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Homeoffice „Der Schreibtisch ist tot“

Vorbote der Zukunft der Arbeit: Ein leerer Schreibtisch im Bundestag. Quelle: dpa

Die Zukunft der Arbeit ist durch die Pandemie zur Gegenwart geworden, sagt Raphael Gielgen. Hier verrät der Möbel-Trendscout, warum abgelegene Bauernhöfe und virtuelle Realitäten dazugehören.

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Raphael Gielgen bereist für den Möbelhersteller Vitra die Welt, um herauszufinden, wie und vor allem wo Menschen in Zukunft zusammenarbeiten werden. Üblicherweise besucht der Trendscout rund 100 Orte im Jahr. Die Pandemie hat seinen Aktionsradius stark beschränkt. Erst seit kurzem reist er wieder, auf der Suche nach den Arbeitswelten der Zukunft.

WirtschaftsWoche: Herr Gielgen, Sie sind gerade auf einem Bauernhof nahe Regensburg. Liegt die Zukunft der Arbeit auf dem Land? 
Raphael Gielgen: An Ihrer Frage erkennt man, wie eingeschränkt wir heute Arbeitsorte sehen. Für uns gibt es nur zu Hause oder Büro. Wir sind darauf konditioniert, dass unser ganzes Arbeitsleben vor einem Schreibtisch mit einer schwarzen Maschine darauf stattfindet. Aber der Schreibtisch ist tot. Jeder physische Raum wirbt heute um meine Gunst, weil er sagt, Raphael, du kannst hier arbeiten. Mein Hof ist mein Rückzugsort. Hier zu arbeiten, das ist ein Teil der Zukunft. 

Und der andere Teil?
Den kann man sich so vorstellen, wie im Film „Ready Player One“. Kennen Sie den?

Eine Science-Fiction-Geschichte, in der die Menschheit sich regelmäßig in eine virtuelle Welt flüchtet.
So ähnlich werden wir das in Zukunft auch machen. Jüngst ging die Nachricht des so genannten Metaverse durch die Welt. Ich bin davon überzeugt, dass physische und virtuelle Arbeitsorte in fünf bis zehn Jahren gleichberechtigt sein werden. Dort kann jeder mit jedem zusammenarbeiten. Ich werde dann einen Teil meiner Zeit hier auf dem Hof verbringen und für den anderen Teil ziehe ich meine Virtual-Reality-Brille auf und bin regelmäßiger Gast in ein, zwei virtuellen Arbeitswelten. 

Sie werden dann virtuell ins Büro pendeln?
Nein, das Büro ist dann profan. Die virtuelle Komponente wird nur dann sinnvoll, wenn sie uns etwas ermöglicht, was der physische Ort nicht kann. Wenn Ingenieure mich in ihre Werkstatt teleportieren und mir etwas zeigen können, was ich sonst nicht sehen kann. Diese Sichtbarmachung der Arbeit ist wichtig. Im Newsroom Ihres Magazins ist das ja ganz leicht: Man sieht die Seiten der nächsten Ausgabe auf den Bildschirmen. In vielen anderen Branchen ist das nicht so. 

Von dieser vermischten Realität profitieren vor allem Softwarekonzerne wie Google, Microsoft oder Facebook. Ihr Arbeitgeber Vitra stellt aber physische Möbel her. Wird er ein Verlierer dieser neuen Arbeitswelt? 
Möbel bleiben weiterhin wichtig. Wir werden ja nicht vollends in der virtuellen Realität abtauchen. Ich habe hier einen Drehstuhl stehen, der ist von 1953. Der gibt mir Stabilität und Orientierung. Er lässt die Zeit stehen. Das bringt einen runter. Wir haben aber auch Möbel, die genau das Gegenteil machen, wie unsere Dancing Wall. Mit Trennwänden und beweglichen Möbelstücken können wir mit wenigen Handgriffen auf 60 Quadratmetern acht oder neun verschiedene Arbeitsumgebungen bauen.

