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Karriereleiter
Quelle: dpa

So vermeiden Chefs peinliche Szenen beim Sommer im Büro

Viele Dresscodes im Büro schlagen unnötig auf den Kreislauf. Aber lassen die Chefs die Leine zu locker, tanzt mancher mit den peinlichsten Urlaubsklamotten an. Ein neuer Styleguide fürs Büro kann die Rettung sein.

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Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Berater für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung.

Ich habe mal in einem Unternehmen gearbeitet, da gab es den Casual Friday. Während also etwa die Controller Montag bis Donnerstag im langärmeligen hellblauen Business-Hemd zur Arbeit kamen, sahen sie am Freitag aus, als hätten sie ihr persönliches Heute-hau'n-wir-auf-die-Pauke-Ventil geöffnet. Freitag war der Tag der schlimmen T-Shirts. Im Urlaub aus einer Bierlaune heraus am Strandboulevard gekauft, in der Firma aufgetragen. Wieso nicht? Casual Friday ist doch dieser Tag, an dem man schlecht angezogen sein darf, oder nicht?

Dann wiederum kenne ich es aus dem Medienbetrieb so, dass studentische Aushilfen, die zum ersten Mal Kontakt mit dem richtigen Berufsleben haben, nicht wissen, ob überhaupt irgendjemand etwas auf den Dresscode gibt. Man ist per du, alles locker, warum nicht mit kurzen Hosen am PC sitzen, deren Beine man jüngst eigenhändig kurz unter dem Hosenstall abgeschnitten hat? Es ist warm draußen? Dann halt Tanktop und Badelatschen. Und dann kommt ein Gast zum Interview in Schlips und Kragen ins Haus und wird spontan von einem halbnackten Beach-Twen an der Pforte empfangen.

Macht das alles was? Geht es heutzutage nicht vor allem darum, authentisch zu sein? Kann ein selbstbewusstes Unternehmen seine Leute nicht rumlaufen lassen, wie sie wollen? Immer mehr Konventionen fallen, die alte Schule beugt sich im frischen Wind der professionellen Leichtigkeit. Anschreiben bei Bewerbungen: Zumutung für die Bewerber, einfach weg damit. Du hast Kinder zu Hause und willst trotzdem arbeiten? Mach Homeoffice. Du wirst in Kolumnen bei der WiWo manchmal einfach so geduzt? Fällt kaum mehr auf.

Sind in dieser Zeit Dresscodes noch zeitgemäß oder einfach nur eine spießige Gängelung, die einen Pflock treibt zwischen Geschäftsführung und Belegschaft? Ist es nicht schon ein schlechtes Zeichen, wenn die Mitarbeiter nach Feierabend zu Hause denken: „Puh, erstmal raus aus den Jobklamotten!“?

Die Frage nach einem Dresscode ist wie so oft mal wieder eine Frage der Zielsetzung. Was wollen wir mit dem, was wir an Erwartungen, Regeln und Vorschriften an andere rausgeben, erreichen?

Und hart entlang dieser Frage würde ich an Ihrer Stelle alles zum Thema Dresscode in Ihrem Unternehmen entscheiden. Also, was wollen Sie?

- Maximales Wohlfühlambiente bei der Arbeit? Erlauben Sie im Hochsommer kurze, luftige Kleidung.
- Kunden beeindrucken? Dann analysieren Sie, wie Sie das angestrebte Image Ihres Unternehmens mit passend gekleideten Mitarbeitern unterstreichen können (Apple Stores: einheitliche T-Shirts, Anlageberatung: Anzug und Krawatte – oder vielleicht doch mal ein hoch geschlossenes Poloshirt?)
- Dass Ihre Mitarbeiter auf den ersten Blick als die Ihren erkennbar sind? Wie beim Bordpersonal im Flugzeug und im Zug.
- Das Zusammengehörigkeitsgefühl durch einheitliche Kleidung unterstreichen? Keine Extrawürste mit Wildleder-Birkenstocks zwischen auf Hochglanz gewienerten Budapestern.

Das wäre alles gar nicht so schwer. Der Knackpunkt ist aber: Der unausgesprochene Grund für einen Dresscode ist ganz häufig ein anderer, nämlich zu verhindern, dass Mitarbeiter mit einem wenig gefestigten Stil sich so kleiden, wie es nur ihnen selbst ganz allein gefällt. Es ist die Angst vor zu ausgewaschen, zu aufreizend, zu altmodisch, zu gleichgültig, zu gewagt aber nicht gekonnt.

Denn gerade weil viele an 80 Prozent aller Arbeitstage in Kleidung für Raumtemperatur 22 Grad ins Büro gehen, müssen sie für die letzten 20 Prozent ihr Weniges an Urlaubsgarderobe aktivieren. Viele haben schlicht keine ansehnliche Bürokleidung für heiße Tage.

