Krankengeld Was es mit der Teilzeit-Krankschreibung auf sich hat

Deutschland hat Rücken – und Depressionen. Für die Krankenkassen sind lange Arbeitsausfälle ein teurer Spaß. Deshalb ist jetzt eine Teilzeit-Krankschreibung im Gespräch. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Eine Frau fasst sich am 13.10.2012 in Frankfurt am Main (Hessen) mit beiden Händen an den Rücken. Quelle: dpa

Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für das Krankengeld sind in den vergangenen rund zehn Jahren kontinuierlich gestiegen. Die Kosten kletterten jährlich im Schnitt um 8,1 Prozent auf 10,6 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Das zeigt ein am Montag in Berlin vorgestelltes Gutachten des Sachverständigenrats für das Gesundheitswesen. Also soll gespart werden. Um zu sparen, haben Krankenkassen laut Patientenberatern in der Vergangenheit Versicherten immer wieder Krankengeld verweigert. Jetzt hat der Sachverständigenrat Gesundheit vorgeschlagen, Patienten nur zu 25, 50 oder 75 Prozent krankschreiben zu lassen, damit sich Arbeitgeber und Versicherungen die Kosten teilen. Aber von vorne.

Woher kommt das Gutachten?

Wegen der ständigen Steigerungen der Krankengeld-Ausgaben hatte Gesundheitsministerin Hermann Gröhe (CDU) das Gutachten 2014 bei den Regierungsexperten in Auftrag gegeben. Sie sollten zum einen errechnen, wie stark die Kosten für das Krankengeld gestiegen sind, herausfinden, warum das so ist und Lösungsvorschläge machen, wie sich die Kosten eindämmen lassen. Eines der am Montag vorgestellten Ergebnisse: Mehr als acht Milliarden Euro gaben die Krankenkassen allein in den ersten drei Quartalen dieses Jahres für Krankengeld aus.

Was hat es mit dem Krankengeld auf sich?

Eingeführt wurde das Krankengeld bereits mit den Sozialgesetzen unter Reichskanzler Otto von Bismarck. Die Idee dahinter: Kranke Angestellte nicht einfach ihrem Schicksal überlassen, sondern ihnen weiter einen Lohn zahlen, auch wenn sie nicht zur Arbeit kommen können. Sechs Wochen lang ist das die Aufgabe des Arbeitgebers. Ist der Mitarbeiter aber länger krank, springen die Krankenkassen ein. Ab der sechsten Woche übernehmen sie die sogenannte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – zumindest zum großen Teil. In der Regel beträgt das Krankengeld 70 Prozent des Brutto-Lohns, jedoch nicht mehr als 90 Prozent des erzielten Netto-Lohns. Auch vom Krankgeld werden Sozialversicherungsbeiträge abgezogen. Krankengeld kann maximal 78 Wochen für dieselbe Erkrankung innerhalb eines Zeitraums von drei Jahren bezogen werden.

Warum steigt das Krankengeld jedes Jahr?

Dass die Kosten jedes Jahr steigen, hat mehrere Ursachen: Etwa die Hälfte der Ausgaben gehe auf gestiegene Beschäftigung, Löhne und Lebensarbeitszeit zurück, erläuterte Ferdinand M. Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrats für das Gesundheitswesen. Zum einen waren in Deutschland noch nie so viele Menschen in Lohn und Brot wie heute – immer mehr Frauen arbeiten, immer weniger ältere Arbeitnehmer werden vorzeitig in den Ruhestand geschickt. Letzteres spielt bei den Krankheitsständen eine wichtige Rolle: In der Regel fallen Ältere öfter und länger wegen Krankheit aus als junge Mitarbeiter.

Weil die Löhne steigen, steigt auch das Krankengeld – schließlich orientiert es sich an der Höhe des Monatsgehalts. Und: Die psychischen Erkrankungen wie Depressionen und die Zahl der Rückenleiden nimmt zu. Damit steigen natürlich auch die Fehltage: Einen Bandscheibenvorfall auszukurieren oder mit einer Depression fertig zu werden, dauert eben länger, als der Schnupfen oder die Magen-Darm-Grippe.

Symptome einer Depression

Wie hoch sind die Fehlzeiten?

Jedes Jahr steigt die Dauer der Arbeitsunfähigkeit um gut drei Prozent und jedes Jahr steigt die Zahl der betroffenen Versicherten um zwei Prozent. Es sind also jedes Jahr mehr Menschen krank – und die Krankheit dauert jedes Jahr länger. Fast jedem zehnten Krankschreibungstag in Deutschland liegt ein Rückenleiden zugrunde, wie der aktuelle Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK) zeigt. Durchschnittlich 1,4 Tage war 2013 jede TK-versicherte Erwerbsperson – das sind 4,1 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und Empfänger von Arbeitslosengeld I – wegen Rückenbeschwerden arbeitsunfähig. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung ergeben sich rund 40 Millionen Fehltage bundesweit. Statistisch gesehen war jede zwölfte Erwerbsperson 2014 wegen "Rücken" arbeitsunfähig.

Und laut dem entsprechenden Bericht der DAK hat sich seit 1997 die Zahl der Fehltage wegen Seelenleiden verdreifacht. DAK-versicherte Beschäftigte blieben deswegen 2014 an mehr als 6,3 Millionen Tagen zu Hause. Die Daten der Versicherung hochgerechnet sind demnach 1,9 Millionen Menschen betroffen – und jeder 20. Arbeitnehmer war im vergangenen Jahr wegen psychischer Probleme krankgeschrieben.

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