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Inside Chicago

Kaltstart im Neuland – mein neuer Job in Amerika

Ist das die Zeitung der Zukunft? In den Großraumbüros der „Chicago Tribune“, wo alle in zwei mal zwei Meter großen „Cubicles“ beieinander sitzen, dient Papier nur noch dem Sichtschutz.

Chicago Tribune Quelle: REUTERS

Wie in den Staaten ein Großraumbüro ausschaut, wusste ich aus Filmen wie „Wall Street“. Ich war also gefasst auf das penetrante Klappern der Tastaturen, das Knarzen des holzverkleideten Fußbodens, und dass ich wie die NSA jedes Telefonat mithören würde. Allerdings unfreiwillig. Nicht gerechnet hatte ich damit, dass ich trotz akkustischer Störfeuer aus allen Himmelsrichtungen relativ konzentriert würde texten können.

Ich arbeite jetzt für die "Chicago Tribune", wo täglich gut 400 Redakteure an einer der größten US-Zeitungen stricken. Verstecken kann sich dabei keiner von ihnen: Die zwei mal zwei Meter großen „Cubicles“ trennen nur sehr niedrige Plastikwände. Es würde auffallen, würde ich mich vorbeugen und einem Kollegen den Bleistift klauen – nicht aber, wenn ich einen beim Videospielen beobachten würde. Was hier freilich niemand täte, eben weil jeder jedem über die Schultern schaut.

Gut zwei Meter mir vor mir sitzt Ron, ein früherer Geschichtsprofessor mit Hörgerät, der den Iran-Konflikt kommentiert. Über meine Schultern schaut Barbara, die eine Story über eine geführte Radtour geschrieben und mir empfohlen hat, dort mitzuradeln. Rechts neben mir sitzt ein junger Kollege mit Kopfhörern, dessen Namen ich vergessen habe. Er hat sich wie viele hier die Trennwände mit Postkarten vollgepinnt, bei mir herrscht dagegen blanke Tristesse. Nicht einmal Zeitungs- und Aktenberge stapeln sich auf meinem Schreibtisch – ein Trick der Kollegen, um sich etwas Sichtschutz zu verschaffen. Keiner kann mir weißmachen, dass die permamente Beobachtung niemanden stört.

"Chicago Tribune" schlitterte in die Insolvenz

Kommuniziert wird kaum im Großraum. Was nicht heißt, dass die Kollegen nicht nett und hilfsbereit wären, im Gegenteil: Ein Redakteur lädt mich sofort nach Ankunft zum Mittagessen ein, ein anderer will unbedingt mit mir Bier trinken. Die Kommentar-Redakteurin bespricht meinen ersten journalistischen Text in englischer Sprache, der Chefredakteur lädt ein zu den regelmäßigen Treffen mit Stars und Sternchen aus der Lokalpolitik. Oberflächlich wirken sie absolut nicht.

In Arbeit
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Der Stern der „Chicago Tribune“ ist über die vergangenen Jahre allerdings gesunken. Zu einer Anzeigenkrise kam im Jahr 2008 die Rezession – und die Zeitung schlitterte in die Insolvenz. Weitergereicht von Hedgefonds zu Hedgefonds, ist heute nur noch eine Regionalzeitung mit klingendem Namen übrig geblieben: Ein Blatt, das sich keine eigenen Korrespondenten mehr leistet und die internationale Berichterstattung von der Schwesterzeitung „L.A. Times“ bezieht. Ein trauriges Stück Zeitungsgeschichte.

Online indes lebt das Blatt: Die „Tribune“ hat sich zum Ziel gesetzt, jede Schießerei als erste zu vermelden. Sie wollen den Bürgern der Stadt zudem Hintergrund übers Stadtleben und die Rolle der Metropole in der Welt liefern – und das mit Niveau.

Nachgefragt wird das praktisch nur noch Online, weshalb ich morgens nach der gedruckten Ausgabe der Zeitung erst einmal gründlich suchen muss. Es scheint, dass die Papierberge zwischen den hüfthohen Büroparzellen wirklich nur dem Sicht- und Lärmschutz dienen. Ist das die Zukunft?

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