Vor der Coronapandemie reisten Sie ständig durch die Welt. Was hat das Virus verändert?
Ich bin vor zwei Wochen zum ersten Mal seit 564 Tagen wieder in ein Flugzeug gestiegen und kurz darauf zum ersten Mal seit 580 Tagen in einen ICE. Das habe ich vorher 50 bis 60 Mal im Jahr gemacht. Corona war und ist ein großer Versuch, wir sind jeder in unserer eigenen Petrischale. Und ich musste feststellen: Die Zukunft der Arbeit ist jetzt einfach da. 


Was heißt das für Ihren Job?
Zuerst dachte ich: Game over, mein Job ist überflüssig. Es ist nicht nur alles gesagt, sondern alles passiert. Aber dann hab ich gemerkt, so schlimm ist es nicht. Ich nenne das bei großen Firmen kontrolliertes Sterben. Ich bin gefordert, mich neu zu erfinden, durch meine Arbeit, meiner Rolle Relevanz zu geben. 

„Das Gefühl der Weihnachtsfeier braucht es acht mal im Jahr“

Werden wir mal konkret: Wenn mein Schreibtisch tot ist, wie Sie sagen, wo soll ich dann arbeiten?
Sie brauchen zwingend eine Heimat für Ihre Arbeit, eigentlich sogar zwei. Die eine kann Ihr Homeoffice zu Hause sein. Aber auch dort braucht man ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Organisation. Das geht nicht einfach, indem man Visitenkarten mit dem Firmenlogo neben den Laptop legt. Identifikation zu schaffen, das fällt manchen Unternehmen sicher leichter als anderen. Ich hab immer ein Vitra-Buch oder eines unserer Möbelstücke hier. 

Das kann sich aber nicht jede Firma leisten.
Stimmt, ein Unternehmen, das Füllstandmesser herstellt, kann das nicht. Ich denke, es wird für Unternehmen, die hauptsächlich in der Produktion oder im Homeoffice arbeiten, viel mehr Events und Treffen außerhalb der Arbeitsräume geben müssen. Früher gab es einmal im Jahr die Weihnachtsfeier, zu der sich jeder gesehen hat. Das Gefühl der Weihnachtsfeier braucht es jetzt eben vier oder acht Mal im Jahr. Über gemeinsames Erleben schafft man Identifikation. 

Wozu braucht es dann eigentlich noch Firmenzentralen?
Das habe ich schon mit der zweiten Heimat angesprochen. Der Vitra Campus, die Adidas World of Sport oder die zentrale von Alnatura, das sind Kraftorte für Unternehmen. Alnatura etwa revitalisiert ein altes Areal der US-Army, inklusive veganem Restaurant und Lehmbauweise. Die Zentrale zahlt da auf das Image ein. Das lädt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Sinn auf, gibt ihnen breite Schultern, Haltung, Orientierung, Sicherheit und vermittelt den Grund, warum man irgendwann mal den Arbeitsvertrag unterschrieben hat. 



Viele dieser Kraftorte sind durch die Pandemie aber derzeit noch ziemlich leer. 
Wenn ich diese großartigen Büros und Betriebsgelände betrete, schmerzt es schon zu sehen, wie leer die auf einmal sind. Und wenn man dann überlegt, dass das Geschäft in den meisten Firmen trotzdem läuft, ist das eine Realität, der man sich stellen muss. Das ist ein Abschiednehmen von einer Dekade der Arbeitsarchitektur. Die geordnete Unterbringung von Menschen an Schreibtischgaleeren, das ist vorbei. Aber es wird immer Arbeit geben, die man zu Hause nicht machen kann. 

Mehr zum Thema: Wie gut das gelingt, hängt auch von der Persönlichkeit der Mitarbeiter ab. Wem Homeoffice leicht fällt und wem nicht.

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