WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Karriereleiter
Eine Rede halten: Tipps für die perfekte Rede Quelle: Fotolia

Die perfekte Rede: Sprechen Sie frei und vergessen Sie Perfektion

Was die „perfekte“ Rede ist, hängt davon ab, worauf es uns bei der jeweiligen Rede vor anderen ankommt. Es gibt aber ein paar Regeln, die universell gelten, um beim Auftritt erfolgreich zu sein.

Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Berater für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung.

„Und es wäre schön, wenn du die für uns halten könntest.“

Beim Gedanken an Ihre nächste Rede geht den meisten ja der Puls leicht hoch. Bei einigen tatsächlich vor lauter Vorfreude, bei vielen aber wegen der quälenden Bedenken: Hoffentlich blamiere ich mich nicht! Wie komme ich am besten rüber? Viele retten sich dann am Ende hinters Rednerpult, biegen kurz das Mikrofon zurecht und lesen das Manuskript ab. Sicher ist sicher. Doch damit bleiben sie dramatisch hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Fangen wir einfach mal ganz von vorne an und fragen uns in aller Bescheidenheit: Welche Tipps muss ich beherzigen, um die perfekte Rede zu halten?

Die Frage hat es in sich. Denn auf der einen Seite wäre es der WirtschaftsWoche nicht würdig zu fragen: „Wie halte ich eine zumindest halbwegs akzeptable Rede?“ Andererseits: Die einheitliche Anleitung für eine perfekte Rede kann es nicht geben.

Die perfekte Rede gibt es allerdings schon. Dafür hängt es alleine davon ab, was Sie mit Ihrer Rede auslösen wollen. Wenn Sie Ihr Ziel schließlich erreichen, hat die Rede ihren Zweck erfüllt und war so gesehen perfekt. So wie ein 50-Euro-Handy das perfekte Handy ist - für jemanden, der sagt: Ich will einfach nur unterwegs erreichbar sein.

Und damit sind wir schon bei:

Tipp 1: Machen Sie sich Ihr Ziel klar: Sie wollen überzeugen!

Nichts ist wichtiger, als sich eingangs zum Ziel ausführlich Gedanken zu machen. Und hier gibt es tatsächlich eine einheitlich gültige Antwort. Was Sie immer wollen, ist: überzeugen. Vergessen Sie das nie. Egal, ob Sie als Vorstand vor Aktionären reden, als Brautvater auf der Hochzeit der eigenen Tochter, als Abteilungsleiterin auf der Weihnachtsfeier von den Mitarbeitern oder als Keynote-Redner auf einem Kongress. Sie wollen, dass die Menschen am Ende zu Ihnen sagen:

„Ich glaube Ihnen.“

„Ich geben Ihnen Recht.“

„Du hast mich überzeugt.“

Überzeugen. Das gilt immer. Die Frage ist nur: wovon? Und jetzt wird es spannend. Denn oft nehmen Redner mehrere Ziele mit auf die Bühne, und sind sich dessen gar nicht bewusst.

Stellen Sie sich vor, Sie sind die neue Abteilungsleiterin und halten Ihre große Begrüßungsrede vor versammelter Belegschaft. Rund dreihundert neugierige Augenpaare nehmen Sie ins Visier. Was wollen Sie mit Ihrer Rede erreichen? Vielleicht würde die neue Leiterin sagen: „Ganz klar! Die Belegschaft mitreißen: Jetzt starten wir neu durch.“

Aber dann trägt sie ein diffuses, nicht zu Ende überlegtes zweites Ziel mit sich herum: Die Leute sollen merken: Ich bin eine umgängliche, nahbare, humorvolle Chefin, der man sich anvertrauen und die auch auf den Tisch hauen kann.

Beide Ziele sind respektabel. Auch in Kombination. Aber es ist wichtig, sich beide Ziele klar vor Augen zu halten. Keine falsche Bescheidenheit. Sie wollen vom Publikum geliebt werden? Respektiert werden? Sie wollen es provozieren? Zur Diskussion anstacheln?

Machen Sie sich klar, was Sie alles erreichen wollen. Dann können Sie an Ihren Zielen entlang Ihre Rede perfekt planen.

Lassen Sie weg, was nicht Ihrem Ziel dient

Tipp 2: „Kill your darlings“. Lassen Sie weg, was nicht Ihrem Ziel dient.

Ich bin selbst nicht erst einmal der Versuchung erlegen, Dinge in meine Rede oder Moderation einzubauen, die ich einfach klasse fand, obwohl sie nicht exakt zum Ziel gepasst haben. Ein Wortspiel, dass das Publikum zwar amüsierte, aber auch von meinem ernsten Anliegen ablenkte. Eine Provokation zum Thema Fleischkonsum, die mich zwar als selbstbewusst, aber wenig einfühlsam erschienen ließ, wo Letzteres eigentlich überzeugender gewesen wäre.

Wer etwa bei einer persönlichen Vorstellung vor Publikum offen und ehrlich Dinge aus seinem Leben aufzählt, auf die er selbst zufrieden und glücklich zurückblickt, läuft Gefahr, dass er damit das Publikum verprellt, etwa wenn die Leute mit diesen Erlebnissen oder Erfolgen nicht mithalten können. Fragen Sie sich immer: Wie profitieren Sie mit Ihrem Anliegen davon, dass das Publikum jetzt diese Fakten zu hören bekommt?

Die Rednerin, die kühl analysierend auftritt, kann sich selbst im Weg stehen, wenn sie eigentlich die Herzen des Publikums erreichen will, der quietschfidele Witzbold auch, wenn es eigentlich darum geht, als trockener Experte seriöse Zahlen und Fakten abzuliefern.

