WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Karriereleiter
Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Quelle: dpa

Was Sie von Laschets Rhetorik lernen können – und er auch

Der Auftritt des CDU-Chefs bei Markus Lanz vergangene Woche hat gezeigt, wie brenzlig es wird, wenn man auf Nachhaken rhetorisch nicht vorbereitet ist. Was tun, wenn der Fragesteller in Schlachtlaune ist? Ein paar Tipps.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Berater für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung.

Wer fragt, führt. Das haben Sie in dieser Kolumne schon an anderer Stelle gelesen. Und eine der wichtigsten Schlussfolgerungen für Ihre eigene erfolgreiche Rhetorik muss sein: Herrschen Sie ganz allein über Ihre Antworten!

Soll heißen: Lassen Sie sich durch den Fragestil nicht vorschreiben, wie Sie auf die Fragen reagieren. Die Antwort muss nicht im Sinne des Fragestellers sein. Sondern in Ihrem Sinne. Und warum? Weil es immer darum geht, dass Sie Ihr Ziel erreichen, die anderen von Ihrem Anliegen zu überzeugen.

Reißen Sie den inneren Denkzwinger ein, in den wir damals in der Schule gesperrt worden sind, wo wir gelernt haben, dass eine Frage nur dann gut beantwortet ist, wenn die Antwort dem Fragesteller gefällt. Damit es volle Punktzahl gibt.

Im Interview, in der Podiumsdiskussion oder in einem heißen Schlagabtausch in der Konferenz vor Kollegen entscheiden Sie selbst, worauf es Ihnen ankommt. Jetzt gilt es: Tappen Sie nicht in die Falle des Fragenden, der ganz eigene Ziele verfolgt. Behalten Sie Ihr Ziel vor Augen. Dafür müssen Sie es nur kennen.

Dem CDU-Vorsitzenden Armin Laschet ist das nach Meinung vieler Beobachter bei seinem Auftritt in der Sendung Markus Lanz vergangene Woche nicht gelungen. Beobachter mutmaßen schon, dieses Interview habe womöglich eine Chance auf die Kanzlerkandidatur zunichte gemacht.

Was war passiert? Lesen wir zunächst einmal ein paar ausgewählte Sequenzen der Dialoge.

Zur Frage, warum die Bundeskanzlerin in ihrem Interview mit Anne Will Laschets NRW beispielhaft für die Bundesländer genannt hat, die bei den Corona-Vereinbarungen ausscherten:



„Wo haben Sie am Sonntagabend gesessen, als die entscheidenden Sätze fielen?“

Laschets Reaktion: amüsiertes Lachen, herunterspielendes „Pffff“, dann: „Ich habe Anne Will geguckt.“

„Sie waren zu Hause?“

„Nein, ich war in Berlin.“

„Sie waren in Berlin? Was haben Sie erwartet und was haben Sie bekommen?“

„Nein, das, das, das,…“

Lanz lacht: „Ja, doch! Das war meine Frage.“

„Ich hatte an dem Tag auch Kontakt gehabt mit der Bundeskanzlerin. Wir haben über vieles gesprochen. Und Anne Will hat sehr geschickt, sehr auf den Punkt dreimal nachgefragt. Und daraus ist das entstanden.“ (Also die Kritik an NRW)

Später wird ein Ausschnitt von Anne Will gezeigt. Die Juristin Helene Bubrowski sagt danach in der Studio-Runde: „Jetzt sagt die Kanzlerin: Armin, so nicht.“

Laschet: „Das hat sie nicht gesagt. Sie hat ja gesagt.“

Lanz später: „Es war die Kanzlerin selbst, die NRW ins Spiel gebracht hat. (…) Und wir beide kennen uns lange und gut genug. Wir schauen uns dabei tief in die Augen: Das war kein Zufall.“

Laschet stutzt wortlos, murmelt dann irgendetwas wie „Ich glaube doch“.

