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Karriereleiter

Rhetorik: Souverän reagieren bei Witzen auf Ihre Kosten

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Scherz oder getarnter Ausgrenzungsversuche?

2. Der Witz kommt gut an, kränkt uns aber

Vor Zuhörern müssen wir in Sekunden entscheiden, wann es eine gute Idee ist, aus persönlicher Befindlichkeit zurückzuschlagen. Denn wenn ein Witz für Außenstehende charmant wirkt, dann könnte eine persönliche Kränkung, von der keiner etwas ahnt, uns selbst ins Aus manövrieren.

Beispiel: eine Diskussion unter Kolleginnen und Kollegen über Kinder oder Karriere oder beides? Und da sagte einer, nennen wir ihn Daniel, vor versammelter Mannschaft: „Katja hat sich ja offenbar entschieden: weder Kinder, noch Karriere“. Dieser Gag wäre eigentlich ganz gelungen gewesen, war doch für alle offensichtlich, dass Katja eine beachtliche Karriere hingelegt hatte, so dass der Spruch nur anerkennend ironisch gemeint gewesen sein konnte.

Was aber keiner wusste: Katja hätte sehr wohl gerne Kinder gehabt, es war ihr aber nie vergönnt gewesen. Daniels Spruch traf sie ins Mark. Sollte sie nun mitlachen oder ihrem Entsetzen freien Lauf lassen?

Mein Tipp: Immer dann, wenn andere Scherze reißen, die harmlos sein sollen, aber unsere wunden Punkte treffen, ohne dass dies jemand ahnt, gilt: Machen wir uns klar, dass der andere es nicht böse meint. Dies hilft bei der Entscheidung, ob es angebracht ist, den eigenen wunden Punkt aufzudecken.

Grundsätzlich spricht nichts gegen Offenheit und Ehrlichkeit. Aber wer im Hinterkopf hat, dass hier kein Grund für Empörung ist, weil es nur gut gemeint war, hat mehr Gelassenheit, um den richtigen Zeitpunkt auszuwählen, sich den Kollegen zu öffnen.

Nun könnte man sagen: Witze über Kinderlosigkeit sind immer ein großes Potenzial für Fettnäpfchen. Ok, das mag sein. Das Gleiche gilt für nette Witze übers Aussehen, Alter, Ausdrucksweisen. Gerade Akzente werden von Außenstehenden oft als unverwechselbar charmant wahrgenommen, da liegen kleine nett gemeinte Parodien nah. Wer mit Akzent spricht, hört es aber oft nicht gern, dass er mit seiner Art zu reden irgendwie Außenseiter ist.

„Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, lieber Uwe…“ Einfach nur mal so ein Gag? Schmeißen wir unser extrafeines Mobbing-Radar an: All diese Scherze können auch getarnte Ausgrenzungsversuche sein. Im Zweifel unter vier Augen ansprechen. Und sich den Rat von befreundeten Kollegen einholen.

3. Der finale Rettungsschuss: Ironisches ernst nehmen

Am Anfang ging es noch darum, den Schlagabtausch mit Spaß am Witz mitzumachen. Es gibt allerdings Leute, die sich bewusst so ausdrücken, dass wir uns nicht sicher sein können: Meint der oder die das jetzt ernst oder ist das übertrieben oder ironisch gemeint. Das verunsichert, weil es passieren kann, dass man sich in der Interpretation für die falsche Ebene entscheidet und dem Anderen damit auf den Leim geht.

„Ihr Konzept ist ja so lang, da muss man sich ja einen Tag freinehmen, um es zu lesen.“



„Oh. Tut mir leid, wenn Sie das viel Zeit gekostet hat.“

„Nein, nein, Quatsch, war ein Witz. Alles gut.“

Ja, was denn jetzt? Das Gegenteil von der Wahrheit zu sagen, ist keine Kunst. Die Masche ist billig, führt aber zu Verwirrung. Und weil der Andere ja angeblich zum Scherzen aufgelegt ist, kann man kaum etwas dagegen sagen. Sonst ist man schließlich ein Spielverderber. Oder? Vielleicht ja, aber Sie verderben das unfaire Spiel ja völlig zu recht. Achten Sie darauf, ob Ihr Gegenüber diese Ironie-Verunsicherungs-Taktik häufiger fährt. Viele tun dies aus eigener Verunsicherung. Auch unbewusst. Wer sich so ausdrückt, dass man das Gesagte nicht so richtig greifen kann, ist obenauf. Aber nicht mit uns:

„Oh, ist das kalt hier drin.“

„Finden Sie? Ich finde es angenehm warm.“

„War ironisch. Es ist fast zu warm. Machen Sie sich keine Sorgen.“

„Ach, das sollte witzig sein. Wenn Sie wollen, mache ich zur Abkühlung auch kurz die Fenster auf. Sagen Sie einfach ehrlich, wie Sie es gerne möchten.“

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