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Karriereleiter Vorm großen Auftritt: Keine Scheu vor Selbstgesprächen

Selbstgespräche: Wie sie uns helfen, unsere Gedanken zu ordnen Quelle: imago images

Laut zu reden, obwohl keiner zuhört: Das ist nicht plemplem, das ist professionell. Und tut gut. Aus zwei Gründen.

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Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Berater für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung.

Ich möchte Ihnen eine kleine Anekdote aus meiner Kindheit aufs Auge drücken. Damals, als ich von der Grundschule kam, habe ich mich regelmäßig vor dem Mittagessen ins Badezimmer verdrückt. Es war mir zum einen ein biologisches Bedürfnis, zum anderen machte es mir aber auch Spaß. Warum, das war meiner Mutter nicht klar, als sie mich einst beiseite nahm und mich fragte: „Wenn du dich da im Badezimmer einschließt, mit wem redest du da eigentlich immer? Hast du da einen Phantasie-Freund oder was?“

Die konnte das hören? Verdammt. Aber Phantasie-Freund? Ich musste doch schon sehr bitten. Nein, nein, ich habe Fernsehmoderator gespielt und mir vorgestellt, ich würde wie Michael Schanze 1, 2 oder 3 moderieren. Und dieser eine Aufkleber auf dem Badezimmerschrank, der war das Kamera-Objektiv. Ganz einfach. Nur: Das alles im Detail meiner Mutter zu erklären, das hätte doch zu weit geführt. Deshalb lautete die Antwort auf ihre Frage: „Ich rede nur mit mir selber.“ Damit war die Sache vom Tisch. Zwanzig Jahre später habe ich dann tatsächlich im Kinderfernsehen moderiert. Und ich würde sagen: Die Übung hat mir gutgetan – weil sie mir Selbstsicherheit gegeben hat.

Worauf ich hinaus möchte: Selbstgespräche können auf andere sonderbar wirken. Aber keine Sorge: Bis auf seltene Ausnahmen (um die es hier nicht geht), haben Selbstgespräche nichts mit einer seelischen Krankheit zu tun. Im Gegenteil: Sie helfen zum einen, die eigenen Gedanken zu ordnen. Und zum anderen, Selbstsicherheit beim Reden vor anderen anzutrainieren. Das macht Sie vor Publikum viel souveräner.

1. Selbstgespräche ordnen die Gedanken

Wir denken in Sprache. Unsere Sprache hilft uns, klare Gedanken zu fassen. Ohne Sprache mit klar definierten Begriffen wie bitter, süß, salzig, sauer könnten wir zum Beispiel nicht denken: Diese Orangen-Eiscreme schmeckt mir, weil sie nicht so sauer ist und ich diese leicht bittere Note gut finde. Erst unsere Sprache ermöglicht es, uns hier gedanklich festzulegen.

Das gilt nicht nur für die eigene Meinung zum Geschmack von Desserts, das gilt auch bei inneren Konflikten, dem konfusen Gefühl von Unentschlossenheit.

Eine Freundin erzählte mir einst, wie sie von ihrer Chefin in einer Konferenz vor wichtigen Leuten bloßgestellt wurde. Dieses brutale Foul hatte das Potenzial gehabt, ihrer Karriere richtig zu schaden. Die bösartige Demütigung hatte meiner Freundin derartig zugesetzt, dass sie tagelang frustriert war und kaum ein Auge zutun konnte. Sie erzählte mir: „Am Wochenende bin ich dann für einen langen Spaziergang alleine in den Wald gegangen und habe in Zimmerlautstärke klar und deutlich vor mich hin gesprochen, als stünde ich vorm Arbeitsgericht und würde auspacken. Was ich der blöden Kuh im Detail vorwerfe: Erstens, zwotens, drittens. Und welche Konsequenzen ich daraus ziehen werde: Erstens, zwotens, drittens. Und danach kam ich mit einem roten Gedankenfaden wieder zurück nach Hause. Da konnte ich endlich wieder mal durchschlafen.“

Und so konnte sie schließlich gut sortiert das Gespräch mit ihrer Chefin suchen.

Laute Selbstgespräche haben einen Vorteil: Wer beim Denken laut redet, durchdenkt den Inhalt dezidierter Wort für Wort, als würde er ohne Punkt und Komma vor sich hin denken. Die Suche nach den richtigen Begriffen schärft den eigenen Standpunkt. Wir durchschauen uns besser.

Dabei hat es sich offenbar bei vielen „Mit-sich-selbst-Rednern“ bewährt, in der dritten Person von sich zu sprechen. Also nicht: „Was nervt mich an meiner Chefin?“, sondern „Was nervt Marcus Werner an seiner Chefin?“ Zugegeben etwas für Feinschmecker. Aber dadurch entsteht offenbar oft ein noch klarerer Blick auf die Situation. Sozusagen von außen. Obwohl es um uns selbst geht. So tricksen wir uns mit lautem Sprechen zu unseren eigenen Gunsten aus.

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