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Hygieneregeln Virenangst schlägt Klimaschutz

Take-Away-Regelungen statt Restaurantbesuch lassen während der Coronakrise den Müll in Großstädten anwachsen. Quelle: imago images

Die Coronapandemie hat die Einweg-Kultur zurückgebracht. Wie Unternehmen Hygiene und Nachhaltigkeit zugleich erreichen können.

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Plötzlich ist die Wegwerf-Mentalität wieder da. Seit Beginn der Coronapandemie hat der Wunsch nach mehr Hygiene das Streben nach Nachhaltigkeit nahtlos abgelöst. Immer noch gehen viele Menschen lieber auf Nummer sicher und greifen zu Einmalmasken und anderen Wegwerfprodukten, weil die vermeintlich besonders hygienisch sind. Zunehmend aber fragen sich auch Arbeitgeber, deren Angestellte aus dem Homeoffice ins Büro zurückkehren: Geht Hygiene nicht auch mit weniger Müll? Experten meinen: Ja, mit gar nicht allzu großem Aufwand.

Wer allerdings bei offiziellen Stellen nach handfesten Tipps fragt, wie sich notwendige Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz nachhaltig gestalten lassen, merkt schnell, wie heikel das Thema ist. Umweltexperten wollen sich nicht zu Hygiene äußern, Fachleute für Hygiene kein Urteil zur Umweltfreundlichkeit fällen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin etwa lehnt Ratschläge mit Verweis auf fehlende Ökobilanzen der Produkte ab. „Zudem dürfen wir keine Rechtsauskünfte geben, da der Vollzug des Arbeitsschutzes bei den Bundesländern liegt“, informiert ein Sprecher. Er stellt aber klar: Bei der Umsetzung des Infektionsschutzes an Arbeitsplätzen würden „Fragen der Nachhaltigkeit derzeit nachrangig betrachtet“.

Hygiene ohne Müll

Manfred Santern von Greenpeace wünscht sich von offizieller Seite mehr Anregungen für umweltfreundlichen Corona-Arbeitsschutz. „Bisher wurde von Gesundheitsämtern und so weiter viel zu wenig darauf hingewiesen, dass der erhöhte Verbrauch von Einweg-Wegwerfverpackungen nicht mit Hygienemaßnahmen begründet werden muss“, sagt der Chemiker. In Kantinen und Kaffeeküchen könnten die erforderlichen Hygienestandards problemlos mit wiederverwendbaren Verpackungen eingehalten werden: „Wichtig ist eine regelmäßige, gründliche Reinigung der Behältnisse – zum Beispiel mit der Spülmaschine, das genügt völlig.“

Bei der Hygiene in der Büroküche ist laut dem Experten von Greenpeace regelmäßiges Lüften und Händewaschen das A und O, zu viel Vorsicht in Bezug auf Oberflächenkontakte sei überflüssig. Es reiche „völlig, alkoholbasierte Handdesinfektionen im Spender zur Verfügung zu stellen sowie Seifenspender und ausreichend viele, wiederverwendbare Handtücher“. Handtücher sollten laut dem Greenpeace-Experten nur einmal verwendet werden, um den Kontakt mit Bakterien und Viren möglichst auszuschließen: „Das können aber auch waschbare Stoffhandtücher sein, es müssen keine Wegwerf-Papierhandtücher sein.“

Manch ein Unternehmen überlegt womöglich, zur Müllvermeidung in Waschräumen auf Handtrockner mit Gebläse umzustellen. Die sind in einigen Kaufhäusern allerdings in der Coronakrise abgeschaltet worden. Zu Unrecht, wie das Umweltbundesamt auf Nachfrage informiert: Hygienische Bedenken gibt es der Behörde zufolge weder bei Handtüchern aus Stoff oder Papier noch bei elektrischen Geräten.

Aus ökologischer Sicht schnitten Hochgeschwindigkeitstrockner, sogenannte Jetstreams, am besten ab. Sie sollten laut der Untersuchung allerdings nicht in sensiblen Bereichen wie Krankenhäusern eingesetzt werden. Greenpeace-Mann Santern empfiehlt elektrische Handtrockner, bei denen die warme Luft von oben kommt statt Modelle, bei denen die Hände in den Trockner gesteckt werden. „Solche Geräte bieten relativ viele Flächen, an denen sich Keime anhaften können“, sagt der Chemiker. Wasserhähne mit Infrarotsensoren oder Abschaltautomatik helfen beim langen Einseifen der Hände beim Wassersparen.

