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Konzentration Wie Sie auch im digitalen Zeitalter in Ruhe arbeiten

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Mut zur Muße

Der Computerwissenschaftler von der amerikanischen Georgetown-Universität plädiert in seinem kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel „Konzentriert arbeiten“ für „Deep Work“. Darunter versteht Newport einen Zustand völlig fokussierter Tätigkeit. Erst dadurch schaffe man neue Werte, verbessere die eigenen Fähigkeiten und sei schwer zu kopieren. „Sich ganz auf eine Sache konzentrieren zu können“, sagt Newport, „wird zu einer raren, aber wertvollen und entscheidenden Fähigkeit im Arbeitsalltag.“

Künftig gefragt seien jene, die schnell komplizierte Dinge durchschauen. Mittelmaß werde bestraft, Spitzenleistung umso mehr belohnt. Egal, ob IT-Experte, Berater oder Unternehmer: „Um Erfolg zu haben, müssen Sie das absolut Beste bieten, das Sie zu bieten in der Lage sind“, sagt Newport, „eine Aufgabe, die hohe Konzentration erfordert.“

Eines seiner Lieblingsbeispiele ist der berühmte Psychiater Carl Gustav Jung. Der zog sich im Jahr 1922 ins Dorf Bollingen am nördlichen Ufer des Zürichsees zurück. Um sieben Uhr morgens stand er auf, frühstückte in Ruhe und schrieb dann zwei Stunden ohne Ablenkung. Nachmittags meditierte er oder spazierte durch die Gegend, gegen 22 Uhr schlief er ein. „Es ist wichtig, die Allgegenwärtigkeit von Deep Work unter einflussreichen Persönlichkeiten zu betonen“, sagt Newport, „denn sie steht in einem starken Kontrast zum Verhalten der meisten modernen Wissensarbeiter – einer Gruppe, die zunehmend den Wert des Tiefgangs vergisst.“

Konzentriert zu arbeiten ist schwierig geworden in einer Welt voller Ablenkungen. Daran schuld ist eine ungesunde Melange aus Technikhörigkeit einerseits und Missverständnissen andererseits.

Nachdenken ist auch Arbeit

Müßiggang, Stille und Introspektion genießen aktuell keinen guten Ruf. Lange Arbeitszeiten, wenig Freizeit und viele Termine sind in der modernen Arbeitswelt beinahe zum Statussymbol verkommen.

Nachdenken? Gilt nicht als Arbeit. Deshalb tun die meisten lieber irgendetwas, statt einfach nur dazusitzen. Die technologischen Helfer verschärfen das Problem. Sicher, Smartphones und Social Media erleichtern die Kommunikation. Aber sie stören eben auch die Konzentration.

Die Unternehmensberatung McKinsey fand schon im Jahr 2012 heraus, dass der durchschnittliche Wissensarbeiter mehr als 60 Prozent seiner Arbeitswoche mit elektronischer Kommunikation und Internetsuche verbringt. Ein Drittel der Arbeitszeit geht damit drauf, E-Mails zu lesen und zu beantworten. Und vor allem verführt die Technik dazu, Geschäftigkeit zu simulieren und sich selbst einzureden, wie irre produktiv man gerade ist.

Forscher warnen daher zum Beispiel eindringlich davor, morgens im Büro sofort das E-Mail-Programm zu öffnen. Cal Newport bezeichnet solche Momente als „seichte Arbeit“: gedanklich anspruchslose Aufgaben, die sich häufig mit niedriger Aufmerksamkeit erledigen lassen. Doch die hinterlassen nicht bloß langfristig ein schales Gefühl: „Wenn Sie genügend Zeit mit fieberhafter Oberflächlichkeit verbringen“, sagt Newport, „verringern Sie dauerhaft Ihre Fähigkeit, konzentriert zu arbeiten.“

Das gilt für einfache Angestellte – für Topmanager aber erst recht. Für sie ist es angesichts vollgestopfter und Monate im Voraus durchgetakteter Terminpläne traditionell schwer, in Ruhe nachzudenken – dabei werden sie dafür bezahlt, kluge und durchdachte Entscheidungen zu treffen.

Dieser Gefahr ist sich auch Simone Menne bewusst. Die Finanzchefin des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim kennt die Versuchung, sich ständig von Anrufen, Meetings und E-Mails ablenken zu lassen: „Damit kann man sich vor dem anstrengenden Durchdenken eines Themas drücken.“

Sie hat sich daher einige Strategien überlegt und setzt zum Beispiel darauf, Gedanken regelmäßig mit der Hand niederzuschreiben. „Das erfordert das Durchdenken des Themas – und zusammenhängende Sätze machen Argumente und Abhängigkeiten klarer.“ Außerdem versucht sie, morgens vor allen anderen im Büro zu sein: „Damit es nicht schon gehetzt losgeht.“ Und zumindest samstags lässt sie Smartphone und Computer ausgeschaltet. Zugegeben, solche Methoden sind bekannt. Doch inzwischen räumen selbst Topmanager offen ein, dass sie genug haben von ununterbrochenen Unterbrechungen.

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