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Klaus und Ralf Murjahn Sie treiben es bunt

In fünfter Generation führt Familie Murjahn Europas größten privaten Farbenhersteller DAW. Alpinaweiß und Caparol sind ihre Bestseller.

Seit 120 Jahren sind die Odenwälder Vorreiter für Nachhaltigkeit. Quelle: Andreas Reeg für Handelsblatt

Ober-RamstadtWas haben der Kreml, die Münchener Allianz-Arena und das Brandenburger Tor gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Doch diese weltbekannten Bauwerke sind alle mit Farben der Deutschen Amphibolin-Werke (DAW) gestrichen. Das verschwiegene Familienunternehmen aus dem beschaulichen Ober-Ramstadt im Odenwald kennen die wenigsten. Die Marken Caparol mit dem bunt-gestreiften Elefanten als Logo und Alpinaweiß hingegen sind international bekannt.

„St. Petersburg ist von uns durchrenoviert worden“, flachst der 81-jährige Klaus Murjahn, der die Geschäftsführung 2008 an seinen Sohn Ralf übergab. Ein anderes Vorzeigeprojekt freut die Familienunternehmer besonders: das Olympia-Stadion von Peking. Die rote Fassadenfarbe hinter dem Vogelnest aus Stahl kommt von DAW. „Internationale Konzerne wollten das Olympiastadion gern als Trophäe haben“, erzählt der Vater. „Aber Ralf hat mit Zähnen und Klauen dafür gekämpft und ihnen das Projekt weggenommen – das war toll“, lobt er seinen Sohn, der bescheiden abwinkt. „Technisch war das sehr anspruchsvoll“, erzählt der 50-jährige Ralf. Denn die Farbe muss in Peking Schneestürme mit minus 20 Grad und Sandstürme bei 40 Grad plus aushalten.

Solche technischen Herausforderungen sind es, die Familie Murjahn seit fünf Generationen antreiben und zu Deutschlands Marktführer für Wandfarbe gemacht haben. Dabei steht Umweltfreundlichkeit seit mehr als 120 Jahren im Mittelpunkt. Die Odenwälder sind heute in Europa der führende privat geführte Farbenhersteller, lediglich Multis wie der niederländische Weltmarktführer Akzo Nobel oder der US-Konzern PPG sind größer. DAW ist oft auch Vorreiter in Sachen Innovation. So reimte ein Wettbewerber zum 75. Geburtstag von Klaus Murjahn: „Es war in der Branche immer schon Brauch – was Murjahn macht, das machen wir auch.“

Der Umsatz von DAW lag zuletzt bei etwa 1,3 Milliarden Euro. Über Gewinne wollen die Murjahns nicht groß reden. Nur so viel: „In unserer Branche kann man gutes Geld verdienen, aber die Bäume wachsen nicht in den Himmel.“ Heute arbeiten weltweit rund 5.600 Menschen für DAW, 1 600 davon in Ober-Ramstadt. Bis zu 2 000 Tonnen Farbe täglich werden allein am Stammsitz produziert. Kürzlich wurde hier eine architektonisch hochmoderne Zentrale eingeweiht. Ein 50 Meter langes, rotes Farbband läuft symbolisch durch die transparenten Flure. Ralf Murjahn sitzt mit seinen Geschäftsführerkollegen in einem gläsernen Büro.

Die Geschichte des Unternehmens begann einst ganz klein. 1885 zog es den Hamburger Kaufmann Ernst Murjahn mit Sohn Eduard in den Odenwald. „Unsere Vorfahren ließen das Tor zur Welt hinter sich, um in der südhessischen Provinz ihr Glück als Unternehmer zu suchen“, erzählt Klaus Murjahn. „Das waren bewegte Zeiten.“ In Hessen erwarben sie Schürfrechte für Mangan, in der Industrialisierung ein wichtiges Erz für Legierungen. Doch die Vorkommen waren nicht so ergiebig wie erhofft. Murjahns mussten ihr Konzept ändern. Hobby-Geologe Eduard Murjahn experimentierte mit dem Mineral Hornblende, einem Silikatgestein aus der Amphibol-Gruppe. Dessen Sohn Robert entwickelte daraus ein Anstrich-Pulver auf Basis von Kreide. „Das musste der Maler statt mit Öl nur mit Wasser anrühren und war sehr umweltfreundlich“, erklärt Klaus Murjahn. 1895 gründete Robert Murjahn die „Deutschen Amphibolin-Werke“.

Die Anstrichmittel waren gefragt und wurden bald bis nach Australien, Afrika oder Java exportiert. „Mein Großvater hat alle Briefmarken der Geschäftskorrespondenz gesammelt. Das Album ist heute in meinem Büro“, sagt Klaus Murjahn. Neben dem Fassadenanstrich entwickelte Robert Murjahn, der stets hanseatisch elegant gekleidet mit der Kutsche durchs Dorf fuhr, bald auch eine Innenfarbe. Als er in seiner geliebten Schweiz im Luzerner Palace Hotel auf die schneebedeckten Gipfel der Alpen schaute, fiel ihm der Name für seine Farbe ein: Alpinaweiß.


