Karriereleiter
Kennen Sie das auch aus dem Job? Dann könnte es Zeit sein für eine Nachjustierung Ihrer Karriere. Quelle: imago images

Nutzen Sie Ihren „Was mache ich hier eigentlich?“-Frust

Die meisten haben sich bei der Arbeit schon mal gefragt: „Was um Himmels Willen tue ich hier eigentlich?!“ Diese spontane Verzweiflung kann ein wichtiges Signal dafür sein, über eine berufliche Veränderung nachzudenken. Eine Kolumne.

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Wir stellen uns ja im Leben oft die Frage, ob wir in der Vergangenheit die Weichen richtig gestellt haben und ob wir gerade auf dem richtigen Gleis unterwegs sind, um im Bild zu bleiben. Viele lassen sich beraten oder coachen, um dahinter zu kommen, ob ein radikaler Kurswechsel dafür geeignet wäre, zu mehr Zufriedenheit zu gelangen.

Aber um erst einmal auf die Idee zu kommen, intensiv über neue Wege nachzudenken, muss der Leidensdruck entsprechend hoch sein. Regelrecht schade wäre so gesehen eine latente Unzufriedenheit, die über Jahre vor sich hin wabert, aber nicht bedrückend genug ist, als dass wir die Energie aufbringen würden, jetzt endlich zu sagen: „Es reicht. Ich muss mich neu orientieren. Basta!“

Sei es beruflich oder in der Partnerschaft oder in Sachen Ernährung, Sport, Ehrenamt oder in etwas ganz anderem. Ein inneres Signal könnte uns hier aufrütteln, wenn wir es uns bloß nicht aus dem Kopf schlagen würden. Die Frage: „Was mache ich hier eigentlich?“

Ich habe mich dieser Tage in Vorbereitung auf diesen Text einmal im Freundeskreis umgehört: „Kennt ihr das? Diese Momente im Leben, in denen wir uns fühlen, wie in eine Lage hineinmanövriert, in der wir uns wie selbstverständlich wiederfinden, uns förmlich von außen selbst betrachten und uns wie vor den Kopf geschlagen selber fragen: Was mache ich hier eigentlich?“

Alle kannten diese Momente, einigen fielen sogar ganz konkrete Erlebnisse ein: einige private Situationen wie völlig missratene Dates und albtraumhafte Volkshochschulkurse, aber auch berufliche Momente. Es geht dabei nicht um Momente, in denen man auf einer langweiligen Party ist und sich entscheidet, lieber wieder nach Hause zu gehen – sondern die gesamte Lebenssituation an sich. Kennen Sie das auch aus dem Job? Dann könnte es Zeit sein für eine Nachjustierung Ihrer Karriere.

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Ein Kollege erzählte mir, er sei über Jahre hinweg jeden Morgen und jeden Abend zusammen über zwei Stunden zur Arbeit gependelt. Im Regionalexpress. Im Winter in dicker Jacke, die das Kondenswasser vom Zugfenster aufsaugte, im Sommer in sengender Hitze. Diese zwei Stunden jeden Tag, zehn Stunden pro Woche, 40 Stunden pro Monat. 40 Stunden! Eine ganze Arbeitswoche jeden Monat. An Arbeiten am Laptop war bei dem Gedränge nicht zu denken gewesen. Und so starrte er irgendwann aus dem beschlagenen Fenster raus auf Gleise und Masten und dachte sich traurig: „Was mache ich hier eigentlich?“ Er erzählt, er habe diesen Moment dann nach Feierabend daheim beim Abendbrot besprochen. Und am Ende lag offen da: Er war offensichtlich nicht mehr bereit, einen solche Menge an Lebenszeit wegzuwerfen.

Es gab also nur zwei Lösungen. Entweder ein Umzug oder der Jobwechsel. Am Ende hatte er den Job gewechselt – und weil das Unternehmen in einer anderen Stadt angesiedelt war, stand obendrein ein Umzug an. Heute fährt er mit dem Fahrrad zur Arbeit.

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Ich selbst habe einmal die Reißleine gezogen nach eben genau einem solchen Erlebnis. Okay, ich gebe zu: Es waren mehrere Erlebnisse im Wochenabstand. Ich war Redakteur und an Fernsehproduktionen beteiligt, die sich nur dann realisieren ließen, wenn Werbekunden Budget zuschossen. Und so saßen wir Woche für Woche in großer Runde zusammen und überlegten nicht, wie wir gutes Programm für die Zuschauer machen konnten, sondern wie wir den Werbekunden ein gutes inhaltliches Umfeld schaffen konnten. Stundenlang.

Listen mit Kunden wurden abgearbeitet mit der immer gleichen Frage: „Wie kommen wir an deren Budget?“. Das ist bei einem durch Werbung finanzierten Programm ein absolut redlicher Weg. Aber ich persönlich wollte doch eigentlich Inhalte für das Publikum schaffen. Stattdessen saß ich da in Schwaden von Zigarettenrauch (so etwas war damals, in den Nullerjahren, selbst in Anwesenheit von Schwangeren noch Usus) und hörte mir an, was die Werbekunden gerne an Produkten, Themen und Aktionen in unseren Produktionen sehen wollten. Das Wort „Zuschauer“ kam nicht vor.

