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Jobwechsel „Man kann nicht beides haben: bleiben und gehen“

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„Für eine gute Entscheidung brauche ich nicht nur rationale Gründe“

Weil sie als Bedrohung erlebt werden?
Hier kommt das ins Spiel, was man Trennungsangst nennt: Ich muss mich von der mir vertrauten Lebensform verabschieden. Ich muss Ernst machen, während ich mich vorher noch meinen Tagträumen hingeben konnte: „Wie schön wäre es, wenn…“ Das, was ich habe, meine Arbeitsstelle, die Kollegen, der übellaunige Chef, das kommt mir zwar abgeschmackt vor, aber in der konkreten Situation der Entscheidung stellt sich heraus: Nun ja, ich hänge eben doch noch mehr an meinem Job, als ich zugegeben habe. Da tauchen Gefühle auf, die vorher so noch nicht spürbar waren: Angst vor Veränderung, vor Überforderung.

Gibt es Menschen, die sich generell überfordert fühlen von solchen Entscheidungssituationen?
Ja. Das sind Menschen, die vor Entscheidungen zurückschrecken, weil sie die damit verbundene Verantwortung und das damit verbundene Risiko meiden. Weil sie sich den Konsequenzen einer Entscheidung nicht gewachsen fühlen. Weil ihnen überhaupt ihre Freiheit Angst macht, die sie am liebsten wieder loswerden wollen. Lieber verstehen sie sich als Spielbälle äußerer Umstände, nur um diesem „Verdammt-Sein zur Freiheit“ aus dem Weg zu gehen, wie es Sartre einmal nannte.

Geht das ins Pathologische?
Unter Umständen ja, bei zwanghaften, perfektionistischen Menschen, die sich in Entscheidungssituationen verheddern und die Angst vor der Freiheit durch Rituale bekämpfen, in denen sie geradezu ersticken. Sie brauchen das Gefühl der Sicherheit, der Vertrautheit, der Berechenbarkeit und tun alles, damit das Leben sie nicht überraschen kann.

Gehört auch der chronische Aufschieber zu dieser Spezies?
Nicht unbedingt, Aufschieber sind eher selten zwanghaft. Aber grundsätzlich gilt: Jedes Aufschieben schwächt mich in der Fähigkeit, eine Handlung entschlossen zu dem Zeitpunkt durchzuführen, wo sie eigentlich durchgeführt werden muss. Das ist im Alltag zunächst nicht weiter schlimm. Aber je öfter ich etwas aufschiebe, desto schwieriger wird es zu sagen: So, das muss jetzt gemacht werden, und es wird dann auch gemacht. Die Prokrastination oder „Aufschieberitis“ ist freilich etwas anderes als der Handlungsaufschub, der einer Entscheidung vorausgeht.

Was geschieht bei diesem Aufschub?
In diesem vorübergehenden Aufschub liegt gerade der Spielraum der Freiheit, und hier spielt die Imagination eine große Rolle. Also die Möglichkeit, sich verschiedene Optionen vorzustellen und sie vor der Entscheidung durchzuspielen. Der Psychologe Hans Thomae spricht in diesem Zusammenhang von „Vorahmung“: Ich bewege mich seelisch und auch im körperlichen Erleben in eine Handlungsmöglichkeit hinein, zum Beispiel in einen Jobwechsel, und spüre voraus, wie das sein wird.

Auch Bauchgefühle sind dabei wichtig?
Ja. Aus den Forschungen des portugiesischen Neurologen António Damásio wissen wir, dass es beim Voraus-Empfinden und Voraus-Spüren von Entscheidungen darauf ankommt, auch auf die körperlichen Begleitgefühle zu achten. Rein kognitiv-rationale Prozesse, etwa die Frage „Was ist mein objektiver Vorteil?“ können unter Umständen sogar im Weg stehen, wenn es darum geht herauszufinden, was wirklich zu mir passt. Für eine gute Entscheidung brauche ich nicht nur rationale Gründe, sondern auch gespürte Motive, Tendenzen, Wünsche, Gefühle. Je besser sie wahrgenommen werden, desto integrativer und erfolgreicher wird der Entscheidungsprozess ablaufen. Der schließt dann freilich auch Überlegungen ein.

Man muss körperlich-seelisch-kognitiv spüren, ob einem wohl ist bei einer Entscheidung?
Richtig. Und wenn dieses Kongruenzempfinden, wie ich es nenne, sich einstellt, wenn also Kopf, Herz und Bauch übereinstimmen und ich merke, wie sich das verdichtet bei einer meiner Optionen, dann stellt sich ein warmes, stimmiges Gefühl ein, dann bin ich auf dem richtigen Weg. Trotzdem, auch dann muss ich an einem Punkt sagen: Jetzt ist es gut, jetzt kommt der eigentliche Entschluss. Und der ist eben letztlich der Willensentschluss: So. Das mache ich mir zu eigen. Damit identifiziere ich mich jetzt.

Warum ist das so bedeutsam?
Weil aus dieser Entschlossenheit wichtige Energien für die eigentliche Verwirklichung der Entscheidung freiwerden. Natürlich: Je besser diese Entscheidung zu meinen Motiven, meinen Gefühlen und Empfindungen passt, desto leichter wird es mir fallen, sie umzusetzen. Aber es ist nun mal bei den meisten Entscheidungen immer so, dass sie auch auf Einwände treffen, auf innere und äußere Widerstände. Man merkt: Naja, so ganz einfach ist es doch nicht. Und dann, bei solchen Widerständen, spielt die Entschlusskraft, die sogenannte Willensstärke, eben doch eine maßgebliche Rolle.

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