Lanz: „Warum macht sie das?“

Laschet: „Nein, ich bin auch nicht bereit, ich kenne sie so gut…“

„Haben Sie sie das gefragt?“

„Wir haben so ein gutes Vertrauensverhältnis und ich bin mir sicher, sie wollte damit keinen Schaden auslösen. Ihr ist das Thema sehr wichtig. Wir haben über Wochen übrigens diskutiert.“ Jetzt lenkt Laschet das Gespräch auf die Entscheidungen der MPK. Kurz: Ab 100 gilt die Notbremse, mit der kleinen Feinheit, dass mit einer Teststrategie auch die Läden Kunden mit Termin hineinlassen dürfen.

Lanz: „Aber das ist ja ihr Punkt. Das will sie ja nicht.“

„Nein, ja, aber da hat sie natürlich recht. Das ist in Niedersachsen so…“

„Aber warum macht sie das? Warum sagt sie dann nicht Niedersachsen? Warum sagt sie NRW?“

Laschet sichtlich genervt: „Ich weiß es nicht. In der Sekunde fiel ihr vielleicht NRW ein.“

„Haben Sie danach mit ihr telefoniert noch mal?“

„Ich spreche nicht über Telefonate mit der Bundeskanzlerin, Sie können aber sicher sein…“

„Nein, ob. Ob.“

„Auch nicht.“ Lächelt abwiegelnd. Später:

„Warum hat sie es gemacht?“

„Ja, dann laden Sie sie ein, hier ist doch bestimmt noch ein Stuhl frei.“

Was ist aus Sicht des Antwortenden schief gelaufen?

„Lassen Sie uns doch über die Sache reden.“

„Nein. Entschuldigung, Sie sind der neu gewählte CDU-Chef. Und diese Geschichte ist, ab dem Moment, wo sie das macht, mit Ihnen verbunden(…).“

„Ja, ich habe meine Position und die habe ich deutlich gemacht. Die kann auch eine andere sein als die der Kanzlerin.“

Später Lanz: „Sie beschädigt sie.“

„Ich empfinde das nicht so.“

Später Lanz: „Aber Sie haben sich doch nicht darüber gefreut.“

„Ich habe mich nicht gefreut.“

Später Lanz: „In München sitzt einer, Frau Bubrowski nickt schon, ich habe neulich den Satz gelesen, der riecht das. Wenn da einer angeschossen ist. Der riecht das.“

Laschet: „Ja, das ist auch nicht angemessen.“

Am Ende wirkt Laschet auf die Hinweise von Lanz, der Bayrische Ministerpräsident Markus Söder würde den Streit zwischen Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden öffentlich kritisieren, kurzzeitig nur noch sprachlos. Und lächelt schulterzuckend. Was ist hier aus Sicht des Antwortenden schief gelaufen? Kurz gesagt: Er wollte über das, was er gefragt wurde, nicht reden. Wie hätte er es abwenden können und stattdessen das Gespräch auf Dinge lenken, die ihm angenehmer sind?

A. Lösungen für Schwachpunkte vorab entwickeln

Mich hat überrascht, dass Laschet offenbar auf die Fragen von Lanz nicht vorbereitet war. Das Schwachpunkt-Thema lag doch sehr auf der Hand: In Zeiten, in der die CDU den Kanzlerkandidaten wählen will, kritisiert die Kanzlerin den CDU-Chef öffentlich für seine Corona-Politik. Was bedeutet das für Laschet?

Die grundsätzliche Entscheidung zwischen „Problem herunterspielen“ oder „zu Problem bekennen“ hätte vorab in Ruhe durchdacht werden können. Ich glaube, dann hätte Laschet sich nicht für den ersten Weg entschieden. Weil der kaum glaubwürdig ist. „Problem bekennen“ hätte das Thema schnell weggewischt und hätte Platz gemacht für das von Laschet angestrebte Gespräch über „die Sache“. Nicht ideal gelaufen aber weiter im Sinne der Bürger.

