alles durcheinander. Heute müssen wir Orte der reinen Sphäre regelrecht aufsuchen – und das, was früher depraviert war, ein rückständiges, armseliges Gebiet, ein Dorf ohne Zuganschluss, ohne Handy-Empfang, ist plötzlich der pure Luxus.

Und dann komme ich aus diesem Refugium zurück, fühle mich heroisch, noch drei Wochen auf Mails verzichten zu können - und habe spätestens dann das Gefühl, etwas verpasst zu haben und alles aufholen zu müssen…

So ist es. Denn die Welt hält ja nicht an – bis auf die Zeit rund um Weihnachten vielleicht, wenn die Gesellschaft als Ganzes das große Loslassen übt. Aber sonst? Die Informations- und Kapitalströme kennen kein Wochenende, die fließen weiter und immer weiter. Da kann ich mich allenfalls mal ausklinken. Am E-Mail-Account sehen Sie es am besten: Wenn Sie eine Woche weg sind, müssen Sie plötzlich viel schneller laufen.

Ich kann doch auch mal ein paar Mails ignorieren – und eine Woche Nachrichten löschen.

Aber dann habe ich vielleicht übersehen, dass die WirtschaftsWoche mich um ein Interview bittet.

Oder ich wappne mich durch Coolness.

Das hatte Georg Simmel auch schon im Sinn. Die Nervosität nimmt zu – und ich reagiere darauf mit Blasiertheit, lasse mich nicht an- und nicht aufregen. Der Nachteil ist, dass man dadurch möglicherweise die Fähigkeit verliert, sich berühren zu lassen. Nun wünschen sich die meisten Menschen aber eher mehr Empathie als weniger. Es gibt eine große Sehnsucht nach Resonanz -  danach, berührt und bewegt zu werden: von anderen Menschen, von einer Landschaft, von einer Erfahrung. Das aber setzt voraus, dass man sich auf Anderes einlässt. Meine These ist: Wir können verstandesmäßig schnell in unterschiedlichen Lebenssphären agieren, aber nicht emotional.

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