Die Firma durchlebte auch schwierige Zeiten

1909 ließ er Alpina, die erste kaltwasserlösliche Leimpulver-Farbe, als Marke registrieren. Heute ist sie die bekannteste Farbenmarke in Deutschland und Favorit der Heimwerker. Das kommt nicht von ungefähr. „Schon mein Urgroßvater hatte ein Händchen fürs Marketing. Wir Murjahns versuchten stets, Preise für unsere Produkte einzuheimsen“, sagt Klaus Murjahn. Seit Jahrzehnten ist Alpinaweiß die meistgekaufte Innenfarbe Europas. Laut GfK ist jede zweite Wand hierzulande damit gestrichen.

1928 dann kam der zweite Bestseller Caparol auf den Markt. Klaus Murjahns Vater Robert jun. hatte Chemie studiert und entwickelte ein wässriges Bindemittel für Ölfarben. Hauptbestandteile waren Casein, Paraffin und Oleum – abgekürzt: Caparol. „Das war damals sensationell, ein großer Fortschritt“, meint Klaus Murjahn. Die Maler mussten vorher ihre Pinsel mit dem scharfen Lösungsmittel Terpentin reinigen. Viele bekamen davon Hautkrankheiten, die sogenannte Malerkrätze.

Die Profifarbe Caparol für Maler ist marktführend in Deutschland. 1984 erfand Klaus Murjahn den bunt gestreiften Elefanten als Maskottchen. Vorbild war eine Fassadenfarbe mit dem Slogan „Farben müssen Dickhäuter sein.“ Das Wappentier steht nicht nur groß vor der Firmenzentrale. Klaus Murjahn trägt auch eine grüne Krawatte mit den kleinen Elefanten und einen Schal mit bunten Streifen, den er selbst designt hat.

Die Firma durchlebte auch schwierige Zeiten. Die zeigen sich in unerfreulichen Briefwechseln mit Banken in den 20er-Jahren und Durststrecken in den Weltkriegen. Rohstoffe für Farben waren knapp. In den letzten Kriegsjahren bis 1945 waren fast nur noch Tarnanstriche gefragt. „Noch heute sieht man auf alten Bunkern unsere verwitterte Tarnfarbe“, sagt Klaus Murjahn.

„Ich habe es nie bereut“

Mit dem Wiederaufbau kam der Bauboom. „Wir kamen mit der Produktion kaum nach und mussten Gastarbeiter aus Italien und Spanien anheuern“, erinnert sich der Senior an die Wirtschaftswunderzeiten. Er war der einzige Sohn und setzte die Tradition des Chemiestudiums fort. Vom Vater hörte Klaus Murjahn: „Du bist völlig frei. Aber es wäre schön, wenn du in die Firma kommst.“ Als er 1970 einstieg, setzten die rund 800 Mitarbeiter knapp 100 Millionen DM um. „Ich wusste erst gar nicht, was ich hier sollte. Mein Vater hatte alles im Griff.“ So verzog Klaus Murjahn sich ins Labor. „Das kam mir als frisch promovierter Forscher am Anfang alles ein bisschen primitiv vor.“ Bis er feststellte: „Hier kann ich eine ganze Menge bewirken. Ich habe es nie bereut.“ Sohn Ralf beschreibt seinen Vater als Vollblutunternehmer. „Er denkt Tag und Nacht an die Firma, die er noch nach Gutsherrenart im positiven Sinne führte.“

Einen zweiten Boom erlebte DAW mit der Wiedervereinigung. Die Firma kaufte von der Treuhandanstalt das ehemalige Kombinat für Lacke und Farben (Lacufa) in Berlin-Treptow. Daraus ergaben sich viele Projekte in Osteuropa von Moskau bis St. Petersburg. Heute macht die DAW-Gruppe etwa 40 Prozent ihres Geschäfts im Ausland, vornehmlich in Europa. In fast allen 30 Ländern, in denen die DAW aktiv ist, gibt es eine eigene Produktion. Zum einen ist Farbe schwer und lässt sich nur im Umkreis bis 1 000 km wirtschaftlich transportieren. Zum anderen variieren Farbvorlieben je nach Land stark.

„Unsere Branche ist ein bisschen wie das Brauereigewerbe“, sagt Klaus Murjahn. „Ein Einheitsbier für Europa gibt es nicht. Auch bei Farben sind die Geschmäcker sehr verschieden.“ So wurde das Weiß im Norden lange etwas grauer gemacht, im Süden eher gelblich. Heute geht der Trend zu stärkeren Farben. Franzosen und Italiener legen schon lange Wert auf Innendesign, das entdecken nun auch die Deutschen. „Die Zeiten der weiß gestrichenen Raufasertapete sind vorbei“, konstatiert Ralf Murjahn. Designerin Jil Sander etwa hat Steintöne aus der neuen Produktlinie Caparol Icons für ihre Ausstellung im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst ausgewählt. Ralfs Schwester Annika Murjahn, 39, die als Kunsthistorikerin für Farben in London arbeitet, hat die neue Farbserie mitkreiert.

