Inside Chicago

Radeln gegen Rassismus

Jeden Mittwoch fahren Chicagoer Radfahrer mit lauter Musik durch die schlimmsten Viertel der Stadt. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen soziale Ungleichheit und Rassentrennung.

WiWo-Reporter Florian Willershausen (rechts im Bild) hat am

Kaum eine Nacht vergeht in Chicago ohne Schießerei – und manchmal sterben an einem Wochenende zwei Dutzend Menschen. Meistens knallt es im Süden, den Gangs unter sich aufgeteilt haben und wo viele Bewohner schon seit langer Zeit keinen Job haben. Ich solle bloß keinen Fuß in diese Gegenden setzen, warnte mich ein Kollege der „Chicago Tribune“, der mich während meiner zwei Monate als Gast-Redakteur betreut.

Etwas mulmig ist mir schon, als ich in der Kenzie Street aus der U-Bahn steige. Ein paar Hundert Meter muss ich bis zum Marquette-Park im Bezirk Chicago Lawn laufen, es dämmert allmählich. „Wir rufen die Polizei“, steht auf Schildern, die jemand an jedes seiner Fenster geklebt hat.

Die wenigen Menschen, die an diesem Abend auf der Straße sind, tragen weder Schlips noch Kragen wie die Mittelschicht im Zentrum, wo ich wohne und arbeite. Hier leben viele Spanisch-stämmige Einwanderer, weiter südlich eher Afro-Amerikaner. Ist es wirklich eine gute Idee, mit dem Rad durch ein Problemviertel zu fahren?

Die Fahrradtour soll ein Zeichen gegen Gewalt und Ausgrenzung in Brennpunkten der Stadt setzen. Quelle: Florian Willershausen

Im Park warten sie schon auf den Deutschen. Oboi, der Organisator von „Slow Roll Chicago“, hat mir ein Rennrad besorgt, das verdammt teuer aussieht. Wäre es meines, würde ich damit nicht einmal durch Berlin-Neukölln fahren. Aber sitze nicht als einziger auf einem teuren Drahtesel. Gut 30 Hobby-Radfahrer sind diesmal dabei, um rund um den Park durch das Viertel zu kurven – jede Woche ist ein anderer Brennpunkt dran.

Oboi koppelt sein Handy über Bluetooth mit dem Lautsprecher auf seinem Fahrrad-Anhänger, Rap-Musik dröhnt von jetzt an durch die Straßen. „Let’s go“, sagt er, „slow roll!“

Die gefährlichsten Städte der Welt
Ein Verletzter Mann in Barquisimeto Quelle: REUTERS
Handelskammer in Joao Pessoa Quelle: imago
Ein Polizist in Guatemala-Stadt Quelle: AP
Ausschreitungen zwischen der Polizei und Demonstranten in Fortaleza Quelle: dpa
Hände halten die Flagge von Honduras in die Höhe Quelle: REUTERS
Polizeibeamte Quelle: dpa Picture-Alliance
Ein Soldat der kolumbianischen Armee steht vor einer kolumbianischen Flagge Quelle: dpa

Chicago ist eine Stadt mit Grenzen. Im Süden und im Westen leben die sozial Benachteiligten, meist dunkelhäutig und ohne Job. Im Norden lebt die Mittelschicht, meist weiß und mit gut bezahlten Jobs in den Wolkenkratzern von „Downtown“. Die eine Hälfte der Stadt boomt, die andere leidet unter den Folgen der Globalisierung, seit in den Achtzigerjahren die meisten Fabrikanten abgewandert sind und ein Heer aus Arbeitslosen zurückgelassen haben. Infolge der Perspektivlosigkeit schließen sich einige Straßengangs an – und die besorgen ihren Leute mit Überfällen und Drogenhandel ein Auskommen. Wenn sie sich nicht gerade gegenseitig erschießen.

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