Ide Katrine Birkeland "Falsche Leidenschaft kann zum Burnout führen"

Leidenschaft für den Beruf ist gut - kann aber auch schaden. Die Gründe kennt die Psychologin und Leidenschaftsforscherin Ide Katrine Birkeland.

Diese Berufe machen depressiv
MontagsbluesBesonders montags fällt es uns schwer, etwas positives am Arbeiten zu finden. Laut einer amerikanischen Studie dauert es im Durchschnitt zwei Stunden und 16 Minuten, bis wir wieder im Arbeitsalltag angekommen sind. Bei Menschen ab dem 45. Lebensjahr dauert es sogar noch zwölf Minuten länger. Doch es gibt nicht nur den Montagsblues: Manche Berufsgruppen laufen besonders stark Gefahr, an einer echten Depression zu erkranken. Allein in Deutschland haben nach Expertenschätzungen rund vier Millionen Menschen eine Depression, die behandelt werden müsste. Doch nur 20 bis 25 Prozent der Betroffenen erhielten eine ausreichende Therapie, sagte Detlef Dietrich, Koordinator des Europäischen Depressionstages. Quelle: dpa
Journalisten und AutorenDie Studie der medizinischen Universität von Cincinnati beinhaltet Daten von etwa 215.000 erwerbstätigen Erwachsenen im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die Forscher um den Psychiater Lawson Wulsin interessierte vor allem, in welchen Jobs Depressionen überdurchschnittlich oft auftreten und welche Arbeitskriterien dafür verantwortlich sind. Den Anfang der Top-10-Depressions-Jobs macht die Branche der Journalisten, Autoren und Verleger. Laut der Studie sollen hier etwa 12,4 Prozent der Berufstätigen mit Depressionen zu kämpfen haben. Quelle: dpa
HändlerDer Begriff „Depression“ ist in der Studie klar definiert. Als depressiv zählt, wer mindestens zwei Mal während des Untersuchungszeitraums (2001 bis 2005) krankheitsspezifische, medizinische Hilferufe aufgrund von „größeren depressiven Störungen“ gebraucht hat. Händler aller Art, sowohl für Waren- als auch für Wertpapiere, gelten demnach ebenfalls als überdurchschnittlich depressiv. Platz neun: 12,6 Prozent. Quelle: dpa
Parteien, Vereine & Co.Neben den Hilferufen nach medizinischer Fürsorge flossen noch andere Daten in die Studie ein. Die Forscher beachteten außerdem Informationen wie Alter, Geschlecht, persönliche Gesundheitsvorsorge-Kosten oder körperliche Anstrengung bei der Arbeit. Angestellte in „Membership Organisations“, also beispielsweise politischen Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen, belegen mit über 13 Prozent den achten Platz im Stress-Ranking.
UmweltschutzDer Kampf für die Umwelt und gegen Lärm, Verschmutzung und Urbanisierung ist oft nicht nur frustrierend, sondern auch stressig. Knapp 13,2 Prozent der beschäftigten Erwachsenen in dem Sektor gelten laut den Kriterien der Forscher als depressiv. In den USA betrifft das vor allem Beamte, denn die Hauptakteure im Umweltschutz sind staatliche Organisationen und Kommissionen. Quelle: AP
JuristenAls mindestens genauso gefährdet gelten Juristen. Von insgesamt 55 untersuchten Gewerben belegten Anwälte und Rechtsberater den sechsten Platz im Top-Stress-Ranking: Rund 13,3 Prozent der Juristen in Pennsylvania gelten für die Forscher der medizinischen Universität Cincinnati depressiv. Quelle: dpa
PersonaldienstleisterAuf Rang fünf liegen Mitarbeiter im Dienstleistungsbereich. Deren „Ressource“ ist der Mensch – und der ist anfällig: Denn der „Personal Service“ in Pennsylvania hat nach Lawson Wulsin und Co. eine Depressionsrate von knapp über 14 Prozent. Und nicht nur Kopf und Psyche sind von der Krankheit betroffen, sondern offenbar auch der Körper: Schon seit Jahren forscht Wulsin auf diesem Gebiet und geht von einer engen Verbindung von Depression und Herzkrankheiten aus. Gefährdeter als Menschen aus dem Dienstleistungsbereich sind nur vier andere Jobgruppen.

Wirtschaftswoche: Frau Birkeland, warum ist Leidenschaft im Job nicht immer gut?

Birkeland: Normalerweise ist es sehr gut, Leidenschaft für seine Arbeit zu empfinden. Aber manche Menschen verwechseln Leidenschaft mit der Anerkennung, das sie für ihre Arbeit bekommen - oder dem hohen Gehalt. Ein Beispiel: Der eine Arzt macht seinen Job gerne, weil er Menschenleben retten will. Der andere will unbedingt von allen geachtet werden oder viel Geld verdienen. Leidenschaftlich sind beide - aber nur Ersterer verfügt über die so genannte harmonische Leidenschaft.

Und welche Folgen hat falsche Leidenschaft?

Falsche Leidenschaft kann zum Burnout führen, aber auch zu Konflikten innerhalb der Familie oder am Arbeitsplatz. Die harmonische Leidenschaft hingegen hat viele positive Folgen - für das eigene Wohlbefinden, aber auch für die Kreativität und den Arbeitsablauf.

Ide Katrine Birkeland forscht an der Norwegian Business School. Zum Thema Leidenschaft hat sie ihre Doktorarbeit geschrieben. Quelle: privat

Was verstehen Sie denn genau unter Leidenschaft?

Bezogen auf die Arbeitswelt ist Leidenschaft eine starke Neigung zu einer Tätigkeit, die man liebt - und die wirklich wichtig für die Person ist. Sie ist ein wesentlicher Teil der eigenen Persönlichkeit und Identität. Deshalb investiert man viel Zeit und Energie.

Und wie lässt sich eine Balance zwischen guter Arbeit und zu viel Leidenschaft erreichen?

Es kommt darauf an, wie wichtig Ihnen Erfolg ist. Das Wichtigste für die Balance ist in jedem Fall, Spaß zu haben, seine Fähigkeiten richtig einzusetzen und weiter auszubauen.

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