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Karriereleiter
Auch wenn die Englischkenntnisse nicht perfekt sind, sollte man sich nicht scheuen zu sprechen Quelle: imago images

Englisch im Job: Reden Sie Bullshit, aber reden Sie!

Aus lauter Angst vor Fehlern werden viele Deutsche plötzlich ganz wortkarg, wenn es in Geschäftsgesprächen auf Englisch weitergeht. Warum? Gönnen Sie sich ruhig Spaß an Ihrer ganz eigenen Englisch-Version!

Souverän eine Fremdsprache sprechen. Dazu gehört vor allem eines: Selbstvertrauen. Gucken Sie sich auf YouTube an, wie der deutsche EU-Haushalts-Kommissar Günther Oettinger auf Englisch Reden hält und diskutiert. Man braucht ein paar Sekunden, um zu erkennen, welcher Sprache er sich gerade bedient. Und auch danach ist es einem als Zuhörer kaum möglich, seinen ganz eigenen Oettinger-Akzent auszublenden. Er kriegt den fest in seinem Sprachzentrum verzurrten schwäbischen Dialekt einfach nicht untergebuttert. Aber trotzdem. Er traut sich, Englisch zu sprechen. Und verschafft sich so Gehör in aller Welt.

Und das als Schwabe! Ich betone das deshalb, weil ich selber auch in Baden-Württemberg Abitur gemacht habe. Und ich erinnere mich noch gut daran, wie noch in den 90er-Jahren beim Englischsprechen im Leistungskurs vor allem eins im Vordergrund stand: akzentfreies fehlerfreies Konstruieren von einem Satz nach dem anderen. Es ging weniger darum, WAS wir sagten. Es kam darauf an, ob wir es richtig sagten. Und wahrscheinlich waren wir Schüler aus Baden-Württemberg in diesem Punkt nicht allein.

Und so sind in Deutschland mehrere Generationen herangewachsen, die heute beim Englisch-Sprechen mit pochendem Hals jeden spontanen Gedanken grammatikalisch durchprüfen, wie etwa:
Reicht das Ereignis aus der Vergangenheit noch in die Gegenwart hinein? Dann muss ich die Zeitform Present Perfect nutzen, sonst blamiere ich mich.

Dabei vergisst man schnell, was man eigentlich sagen wollte. Doch gerade das lockere Unverkrampfte macht uns doch zu herzlichen Geschäftspartnern, mit denen man international gerne zusammenarbeitet. Wenn Sie den Konferenztisch verlassen und die anderen ihre Köpfe beratend zusammenstecken, dann heißt es idealweise nicht: Top Grammatik, tolle Aussprache. Sondern: Total nett. Ich denke, denen können wir vertrauen.

Unsere deutsche Schulbildung hat vielen von uns aber schlicht die Freude am spontan drauf los gequasselten Englisch verdorben. Weil wir es machen wollen wie die Briten.

In unseren Schulbüchern haben wir obendrein denn auch noch die ganzen Zeit die typische englische Familie mit Hund und Katze vor Augen geführt bekommen, haben gelernt über Teatime und den Piccadilly Circus. Und so wollten wir vor allem denen auf der Insel gefallen, wenn wir uns schon erlaubten, ihre Muttersprache zu leihen. Kein Wunder, dass wir dann jeden einzelnen Begriff aus Shakespeares Werken pauken mussten und Wörter aus Brave New World lernten wie Milchdrüse (Für die, die es interessiert: mammary gland).

Aber wie sagt man eigentlich: Bedient euch einfach selber, Leute. Schön, dass ihr vorbei gekommen seit. Alles gut. Ich bringe euch nachher wieder zur Tür.

Bedient euch, Leute. - Help yourself, guys.

vorbei kommen - to drop by

Ich bringe euch zur Tür - I walk you out

All dies habe ich erst auf Reisen gelernt, durch lange Gespräche mit Freunden in Berlin (wo man teilweise mit Deutsch nicht mehr weit kommt) und nicht zu verachten: durch Netflix.

Das Gute ist: Wenn man im Beruf viel mit Leuten auf Englisch spricht, dann wird einem ganz erleichternd klar: In vielen Branchen sind die Wenigsten Muttersprachler.

Und auch die werden sich damit abfinden: Die Kontrolle über ihr originales britisches Englisch (das Amerikaner und Australier ebenfalls nur von den Briten abgekupfert haben) ist ihnen längst aus den Händen geglitten. Und während die Briten sich von der EU abwenden, können sie uns eins definitiv nicht mehr nehmen: die englische Sprache. Die gehört in einer globalisierten Wirtschaftswelt uns allen.

Beim Englischen als Weltsprache gibt es immer häufiger nicht mehr das eine Richtige. Das liegt daran, dass es von vielen Menschen gesprochen wird, denen es deutlich weniger wichtig ist als uns, „perfekt“ zu sprechen.

Von denen sollten wir uns eine Scheibe abschneiden. We should cut off a slice of these people (Sagt der Brite in diesem Zusammenhang so nicht. Aber würde jedermann sicher verstehen). Denn es geht darum, was wir sagen. Wenn wir den Mund nicht aufkriegen, weil die Angst vor Fehlern uns hemmt, vergeben wir die Chance, unsere Botschaft rüber zu bringen. Lieber Gutes holprig sagen, als gar nicht.

Im Nebensatz mit if darf kein would stehen? Wen interessiert das noch wirklich? Ich habe jüngst einen amerikanischen Kollegen gefragt, warum selbst einige seiner Landsleute sich im Alltags-Blabla nicht an diese Regel halten. Er war sich dieser Regel gar nicht bewusst.

Wir können uns also entspannen. Denken wir an das Günther-Oettinger-Prinzip und reden wir drauf los. Jüngst habe ich scherzhaft auf gröbsten Denglisch gesagt: „Pull yourself together now“. Bis ich erfuhr: Die Redewendung gibt es im Englischen wirklich.

Und wenn Sie Chinesen oder Franzosen zu deren Motivation mit auf den Weg geben: „Hold the ears stiff, guys“ - woher sollen die wissen, dass das direkt aus dem Deutschen kommt? Es könnte schließlich auch eine sehr elegante seltene Redewendung sein, die erst nach Jahren Auslandserfahrung in den aktiven Wortschatz rüber wandert.

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