Verabschieden Sie sich von persönlichen Bemerkungen, Anekdoten, Pointen, die für sich genommen beeindruckend sind und die Stimmung auflockern könnten, wenn Sie nicht fest davon überzeugt sind, dass Sie damit Ihr Ziel besser erreichen. Denken Sie sich andere fesselnde Elemente aus.

Für mich ist es da ein sehr befreiender Gedanke, mir klarzumachen, dass das Publikum ja nicht vermissen wird, was ich ursprünglich mal vorhatte. Dies erleichtert die Vorbereitung nach dem Motto „kill your darlings“. Tolle Ideen, in die man selbst ganz verliebt ist, gnadenlos über Bord werfen, wenn sie nicht perfekt zur Zielsetzung passen.

Wie gesagt: Es geht nicht darum, dass Sie alles Wichtige erzählen, was Sie so so so gerne mal loswerden wollen, sondern nur das, was die anderen von Ihrem Anliegen überzeugt.

Tipp 3: Reden Sie frei. Oder zumindest so frei wie möglich.

Bei der freien Rede geht es nicht darum zu zeigen: Guckt mal, wie toll ich mir alles merken kann. Wer frei redet, redet in aller Regel überzeugender. Denn wer seine Formulierungen beim Reden entwickelt, redet eher so, dass es dem Zuhörer direkt ins Blut geht.

Etwas Erfahrung – und damit Lockerheit – vorausgesetzt, können Sie bei der freien Rede sogar irgendwann intuitiv auf die Stimmung im Publikum reagieren. Sie spüren, ob Ihre Zuhörer nervös auf ihren Stühlen umher rutschen oder tuscheln, gelangweilt in die Gegend starren, oder Ihnen zart nickend an den Lippen hängen. Und können so nach Gefühl abkürzen, Schwerpunkte setzen oder sogar spontan auf Zwischenrufe reagieren.

Seien wir ehrlich: Es gibt wohl keinen, der nicht frei reden würde, wenn er wüsste, dass er es kann. Deshalb lohnt es sich, sich einfach mal heranzutasten.

Schlagworte und eine sensationell kurze Liste

Wenn Sie bislang am liebsten eng am ausformulierten Manuskript vorgetragen haben (sicher ist sicher) und sich gerne endlich von Pult und Zetteln lösen wollen: Schreiben Sie sich im ersten Schritt zusätzlich zum ausformulierten Manuskript als zweites Dokument eine Kladde, auf der Sie die Sätze durch Schlagworte ersetzen. „Guten Tag, liebe Gäste, ich freue mich sehr, dass…“ wird zum Beispiel zum Schlagwort „Begrüßung“. So verhindern Sie, dass Sie Ihrem Publikum vorlesen. Stattdessen werden Ihre Gedanken frei formulieren.

Und dann die Königsdisziplin: Machen Sie sich als drittes Dokument eine Liste allein mit den wichtigen Aspekten Ihrer Rede. Diese Liste wird sensationell kurz.

Nehmen wir an, Sie reden vierzig Minuten und jeder Aspekt Ihrer Rede nimmt in etwa vier bis fünf Minuten in Anspruch, dann notieren Sie allein diese acht bis zehn Aspekte auf einer einzigen Moderationskarte, etwa:

1. Einstiegs-Anekdote: meine Jobzusage per Telefon am Strand auf Sylt

2. Worauf ich mich freue: Firma, Produkte, Team (Beliebtheitsstudie!)

3. Nächste Schritte: Prozesse überprüfen (Bsp.) & optimieren (Workshops)

Und so weiter. Dann üben Sie Ihre Rede zuhause zunächst am Stichwort-Manuskript. Und wenn Sie sich sicher genug fühlen, legen Sie auch das beiseite und wagen Sie einen weiteren Durchgang allein mit der einen Moderationskarte in Ihrer Hand vor dem Spiegel oder beim Auf- und Abgehen im Wohnzimmer oder Büro.

Merken Sie sich: Welche Aspekte sitzen schon perfekt? Die anderen üben Sie weiter, ohne aber ganze Absätze auswendig zu lernen.

Faustformel: Gedankenstränge, die Sie partout nicht aus dem Kopf formulieren können, ohne detailliert abzulesen, sind wahrscheinlich so kompliziert gedacht, dass das Publikum es ohnehin nicht in der Kürze der Zeit verinnerlichen wird.

Sollten Sie sich noch am Tag vor der Rede bei einigen Aspekten unsicher fühlen: Nehmen Sie bei Ihrem Auftritt für genau diese Aspekte die entsprechenden Seiten aus dem Stichwort-Manuskript zur Hand (aber erst, wenn Sie zum entsprechenden Aspekt kommen), für die „sicheren“ Aspekte reicht ja die Moderationskarte. Und für den Fall, dass Sie für alle unvorhergesehenen Blackouts und verlorene Fäden gerüstet sein wollen, legen Sie irgendwo an sicherer Stelle das ausformulierte Manuskript parat („Da kommt es mir auf die Details an, das muss ich jetzt genau ablesen.“). Das macht Sie dann so sicher, dass Sie es wahrscheinlich gar nicht brauchen werden.

Denn solange Sie in Ihrer freien Rede schlüssig einen Gedanken mit dem nächsten verbinden, gilt auch hier wieder: Selbst wenn Sie ganze Aspekte vergessen – das Publikum wird nichts vermissen, solange es Ihnen folgen kann. Das Schlimmste, was Ihnen passieren kann, ist, dass Sie früher fertig sind.

Wenn das Publikum aber das am Ende moniert, ist das das größte Kompliment, das man Ihnen nach Ihrer Rede machen kann.

Auf dass Ihnen vor Ihrer nächsten Rede der Puls vor lauter Vorfreude steigt.

Dem Autor auf Twitter folgen:



Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%