Gesichtsmasken: Stoff statt Einweg

Ein großer Faktor bei der nachhaltigen Coronahygiene im Büro sind Gesichtsmasken. Wenn der Mindestabstand bei der Arbeit nicht sicher eingehalten werden kann, sollen Arbeitgeber nach dem Willen der Bundesregierung Mund-Nasen-Bedeckungen zur Verfügung stellen. Setzen Unternehmen auf Einweg-Chirurgenmasken, sind Müllberge programmiert.

Allerdings stehen Betriebe bei Stoffmasken vor der Frage, wer die sachgemäße Reinigung übernimmt. Dass Masken wie etwa Handtücher zentral gewaschen werden, hält Santern in der Praxis für eher weniger wahrscheinlich: „In vielen Fällen wird jeder Einzelne sich entscheiden, die Kontrolle über die Masken selbst zu übernehmen.“ Da kann es aus Umweltsicht empfehlenswert sein, wenn der Arbeitgeber betroffenen Beschäftigten einen Wochenvorrat an Masken zur Verfügung stellt. So bekommen Angestellte eher eine Waschladung mit 60-Grad-Wäsche voll, was Wasser und Energie spart.

Gegen Einmalmasken spricht aus Umweltsicht zudem, dass sie nicht recyclebar sind. „Persönliche Schutzausrüstungen wie Mundschutzmasken und Gummihandschuhe gehören nicht in die Gelbe Tonne, sondern müssen als Restmüll entsorgt werden“, hat der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) klargestellt. Wie viel zusätzlicher Abfall hier entsteht, konnte der Verband noch nicht absehen. „Seit Beginn der Corona-Pandemie ist der Absatz dieser Artikel explosionsartig gestiegen“, stellte Präsident Peter Kurth aber im April fest. „Beim Hausmüllaufkommen schätzt die Entsorgungsbranche einen Zuwachs von zehn Prozent. Das Hausmüllaufkommen scheint aber regional unterschiedlich zu sein“, heißt es dazu beim Umweltbundesamt.

Bei Corona-Hygiene auf Verpackung achten

Unkompliziert wird die nachhaltige Coronahygiene, wenn bei Desinfektionsmitteln oder Seife auf klima- und ressourcenschonende Verpackungen geachtet wird. „Wiederbefüllbare Verpackungen sind aus Umweltsicht besonders empfehlenswert und sollten verstärkt genutzt werden“, teilt das Umweltbundesamt mit, betont aber, dass die Behörde nicht für die Bewertung aus Hygienesicht zuständig ist. Nachfüllpackungen würden meistens mit weniger Material auskommen: „Beispielsweise sind bei Desinfektionsmitteln, flüssigen Seifen und Reinigern keine Sprüh- oder Pumpaufsätze nötig.“ Wenn Einwegverpackungen nicht vermeidbar seien, sollten Verbraucher möglichst zu recyclingfähigen Produkten greifen. 

Mehr Nachhaltigkeit gelingt auch durch den Kauf von Waren, die in Deutschland oder sogar in der Nachbarschaft produziert wurden. Apotheken etwa dürfen in der Covid-19-Pandemie Desinfektionsmittel für Hände und Flächen herstellen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin weist aber darauf hin, dass diese Ausnahmegenehmigungen bis Ende September beziehungsweise Anfang Oktober 2020 befristet sind.

Homeoffice nachhaltig gestalten 

Viele Arbeitgeber könnten derweil der Ansicht sein, allein durch Homeoffice und wegfallende Arbeitswege ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Greenpeace-Experte Santern sieht das kritisch. „Dazu liegen meines Erachtens noch nicht ausreichend Studien vor. In China beispielsweise wurde der geringere CO2-Austausch durch drastische Reduzierung des Autoverkehrs durch einen deutlich höheren CO2-Ausstoß – verursacht durch die Steigerung der Wärmekraftwerke, meist Kohlekraftwerke – ausgeglichen“, sagt er.

Beim Umweltbundesamt gibt man zu bedenken: „Auch Homeoffice nimmt Ressourcen in Anspruch.“ Insbesondere der CO2-Ausstoß und der Verbrauch wertvoller Rohstoffe bei der Herstellung von Computern werde häufig unterschätzt. Deshalb solle eine Doppelausstattung für das Homeoffice vermieden werden. „Also nicht zusätzlich zum PC in der Firma den Mitarbeitern ein zweites Gerät auf den heimischen Schreibtisch stellen“, raten die Experten.

Einen substanziellen Beitrag zum Klimaschutz leisten Unternehmen auf jeden Fall, wenn sie Geschäftsreisen durch Videokonferenzen ersetzen. Doch selbst da geht noch mehr. „Wenn man bei Videokonferenzen die Kamera ausschaltet oder gleich klassisch telefoniert, werden weniger Daten übertragen, was Energie spart“, rät das Umweltbundesamt. „Und: Man kann den Computer auch mal ausschalten.“

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