Es gibt in vielen Kleiderschränken offenbar nur DIE kurze Hose. Und weil kurze Hosen nur wenige Tage pro Jahr zum Einsatz kommen, halten die leider ewig. Achten Sie mal drauf. Viele haben auch schon dieses Jahr wieder die 4/5-langen Dinger mit den aufgenähten Oberschenkeltaschen und den Bommelbändern an, mit denen man die Hose an den Waden zusammenzurren könnte, wenn das nicht noch schlimmer aussähe. Diese Hosen sind seit rund zehn Jahren out. Dazu dann Socken, die man sonst zum Glück im Verborgenen unter langen Hosen trägt, und Schuhe, die man vielleicht im Jahr 2030 ironisch dazu kombinieren kann, aber nicht nach gängigen Styleguides 2019. Das sieht nicht gut aus.

Was also tun, um diese Kombi im Berufsalltag zu vermeiden? Viele Firmen machen es sich einfach und erlegen ihrer Belegschaft knackige Dresscodes auf, etwa „Männer: lange Hosen, geschlossene Schuhe, geknöpfte Hemden mit Kragen“. Peng! So bleibt allen die Shorts aus alten Zeiten erspart.

Nachteil: Der Dresscode schnürt den Leuten die Luft ab. Rein klimatisch (zu heiß) und emotional (Vorschriften geben einigen Orientierung, andere fühlen sich gegängelt).

Wie wäre es stattdessen mit dem Flexi-Dresscode? Der könnte drei Stufen haben:

1. Legen Sie einen ersten Dresscode fest für alle, denen andere Dinge im Leben wichtiger sind als ihr Äußeres. Das ist der Dresscode, mit dem keiner etwas falsch machen kann.
Beispiel Männer: Anzug mit Krawatte
Beispiel Frauen: zweiteiliges Kostüm

2. Geben Sie denen, die Spaß am Styling haben, einen Unternehmens-Styleguide mit bebilderten Beispielen an die Hand. Den könnten Sie ja vorab gemeinsam mit modeinteressierten Leuten aus dem Team erarbeiten. Das erfordert etwas Mühe und je nach eigener Stilsicherheit der Geschäftsführung vielleicht auch externe Beratung, die sich aber schnell und gerade an heißen Tagen in einem besseren Betriebsklima niederschlägt.
Beispiel Männer: halsnaher Ausschnitt bei T-Shirts, legere Sakkos in Kombination mit Longsleeves, Sneaker in eleganter Optik, Poloshirts hochgeschlossen. Shorts nur als Chinos, gekrempelt bis kurz über das Knie
Beispiel Frauen: Wickelkleider in knieumspielender Länge bis höchstens Handbreite über dem Knie

Nageln Sie mich bitte nicht auf modische Details fest, ist bin kein Stylist. Aber es geht ums Grundsätzliche: Geben Sie Ihren Leuten Leine. Aber helfen Sie denen, die sich unsicher fühlen.

3. Nennen Sie die Grenzen des guten Geschmacks aus Ihrer Sicht. Sagen Sie, was nicht geht. Das macht es für alle einfacher. Etwa so:
Beispiel Männer: keine Sportkleidung, keine Jeans mit starken Waschungen und Lochoptik, keine ausgelatschten Sneakers, keine Outdoor-Kleidung, keine Socken in Sandalen
Beispiel Frauen: keine Röcke kürzer als eine Handbreit über dem Knie, keine Flipflops mit dünnen Kunststoff-Bändern im Strandlook, keine bauchfreien Tops

Die größten Pannen beim Büro-Sommer-Outfit
Füße in Flipflops Quelle: dpa
Nackte Füße in Schuhen Quelle: Fotolia
Frau im Minirock Quelle: dpa
Stringtanga lugt aus einer Jeans hervor Quelle: dpa
Durchsichtige Oberteile Quelle: Fotolia
Tattoos im Blickfeld Quelle: dpa
Üppiger Ausschnitt Quelle: dpa

Das wirkt alles sehr kleinteilig. Aber warum nicht mit Liebe zum Detail? Styleguides sind eben ja nur Richtlinien für Leute, die gerne variieren wollen, statt immer nur auf Nummer sicher zu gehen. Als Teil des Flexidresscodes. Für mehr Ich-selbst-sein-Dürfen.

Wenn Sie sich mit Ihrem Team auf klare Leitlinien einigen, profitieren Sie noch von einem anderen Vorteil: Sie können auf die Regeln verweisen, wenn jemand einmal etwas zu offenherzig, abgewetzt oder gleichgültig gekleidet anrückt: „Guck doch mal in den Styleguide.“

Und wenn Sie jetzt noch Budget übrig haben: Hauen Sie eine Einmalzahlung Sommer-Dresscode-Geld raus.

Sehen Sie den Aufwand als Teil einer Mitarbeiterfortbildung. Dazulernen in Sachen „Kleider machen Leute“ ist so gesehen genauso hilfreich wie Schulungen in Sachen Konfliktmanagement und Prozessoptimierung oder so. Es macht selbstsicher. Und wer nach Ansicht vieler besser aussieht, hat im Zweifel nur Vorteile. Und wenn das dann auch noch in kurzer Hose und Spaghettiträger-Kleid klappt, bleibt Ihr Team auch an den heißen Tagen gut gelaunt, produktiv und gesund.

Mikrofon kaputt, Lampenfieber vor der Präsentation, keine schlagfertigen Argumente? In seiner Kolumne „Karriereleiter“ gibt Marcus Werner Tipps zu den großen und kleinen Katastrophen des Berufslebens.

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