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Jürgen Höller „Ich bin froh, dass ich im Knast war“

Motivationstrainer Jürgen Höller im Interview Quelle: imago images

Motivationstrainer Jürgen Höller erklärt, warum er seine Seminarteilnehmer über heiße Kohlen laufen lässt und warum das Geschäft der Coaches blüht wie lange nicht mehr.

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Für die einen ist Jürgen Höller ein Superstar, der mit seinem Motivationsseminaren ihr Leben verändert hat. Für die anderen ist der Coach ein Scharlatan, der mit den Hoffnungen der Menschen spielt. Fest steht: Der heute 55-Jährige baute in den Neunzigerjahren den Weiterbildungskonzern Inline auf, beriet Konzerne wie die Deutsche Telekom und war der erste Mentaltrainer in der Fußball-Bundesliga. Doch dann kam der Absturz. Inline ging pleite. Höller wurde 2003 wegen Untreue und vorsätzlichen Bankrotts zu drei Jahren Haft verurteilt. Heute ist er zurück im Geschäft und füllt erneut die Hallen mit seinen Fans.

WirtschaftsWoche: Herr Höller, wie wichtig ist Motivation, um erfolgreich zu sein?
Jürgen Höller: Motivation ist die Grundlage von allem. Wer nicht motiviert ist, kommt nicht in Bewegung.  Und das ist heute ein noch größeres Problem als früher.

Warum?
Weil die Welt immer komplexer wird und immer neue Anforderungen stellt. Wer bestehen will, muss Entscheidungen treffen und sein Leben selbst in die Hand nehmen.

Motivation ist also die Grundlage von allem. Welchen Anteil haben Bildung und Intelligenz?
Sehen Sie, ich habe 1,7 Millionen Menschen geschult, manch einer nennt mich Dinosaurier, andere eine Legende. In dieser Zeit habe ich viele Menschen kennengelernt, die vielleicht keine große Bildung hatten, keinen überragenden IQ – und die trotzdem wahnsinnig erfolgreich sind. Viel wichtiger als die Allgemeinbildung ist die Persönlichkeit.

Eine gewisse Intelligenz schadet aber doch nicht.
Nein, aber es ist eben nicht so, dass das größte Genie auch den größten Erfolg hat. Am Anfang einer Karriere macht die fachliche Kompetenz 85 Prozent am Erfolg aus und die Persönlichkeit 15 Prozent. Im Laufe der Karriere dreht sich das Verhältnis um. Wer Mitarbeiter führt, braucht weniger Fachwissen, dafür umso mehr Persönlichkeit.

Bei Ihren Seminaren lassen Sie die Teilnehmer über heiße Kohlen laufen oder sich gegenseitig anbrüllen, dass sie die Besten seien. Was soll das bringen?
Das wird oft belächelt, aber es ist eine Metapher. Sie zeigt den Menschen, dass sie häufig Dinge nicht machen, weil sie Angst haben. Wer vor dem Feuer steht, denkt vielleicht schon, dass seine Augenbraue angesengt wird und läuft trotzdem drüber: Das ist eine Referenzerfahrung. Und wenn der Teilnehmer das nächste Mal vor einer großen Herausforderung steht, erinnert er sich an das Feuer und tut es einfach. 

Und das Brüllen?
Es geht nicht ums Brüllen, sondern darum, dass sich jeder Teilnehmer bestimmte Suggestionen als Formel immer wieder mit Emotion selber sagt. Das ist eine höchstseriöse Wissenschaft. Die positive Kraft der Autosuggestion kennt man schon seit mehr als 3000 Jahren. Sie sagen sich immer wieder etwas Positives. Das verinnerlichen Sie dann so sehr, dass es zu besseren Ergebnissen führt.  

Und das soll helfen?
Natürlich. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Vor 18 Jahren stand ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere. Ich habe die Olympiahalle in München gefüllt und am nächsten Tag die Dortmund-Arena. Ich war in jeder Talkshow zu Gast. Als ich dann auch noch Mentaltrainer von Bayer Leverkusen wurde und ihnen zum Erfolg verhalf, ging der Hype so richtig los. Ich wollte mein Weiterbildungsunternehmen für 550 Millionen D-Mark an die Börse bringen. Ich bin völlig abgehoben und scheiterte.

Sie wurden wegen Untreue und vorsätzlichem Bankrott zu drei Jahren Haft verurteilt.
Genau. Und ich bin froh, dass ich im Knast war. Dort konnte ich mich prüfen, habe meine Techniken angewandt und gesehen, wie sie mir aus dieser Krise geholfen haben. Jetzt kann ich sagen: Schaut her, ich habe es wieder geschafft. Und ihr könnt das auch schaffen.

Solche Glaubenssätze von Coaches verfangen heute mehr denn je. Warum?
Uns geht es wirtschaftlich so gut, dass die meisten keine existentiellen Sorgen haben. Deshalb streben wir nach Optimierung. Wir wollen in jedem Bereich perfekt sein: im Beruf, aber auch in der Partnerschaft und als Eltern. Zusätzlich wollen wir uns noch gesund ernähren und den Körper stählen. Das überfordert die Menschen. 

Müssten Coaches dann nicht eher helfen, diesen Druck abzubauen statt die Selbstoptimierung voranzutreiben?
Nein, der Druck muss nur richtig kanalisiert und in positive Handlungsenergie umgewandelt werden. Die Menschen müssen sich bewegen, sonst sind sie unzufrieden. Mit der richtigen Einstellung lässt sich die Energie eines Menschen vervielfachen. Genau da setze ich an.

Und werden dafür von Ihren Fans gefeiert. Warum sind Coaches – wie Sie – die neuen Popstars?
Früher haben Menschen Fußballer verehrt, heute sind es Coaches. Sie schauen immer zu denjenigen auf, die ihnen etwas voraushaben. Mein Rat ist es dennoch, sich immer mehrere Vorbilder zu suchen. Ich mag die Nummer eins in meinem Bereich sein, aber es gibt auch Sachen, die ich nicht kann.

Wer sind Ihre Vorbilder?
Muhammad Ali, Nelson Mandela, Arnold Schwarzenegger – der übrigens auch schon bei einem meiner Seminare zu Gast war. Und Steve Jobs und Jesus Christus.

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