B. Schwachpunkte selbst abräumen

Etwa so:

Lanz: „Was haben Sie erwartet und was haben Sie bekommen?“

„Ich habe mir schon gedacht, dass die Kanzlerin nicht zufrieden ist mit dieser abweichenden Regel, denn das hat sie mir auch vorab schon persönlich gesagt. Das Interview hat meine Erwartungen also bestätigt.“

„Die Kanzlerin hat explizit NRW erwähnt. Warum?“

„Ja, ich weiß, das wurde von vielen als Affront gegen mich aufgefasst. Klar hätte ich mich gefreut, die Kanzlerin hätte mir diese öffentliche Kritik erspart. Sie sehen ja jetzt in diesem Moment, dass das Redebedarf erzeugt hat. Vielleicht war sie nach den langen Verhandlungen auch mal genervt, dass NRW ihren Vorstellungen nicht in jedem Detail folgt. Aber keiner weiß, was der beste Weg ist. Und sowohl die Kanzlerin als auch ich geben unser Bestes beim Abwägen der Optionen. Wir haben ja ein gutes Verhältnis. Wir können das ab.“

„In München sitzt jetzt einer, der wittert seine Chance.“

„Dass der Bayerische Ministerpräsident in diesem Punkt näher an der Haltung der Kanzlerin ist, stimmt. Aber ich muss meiner politischen Überzeugung folgen, nicht Wahlkampftaktiken. Auch wenn das intuitiv nahe liegen mag. Aber das wäre unfair den Bürgern gegenüber. Auch, wenn ich da jetzt auch mal anecke. Ich meine es gut. Da muss ich mit den Nachteilen für mich selber leben. So etwas entscheidet doch nicht über eine Kanzlerkandidatur. Wir können die Pandemie-Politik nicht aus Scheu vor Reibereien einstellen.“

„Hat die Kanzelrinnen-Schelte Ihnen geschadet?“

„Hoffentlich nicht. Zumindest sicher nicht genützt.“

„Will die Bundeskanzlerin Sie als Kanzler verhindern?“

„Nach all dem, was sie mir bisher gesagt hat, bin ich mir 100% sicher: nein. Es ist eine Uneinigkeit in der Sache.“

Der Effekt: Ein Nachbohren nach ausweichenden, unglaubwürdigen Antworten hätte keine neuen Antworten geliefert. Laschet hätte jedes Mal antworten können: Wie gesagt, komplette Einigkeit wäre schöner. Aber es geht uns allen um die beste Lösung in der Sache.

Letztendlich hat Laschet dies am Ende auch sinngemäß so gesagt. Aber erst nachdem er eine gefühlte Ewigkeit so getan hatte, als sei nichts gewesen. Diese Unaufrichtigkeit war so offensichtlich, dass der Moderator sicher sein konnte, das Publikum auf seiner Seite zu haben. Armin Laschet hat sich auf diese Weise in eine Ecke drängen lassen, aus der er immer wieder nur neu formulieren konnte, dass die Kanzlerin nicht böse auf ihn sei und

dass sie es nicht so gemeint haben werde. Kleiner machen kann man sich als möglicher Nachfolger nicht mehr. Vor allem, wenn einem das Beschwichtigen kaum noch einer glaubt. Und deshalb:

C. Schwachpunkte zugeben

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute wichtig ist, lesen Sie hier


An der Nase herumführen lässt sich keiner gerne. Sobald die Zuschauer denken, das glaubt er doch wohl selber nicht, springt es in seiner Betrachtung des Ganzen auf die Metaebene: Lässt Lanz (als unser Stellvertreter) sich jetzt diese unglaubwürdigen Thesen unterjubeln?

Offensichtliche Schwachpunkte einzuräumen, ist da schon nicht mehr mutig, sondern die letzte Rettung. „Geben Sie doch endlich zu, dass das nicht gut gelaufen ist“: Das ist noch die Frage nach dem Schwachpunkt. „Wie konnte es dazu kommen?“ lädt schon zur Sachdiskussion ein.

Fazit: Wenn Sie merken, dass Sie in der Falle sitzen, glauben Sie nicht, dass es sonst keiner merkt. Gehen Sie offen und ehrlich damit um, dass ihnen der Druck unangenehm ist. Das mag nicht immer und in jeder Situation die brillanteste Lösung sein (etwa auf diplomatischem Parket, wo die Rhetorik üblichen, erwartbaren Mustern folgt). Aber es ist doch ungemein beruhigend, dass wir mit Aufrichtigkeit weiterkommen. Wir müssen uns nicht verstellen und punkten damit auch noch. Einfacher geht’s nicht.

Mehr zum Thema: Der Teleprompter erlaubt uns bei wortgenauen Reden den ständigen Blick in die Kamera. Doch das geht oft auf Kosten der Authentizität.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%