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Reden halten: Warum Sie die Inhaltsangabe vorab weglassen sollten

Wenn Sie überzeugender präsentieren wollen, sollten Sie als erstes die Inhaltsangabe über Bord werfen. Ihr Publikum wird den Überblick vermissen. Und das ist sehr gut für Sie.

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Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Berater für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung.

Würden Sie für etwas, das Sie in fünf Minuten erledigen könnten, freiwillig zwei Stunden investieren? Nein. Nein? Ich schon. Dazu gleich mehr.

Wenn Sie diese Kolumne regelmäßig lesen, dann kennen Sie meine feste Überzeugung: Wenn wir uns schon den Stress antun, vor anderen auf die Bühne zu steigen und zu reden, während uns dutzende oder sogar hunderte Augen mustern, dann sollten wir unsere Mühe dem einem großen Ziel widmen: unsere Zuhörer von unserem Anliegen zu überzeugen.

Das klingt simpel – und das ist doch eine gute Nachricht. Es lohnt sich also immer wieder, diesem Ziel mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Denn so einfach diese Zielbeschreibung klingt, so einfach ist es, sie in der Vorbereitung aus den Augen zu verlieren.

Egal, ob Sie darüber reden, ob es Sinn ergibt, die T-Shirt-Kollektion künftig statt in Bangladesch in Portugal nähen zu lassen, oder ob Sie das Für und Wieder von Zootierhaltung abbilden wollen: Bevor Sie daran arbeiten können, wie Sie am besten von Ihrem Anliegen überzeugen, müssen Sie es erst einmal definieren. Also: Wovon wollen Sie überzeugen?

Es lohnt sich, hier in Ruhe in sich zu gehen. Denn es geht nicht immer nur um die Sache. Wenn ein Ministerpräsidentenkandidat oder eine -kandidatin eine Rede zum Thema Inflation hält, geht es ihm oder ihr nicht nur um die Inflation. Sondern auch darum, in der Gunst der Wahlberechtigten zu steigen. Das ist legitim. Er oder sie muss das nur bei der Erarbeitung der Rede berücksichtigen.

Typische Nebenanliegen sind:
– Ich will meinen Vorgesetzten gefallen.
– Ich hoffe auf weitere Engagements als Rednerin oder Redner.
– Ich will meinen Gegenredner unglaubwürdig wirken lassen.
– Ich möchte keinem auf die Füße treten und von allen gemocht werden.

Nehmen wir den letzten Aspekt: Wenn Sie die Belegschaft davon überzeugen wollen, dass es sinnvoll ist, Arbeitsplätze abzubauen, dann wird es Ihren Auftritt ganz wesentlich beeinflussen, ob Sie gleichzeitig von allen gemocht werden wollen (oder sich stattdessen für eine Abwerbung durch die Konkurrenz empfehlen wollen). Riskant für Ihren Erfolg wird es, wenn Sie sich der Nebenanliegen nicht bewusst sind. Dann kann es passieren, dass diese halbgar in Ihrem Kopf herumwandern, und Sie daran hindern, Ihr Hauptanliegen zu erreichen, ohne dass Sie Ihrem Nebenanliegen näher kommen.

Und genau das ist in der Regel der Fall, wenn Sie eine Inhaltsangabe vor Ihren Vortrag setzen. Wie komme ich drauf?

Wenn wir vor Menschen reden, dann tun wir das nicht, weil leider das Internet abgestürzt ist und wir keine E-Mails schicken können. Sondern wir reden vor Menschen, weil dies der beste Weg ist, bei den Anderen die Gemütslage auszulösen, die in unserem Sinne ist. Dank emotionaler Geschichten, wie sie so nur wir selber vortragen können, witziger Nebenbemerkungen, die in Texten verpuffen würden, spontaner Einbindung von Zuschauerfragen oder -einwürfen. Nichts begeistert mehr als wir persönlich.

Und wir können nur dann glänzen, wenn unser Publikum uns aufmerksam zuhört. Sie müssen dafür die Anderen durchgängig am Ball halten. Sie können sie dazu nicht zwingen, aus Höflichkeit oder Respekt Ihnen gegenüber interessiert zu sein. Die Leute tun es nur, wenn sie sofort einen Vorteil verspüren: nämlich die Aussicht darauf, dass Sie das Interesse der Zuhörer befriedigen. Das Interesse an dem, was Sie zu erzählen haben.

Wie schaffen Sie das? Zurück zum Aspekt Themenübersicht/Inhaltsangabe/Agenda.
Dient eine Inhaltsangabe zu Beginn der Rede dazu, die Zuhörer am Ball zu halten? Wenn ja: Her mit den Inhaltsangaben. Wenn nein: Weg damit! Ich sage: Weg damit.

„Als erstes möchte ich Ihnen gleich gerne erörtern, wie es zu dieser Tagung heute gekommen ist, dann ein Blick auf den aktuellen Stand zum Image unserer Marke gerade in der jungen Zielgruppe. Dann die Frage: Wie sind die Nutzungsgewohnheiten der jungen Leute in den sozialen Medien im Vergleich zu vor zehn und fünf Jahren? Um dann am Ende Möglichkeiten aufzuzeigen, wie wir künftig dank der Erkenntnisse...“

Warum eine solche Inhaltsangabe? Wenn ich das Rednerinnen und Redner im Coaching frage, lauten die zwei häufigsten Antworten:
– Damit die Leute wissen, was auf sie zukommt.
– Weil eine Inhaltsangabe üblich ist und deshalb erwartet wird.

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