Trotz guter Kontakte zu Stararchitekten und Designern sind Murjahns auf dem Boden geblieben. Denn sie wissen genau: Ihre Kunden sind Handwerker, Baumärkte und Fachhändler. „Das ist ein sehr personenbezogenes Geschäft“, weiß Ralf Murjahn, der schon mal einen Tag im Kittel in den Alltag der Maler hineinschlüpft. „Nur deshalb können wir als Familienunternehmen im globalen Wettbewerb bestehen.“


Jugendtraum Pilotenschein

Malermeister Karl-August Siepelmeyer, ehemaliger Präsident des Bundesverbands Farbe, Gestaltung, Bautenschutz, bestätigt: Murjahns sei es gelungen, die sehr konservative und nicht einfache Klientel der Maler für sich zu gewinnen. „Murjahns sind extrem geerdet und offen.“ Hans-Joachim Körber, Verwaltungsratschef der DAW, schätzt die beiden als Unternehmerpersönlichkeiten, bei denen sich naturwissenschaftliche und kaufmännische Talente vereinen. „Beiden gemeinsam ist die Begeisterung für Innovationen mit hohem Kundennutzen, welche sie durch ihr Studium der Chemie stets zur Chefsache erklärt haben“, sagt der ehemalige Metro-Chef. „Ebenso verbindet sie ihr kaufmännisches Geschick und ihr Gespür für nachhaltige Markenführung.“

Zu einer der großen Lebensleistungen von Klaus Murjahn gehöre es, die DAW zu einem international ausgerichteten Unternehmen entwickelt und die historische Chance der deutschen Wiedervereinigung für die Expansion nach Osteuropa genutzt zu haben, so Körber. Auch Ernst Wollstadt von der IG Bergbau, Chemie, Energie, Darmstadt, schätzt DAW als sehr innovatives Unternehmen und verlässlichen Sozialpartner: Es werde sinnvoll investiert – auch am Stammsitz Ober-Ramstadt, wo das Familienunternehmen tief verwurzelt ist. Gewerkschafter Wollstadt erlebt Ralf Murjahn als analytisch denkenden und zugleich nahbaren und aufgeschlossenen Unternehmer. „Er bewegt viel, damit die Firma zukunftsfest bleibt.“

Chemiker mit Pilotenschein

Wie seine Vorfahren studierte auch Ralf Murjahn Chemie und setzte noch einen Doktor in Wirtschaft drauf. Seine Arbeit über „Kostenmanagement in der chemischen Produktentwicklung“ zeichnete die Düsseldorfer Fakultät 2004 als beste Dissertation aus. Dabei hatte Ralf lange damit geliebäugelt, Lufthansa-Pilot zu werden. Seinen Jugendtraum hat er sich inzwischen mit dem Berufspilotenschein erfüllt. Der Vater nahm Ralf früh mit in die Firma, drängte ihn aber nicht. „Ich wollte früher immer, dass mein Vater etwas mit Lasertechnik oder Raketen macht, das hat mich fasziniert“, erinnert sich der Junior. Später wurde ihm bewusst: Obwohl Farbe nur eine dünne, unscheinbare Schicht sei, erzeuge sie im Zusammenspiel mit Architektur Emotionen. Farbe sei heute nicht nur ein technisches, sondern ein Design- und Lifestyle-Produkt.

Nicht nur bei Farben sind die Murjahns Marktführer, auch bei Dämmstoffen spielen sie eine führende Rolle. Die machen inzwischen ein Drittel des Umsatzes aus. 1957 entwickelten sie das erste Wärmeverbundsystem samt Putz. In Österreich ist DAW mehrheitlich an einer Firma beteiligt, die schnell nachwachsenden Hanf zu Dämmplatten verarbeitet. „Wir waren immer ein Pionierunternehmen, besonders beim Umweltschutz“, sagt Ralf Murjahn. Gerade wurden die Odenwälder mit dem dritten Platz beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2018 ausgezeichnet.

„Mein Vater hat schon 1985 als Erster die völlig lösemittel- und emissionsfreien Farben eingeführt. Früher roch es wochenlang nach Farbe, wenn der Maler da war“, sagt Ralf Murjahn. Der Weg der Nachhaltigkeit ist für ihn der einzig moralisch vertretbare – vor allem im Hinblick auf seine Kinder. Ralf Murjahn bedauert, dass die Politik den Klimaschutz derzeit ein bisschen vernachlässige. Wichtig sei hier ein langer Atem. DAW kauft deshalb seine komplette Produktionsenergie klimaneutral ein.

Klaus Murjahn hat sich nach seinem Rückzug in den Verwaltungsrat 2008 der nachhaltigen Landwirtschaft verschrieben. Mit viel Liebe zum Detail sanierte er einen stillgelegten Bauernhof direkt neben der Firma. Im Laden des Eichhofs gibt es Eier und Gemüse. Die Kinder der Betriebskita „Rüsselbande“ freuen sich an den Schafen, Kälbern und Ziegen. Auch Klaus Murjahn liebt nicht nur gestreifte Elefanten. „Das Geschnatter meiner Gänse macht mich richtig glücklich. Ich rede täglich mit meinen Tieren. Die hören mir zu, ohne zu meckern.“

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