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Historiker Hasso Spode „Alkohol schafft Vertrauen im Geschäftsleben“

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„Wir befinden uns heute in einer anderen Form des Extremismus“

Sind das wünschenswerte Zustände?
Ich bin ein großer Fan des Aristoteles. Der hat in allen Dingen des Lebens das Maßhalten gepredigt. Alle Extreme sind auf Dauer schlecht, auch die Abstinenz. Aristoteles war ein großer Menschenkenner und wusste, ab und zu ein exzessiver Rausch ist durchaus Teil des Maßhaltens. Die heutige Drogen- und Alkoholpolitik hat jedwedes Augenmaß verloren, in Anbetracht der Tatsache, dass der Mensch seit 100.000 Jahren Alkohol und Drogen genießt.

Sind wir heute gar zu abstinent?
Wir befinden uns heute in einer anderen Form des Extremismus. In meiner Forschung stoße ich immer wieder auf solche Pendelbewegungen, nicht nur beim Thema Alkohol. Den Alkoholkonsum in ein normales Maß zu überführen, war ja völlig richtig. Aber wenn ich mir anschaue, was für Horrorgeschichten heute von manchen „Experten“ über Alkohol oder das Rauchen verbreitet werden, erinnert mich die gegenwärtige Hysterie doch sehr an die Dämonisierung des Alkohols, die wir in den 1920ern in den USA erlebten. Diese Dämonisierung führte damals geradewegs in die Prohibition. Das war das andere Extrem.

Welche Rolle spielte der US-Amerikaner Frederick Taylor, einer der Vordenker der Arbeitswissenschaft, für den Umschwung des Pendels? Er stellte Anfang des 19. Jahrhunderts mit Hinblick auf die Jobs in der US-Industrie fest, ein Gewohnheitstrinker hätte mit der Geschwindigkeit in der Fabrik nicht Schritt halten können.
Eine große. Taylor stellte sich 1884 mit der Stoppuhr in die Stahlwerke und schaute, wie die Menschen sich bewegten. Dabei stellte er fest, dass es ziemlich viel Leerlauf gab. Indem man die Maschinen beschleunigte, ließ sich die Effizienz steigern. Die Menschen betrachtete er einzig und allein als Arbeitsmaterial, und dieses Material musste nüchtern sein, denn das verlangten die Maschinen.

Dabei hatte man doch noch zu Beginn der Industrialisierung Alkohol an die Fabrikarbeiter ausgegeben, zumindest in Deutschland.
Die Fabrikarbeiter kriegten ein Deputat an Alkohol, zumeist Bier. Wenn die Arbeit härter war, konnte es auch Branntwein sein. Fabrikarbeit war unfassbar brutal, zwölf Stunden Arbeit am Tag, sieben Tage die Woche unsägliche Qualen – der Sonntag wurde ja erst ab 1895 arbeitsfrei. Alkohol diente zu jener Zeit als Belohnung, aber auch als Aufputschmittel für die Arbeiter, damit sie durch den Arbeitstag kamen. Aber auch in Deutschland war das bald vorbei. Im Kaiserreich kam mit dem „Deutschen Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke“ ebenfalls eine Mäßigkeitsbewegung auf. In diesem Verein sammelten sich vor allem Industrielle, die der Meinung waren, Alkohol und die moderne Fabrikarbeit passten nicht zusammen. Dieser Verein verzeichnete beachtliche Erfolge, insbesondere wurde der Konsum an den Arbeitsstätten zurückgedrängt und der Anteil des Branntweins am Gesamtalkoholverbrauch sank bis zum ersten Weltkrieg massiv.

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