Ich machte mir gelangweilt Notizen wie: „LGBLDKSVG“. Das war eine Abkürzung für: „Lieber Gott, bitte lass diese Konferenz schnell vorbei gehen.“ Eine andere Abkürzung war: „WMIHE?“ – „Was mache ich hier eigentlich?“ Dieses überwältigende Gefühl von Hilflosigkeit, mich in einer Situation wiederzufinden, die rundum allem entgegenstand, was mir wichtig war, war zutiefst frustrierend. Weil es sich anfühlte wie ein unabänderliches Schicksal, oder zumindest wie ein Irrweg, den ich höchstselbst eingeschlagen habe, so dass mir am Ende nichts anderes blieb, als mich selbst zu fragen, wie ich mir das alles zumuten konnte. Ich fühlte mich wie ein Opfer. Von wem oder was auch immer.

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Diese zwei Stunden pro Woche, über Monate der Verzweiflung im Tabakmief, in denen ich meine geheimen Abkürzungen zu Papier gebracht hatte, gehören zu den Tiefpunkten meiner beruflichen Karriere. Und jetzt kommt's. Sie waren meine Inspiration. Mein Weckruf. Meine Rettung. Denn die allumfassende Verzweiflung in genau diesen Momenten, in diesen zwei Stunden pro Woche war so belastend, dass ich mir trotz der übrigen Arbeitszeit, die ich ohne Frust hinter mich brachte, meine Gedanken machte: Wenn ich mich in diesen Momenten, die den Kern der Arbeit betreffen, frage: „Was mache ich hier eigentlich?“, bin ich hier dann richtig?

Und am Ende hieß die Antwort: Nein. Ich habe diesen Job danach verlassen. Ohne Groll, aber zufrieden darüber, rechtzeitig das eigene Warnsignal erkannt zu haben.

Was machen Sie aus Ihren „WMIHE“-Momenten? Ich weiß, dass viele diesen Frust vor allem montags spüren, wenn sie nach einem Wochenende die Unzufriedenheit im Kontrast zu den unbedarft fröhlichen Samstagen und Sonntagen erleben. Drücken Sie dieses Gefühl als Typisch-Montag-Moment weg, oder empfinden Sie diese Augenblicke als Warnung von sich selbst an Sie?

Mein Tipp: Überprüfen Sie Ihre Lage nach dem Prinzip von: Love it, change it or leave it.

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Love it! Viele Dinge regen uns auf und vermiesen uns den Joballtag, weil wir vergessen haben, dass andere Dinge die Arbeit umso lebenswerter machen. Beispiel: Sie sind Feinschmeckerin oder Feinschmecker und ärgern sich von Montag bis Freitag über die miese Qualität des Kantinenessens. Irgendwann, Sie haben beim vegetarischen Wrap mal wieder auf einen Knorpel gebissen, fragen Sie sich: Was mache ich hier eigentlich?“ Sie empfinden das als erhebliche Einschränkung an Lebensqualität und bezeichnend für den mangelnden Respekt, den Ihr Arbeitgeber der Belegschaft entgegenbringt.

Andererseits: Ist das wirklich alles so schlimm? Zahlt es sich für Sie aus, sich jeden Tag zu empören, womöglich kollektiv mit den Kolleginnen und Kollegen? Oder gelingt es Ihnen, milde drüber zu lächeln? Weil Sie wissen, was Ihr Job Ihnen im Ganzen jeden Tag an Highlights bereithält? Gelingt es Ihnen zu sagen: Ich arrangiere mich mit dem Nachteil, weil die Vorteile überwiegen? Wenn nein, dann: Change it!

Tun Sie das, was in Ihrer Macht liegt, die Situation für sich zu verändern. Bringen Sie sich das Essen von zu Hause mit, gehen Sie in der Mittagspause in die kleine Salatstube zehn Minuten zu Fuß entfernt. Oder ergreifen Sie die Initiative und regen Sie im Zusammenspiel mit dem Team beim Arbeitgeber an, den Betreiber der Kantine zu wechseln. Alles keine Option und deshalb umso ärgerlicher? Dann: Leave it!

Weg da. Wenn Sie nach Abwägung der Fürs und Widers zum Ergebnis kommen, dass die Kantinenqualität alle Vorteile der Arbeit zunichte macht, dann: Kündigen Sie. Sagen Sie hingegen: Das kann ich mir nicht erlauben, ich brauche den Job, ich verdiene gutes Geld, ich finde nichts Adäquates irgendwo anders – dann bleiben Sie. Sie haben sich gerade dazu entschieden, dass eine Kündigung nicht im Verhältnis steht. Und dann können Sie sich den Ärger über die Kantine auch sparen. Sie haben sich ja bewusst dazu entschieden, den Nachteil in Kauf zu nehmen.

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Das Kantinen-Beispiel ist natürlich banal, aber es zeigt, wie Sie nach Ihren Frustsignalen abwägen können. „Was mache ich hier eigentlich?“ ist Ihr perfekter innerer Weckruf, das Prinzip von „Love it, change it or leave it“ durchzuspielen. Schlucken Sie den „WMIHE“-Frust nicht runter. Er ist sozusagen ein Geschenk Ihres Innersten an Ihr Hirnzentrum für Karriereplanung. Und auch ganz nützlich, wenn Sie sich mal wieder überlegen, zur Stichsäge zu greifen.

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